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Pädophilie-Vorwürfe : „Die Grünen müssen den Tätern ein Gesicht geben“

  • -Aktualisiert am

Die Partei und die Pädophilen: „Stadtindianer“ besetzen das Rednerpult auf dem Grünen-Parteitag in Dortmund 1980. Bild: Sven Simon

Die Berliner Grünen haben bis Mitte der neunziger Jahre pädophile Mitglieder in ihren Reihen geduldet. Frauke Homann, einstige Sozialarbeiterin in Berlin-Kreuzberg, spricht über das Netzwerk der Pädophilen, über Vertuschung und die Fehler der Grünen.

          Frau Homann, die Grünen kämpfen nun seit zwei Jahren mit dem Vorwurf, dass sie sexuellen Missbrauch verharmlost und gefördert haben. Wie beurteilen Sie die Aufklärung der Partei?

          Ich habe den Eindruck, der Berliner Landesverband der Grünen nimmt seine Verantwortung ernst. Ich hatte mich 2013 an die Partei gewandt, dann hat es gedauert, ehe ich Antwort erhielt, aber schließlich hörten mich die Grünen an. Ich hatte Informationen über das pädokriminelle Netzwerk in Berlin-Kreuzberg.

          Woher hatten Sie Ihre Erkenntnisse?

          Ich habe lange als Sozialarbeiterin in Kreuzberg gearbeitet. Bereits 1984 und 1985 gab es dort zwei große Missbrauchsfälle, die öffentlich wurden. Als ich dann 1986 an eine Schule wechselte, stieß ich auf einen Missbrauchsfall, in dem hauptsächlich Grundschüler – alles Jungen – über einen längeren Zeitraum Opfer sexueller Gewalt wurden. Da wurde mir klar, das ist ein organisiertes Netzwerk.

          Was hatte das Netzwerk mit den Grünen zu tun?

          Dass sich das ideologische Zentrum bei der damaligen Alternativen Liste befand, also dem Berliner Landesverband der Grünen, wollte ich erst nicht glauben. Ich war fassungslos, immerhin war das meine politische Heimat. Wichtige pädosexuelle Aktivisten und Täter waren Mitglied der Grünen.

          Wie haben Sie das herausgefunden?

          Ausgangspunkt war 1986 eine siebte Klasse, die ich als Sozialarbeiterin betreute. Diese Klasse war extrem auffällig, die Jungen waren übersexualisiert. Sie begrüßten sich mit Sprüchen wie: „Aids - wie geht’s?“ Sie waren extrem unruhig und lösten mehrfach Feueralarm aus. Ihr Sprache war voller sexueller Begriffe und Beschimpfungen. Ich hatte sofort einen Verdacht, traute mich das aber gegenüber den Lehrkräften nicht gleich zu äußern.

          Warum nicht?

          Ich wollte nicht als übergeschnappte Neue gelten. Dann bat eine Mutter um ein Beratungsgespräch, da ihr Sohn als Zeuge zu Gericht müsse. Es ging um sexuellen Missbrauch.

          Was hat Sie damals so erschreckt?

          Der Prozess war öffentlich, mit vielen Zuschauern. Da trat eine Unterstützergruppe auf – und zwar nicht für die Opfer, sondern für die Angeklagten. Es waren Männer, die T-Shirts mit dem Aufdruck „AG Pädophilie“ trugen. Ich war baff. Neben mir saß ein Mann, der sich höflich als ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht vorstellte und sich ebenfalls zu der pädosexuellen AG bekannte. So viel Dreistigkeit hatte ich nicht erwartet. Auf dem Gang vor dem Gerichtssaal saßen die minderjährigen Zeugen zeitweise mitten unter den Pädophilie-Aktivisten. Die betroffenen Jungen wirkten eingeschüchtert – ein absurdes Schauspiel.

          Wer war der Angeklagte?

          Er war einschlägig vorbestraft und hatte mit anderen Pädokriminellen in Kreuzberg einen Nachbarschaftsladen in der Falckensteinstraße eröffnet, in dem nur Jungen aus der Grundschule willkommen waren. Sie wurden von Männern betreut, die mit ihnen auch verreisten und ihnen immer wieder Geschenke machten. Die Gegenleistung war ihr Körper, die Jungen wurden missbraucht. Die Pädosexuellen sahen den Falckenstein-Keller quasi als ihren Sexclub an. Erst als ein Mädchen, das nicht mit in den Keller durfte, vor Wut „Kinderpuff“ an die Tür schrieb, flog es auf.

          Wussten die Eltern, dass es sich um einen organisierten Ring handelte?

          Ich glaube nicht, dass sie das durchschaut haben. Während des Prozesses konnte man sehen, wie manipulativ sich die pädosexuellen Aktivisten verhielten. Einzelne der Männer hatten Kontakt zu den Eltern, gaben sich da aber als verständnisvolle Gesprächspartner. Alleinstehende Mütter wurden wohl auch mit Geld unterstützt. Die Männer luden die Jungen zu sich nach Hause ein, damit sie dort vermeintlich in Ruhe Hausaufgaben machen konnten. Sie durften bei ihnen duschen und übernachten. Die große Schar an Kindern aus Problemfamilien war für diesen Pädosexuellen leichte Beute. Der Angeklagte warnte Eltern sogar vor den bösen Männern vom Bahnhof Zoo, die die Jungen auf den Kinderstrich schicken würden. Er gab sich als Wohltäter und Beschützer aus.

          Wieso kann man die Verantwortung dafür den Grünen zurechnen?

          Der Angeklagte aus dem Prozess und ein weiterer Beschuldigter damals waren das ideologische Zentrum der AG Pädophilie. Und sie waren beide Mitglieder der Alternativen Liste. Innerhalb des Schwulenbereichs der Partei gründeten sie eine eigenständige AG. Wie man heute weiß, hieß sie parteiintern „Jung und Alt“. Politisch ging es denen vorrangig um die Abschaffung der Strafrechtsparagrafen 174 und 176, die sexuellen Missbrauch ahnden. Privat ging es aber ganz anders zur Sache. Da setzten die Erwachsenen ihre sexuellen Vorlieben durch, notfalls mit Alkohol.

          Wer war der Mann auf der Anklagebank?

          In dem am Mittwoch vorgelegten Aufklärungsbericht der Berliner Grünen wird er namentlich erwähnt. Er ist mehrfach wegen sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Der Mann manipulierte fast alle Jungen der Klasse, die ich 1986 übernommen hatte. Er bereitete sie regelrecht auf den Missbrauch vor, indem er ihren Weg aus der Grundschule heraus bis in die Sekundarschule begleitete. Und er spielte eine zentrale Rolle im Schwulenbereich der Berliner Grünen.

          Der Berliner Grünen-Abgeordnete Thomas Birk hat von bis zu 1000 Opfern gesprochen, die es im Umfeld der AL in Berlin gegeben habe. Ist diese Zahl nicht übertrieben?

          Ich halte sie für realistisch. Wir reden hier von einem Zeitraum von 15 Jahren. Ein Angeklagter sagte zum Beispiel in seinem Prozess auf die Frage, wie viele Jungen durch seine Hände gegangen seien: „140 werden es wohl gewesen sein.“ Ein Schulleiter berichtete mir, dass die Polizei ihm einmal kinderpornografische Fotos von 200 Kindern zeigte - er erkannte viele als seine Schüler. Meines Erachtens ist „bis zu tausend Opfer“ keine wirklichkeitsfremde Größe.

          In der Partei wurden also 1000 Kinder missbraucht?

          So kann man das sicher nicht sagen. Es gab innerhalb der Partei ein aktives Zentrum und einen Dunstkreis darum herum. Nicht jeder war Parteimitglied. Aber die „Pädos“, wie die AL sie damals verharmlosend nannte, waren sehr aktiv und gut vernetzt. Sie nutzten die Kreuzberger Infrastruktur. Es gab viele soziale und pädagogische Sonderprojekte für benachteiligte Kinder, in die sie einsickerten. Dort wurde nicht gefragt, ob man vorbestraft ist. Das Muster war immer das gleiche: Opfer wurden oft Jungen aus sozial schwachen Familien. Die Tatorte waren öffentliche und kirchliche Betreuungseinrichtungen sowie Freizeitgruppen, besonders im Sport, und die Täter waren gut organisiert. Auf höherer Ebene herrschte eine allgemeine Blindheit, manchmal wurde sogar von oben gegen uns Aufklärerinnen interveniert.

          Warum hat sich denn niemand gewehrt?

          Oh doch, es gab Gegenwehr, und zwar von unten. 1987 gründete sich im Kreuzberger Stadtteil „SO36“ ein Kiezbündnis gegen Missbrauch. Es waren Mitarbeiterinnen aus den Betreuungseinrichtungen, besonders aus den Kinderläden. Die hatten die Nase voll und suchten die Öffentlichkeit. Vor einem Schwimmbad, in dem oft Anbahnungsversuche pädosexueller Männer stattfanden, verteilten sie Infomaterialien. Auf Initiative einiger Sozialarbeiterinnen wurde ein Kinderschutzteam im Bezirksamt eingerichtet.

          Aber offenbar war das nicht genug.

          Die Täterseite war gut vernetzt. Nachdem die „Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität“ (AHS) der Humanistischen Union gegründet worden war, trat die „AG Pädophilie“ ihr bei – und unterwanderte sie. Von hier aus propagierten sie die Idee von einem angeblich einvernehmlichen gewaltfreien „Sex mit Kindern“. Es war bestimmt kein Zufall, dass die AHS ihren Sitz in Kreuzberg hatte und dass die Meldeadresse der zureisenden Pädosexuellen im Kiez immer dieselbe war. In Kreuzberg waren die sexuellen Übergriffe und Missbräuche außerhalb der Familie ungewöhnlich hoch. Sie müssen sich vorstellen, dass in den achtziger und neunziger Jahren praktisch jede Art von Kindereinrichtung in Kreuzberg von pädosexuellen Aktivisten und Tätern bedroht war: Kindergärten, Schulen, Freizeiteinrichtungen. Die Täter konnten sich gegenseitig Tipps geben, wo es wachsame Leute gab – und wo nicht. Im Graefe-Kiez betrieben sie damals eine stadtbekannte Tauschbörse für Knaben.

          Warum das alles in Kreuzberg?

          Die Hausbesetzer prägten einst den Begriff A&P-Bezirk, benannt nach dem Lebensmittel-Discounter Attraktiv und Preiswert. In Kreuzberg stand A für Alternative, Autonome, Arbeitslose und Ausländer, P bedeutete Pädagogen, Planer, Polizei und Pädophile. Es gab im Bezirk Anfang der achtziger Jahre eine Aufbruchstimmung, Lust zur Veränderung und Selbstverwirklichung. Kreuzberg war eine große Familie, die davon träumte, die Welt zu verbessern. Alles war möglich – warum nicht auch „Sex mit Kindern“, wie man es in Parteikreisen nannte? Es gab nur eine rote Linie und die hieß: Keine Zusammenarbeit mit den Bullen! Das sorgte für absurde Situationen.

          Was meinen Sie damit?

          Bewohner aus besetzten Häusern oder aus Wagenburgen wollten sehr wohl das pädosexuelle Problem vom Hals kriegen - aber bitte ohne Bullen. Sie waren in ihrer kleinen Welt erpressbar geworden durch Stromklau und Drogenmissbrauch. Deswegen trauten sich manche nur heimlich zu Gesprächen mit dem Kinderschutzteam.

          Gab es aus der Grünen-Partei heraus Widerstand gegen die Pädosexuellen?

          Ja, der Kreuzberger Frauengruppe der Alternativen Liste blieb das nicht verborgen. Sie unterstützte das Kiezbündnis. Die Resonanz der Partei auf den Protest der Frauen ging gegen null. Stattdessen kamen viele wütende Leserbriefe von den grünen Pädoaktivisten. Aus der Arbeit der AL-Frauen heraus hat sich später immerhin das Präventionsprojekt „Strohhalm“ gegründet.

          War der Konflikt mit dem Aufschrei der Frauen beigelegt?

          Es dauerte noch längere Zeit, bis die Pädosexuellen die Partei verließen. Damit war aber das Problem im Bezirk nicht erledigt. Es gab sehr aggressive Aktivitäten einer Nachfolgegruppe. Die kam aus der Tradition der Stadtindianer, die eine Zeit lang auf grünen Parteitagen Stimmung gemacht hatten. Die gründeten in Kreuzberg ein „Kindersorgentelefon“, sie nannten es intern „Kinderbedürfnistelefon“.

          Was soll das heißen?

          Es handelte sich um junge Männer und Frauen, die zusammen in einer WG lebten und eine abstruse Werbung für Kinderrechte machten: Abhauen von Zuhause, Schule schwänzen, Sex auch mit Erwachsenen, wenn sie es wollen. Sie verteilten Infoblätter und Aufkleber.

          Sie kennen viele der Täter und pädosexuellen Aktivisten mit Namen. Wieso nennen Sie die nicht?

          Ich finde, das ist die Aufgabe der Grünen. Ich kann ihnen das nicht abnehmen. Sie haben dieser Gruppe und ihren kinderverachtenden Ideen in der Partei Raum gegeben. Es ist gut, dass sie sich heute dafür entschuldigen. Aber das reicht nicht. Sie sind es den Opfern schuldig, den Tätern ein Gesicht und Namen zu geben.

          Quelle: F.A.Z.

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