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In Polizeizelle verbrannt : Sachverständige: Oury Jalloh wurde vermutlich umgebracht

  • Aktualisiert am

Mit einer Brandanalyse mit einem Dummy suchte die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e.V.“ schon im August 2016 nach Belegen für die These, dass der Asylbewerber in seiner Zelle ermordet wurde Bild: dpa

2005 verbrannte der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle – Selbstmord, hieß es lange. Neue Erkenntnisse von Sachverständigen sprechen nun aber offenbar für eine andere These.

          Der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte Asylbewerber Oury Jalloh wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet. Das geht nach einem Bericht des ARD-Magazins „Monitor“ aus Ermittlungsakten zu dem Fall hervor, die dem Magazin vorliegen. Die Staatsanwaltschaft Halle will die Ermittlungen dennoch einstellen.

          Wie „Monitor“ berichtet, kommen mehrere Sachverständige aus den Bereichen Brandschutz, Medizin und Chemie mehrheitlich zum dem Schluss, dass  ein Tod durch Fremdeinwirkung wahrscheinlicher sei als die lange von  den Ermittlungsbehörden verfolgte These einer Selbstanzündung durch den Mann aus Sierra Leone. Das sind demnach die Ergebnisse der jüngsten Gutachten und Brandversuche, die sich detailliert mit der Frage nach dem Ausbruch des Feuers in der Arrestzelle beschäftigen.

          Nach dem Bericht geht sogar der langjährige Ermittler der Staatsanwaltschaft Dessau, der leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, bislang ein Verfechter der Selbsttötungs-Theorie, in einem Schreiben vom April dieses Jahres daher von einem begründeten Mordverdacht aus. Er hält es demnach für wahrscheinlich, dass Oury Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet worden sei. Oberstaatsanwalt Bittmann benennt in dem Brief sogar konkrete  Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten.

          „Angesichts der neuen Erkenntnisse ist die drohende Einstellung  des Verfahrens ein Skandal“, sagte die Anwältin der Familie Jalloh, Gabriele Heinecke, gegenüber dem Magazin. Die Staatsanwaltschaft Dessau  hatte sich nach 12 Jahren Ermittlungen mit den neuen Erkenntnissen im April an den Generalbundesanwalt gewandt, dieser hatte die Annahme  des Falles jedoch abgelehnt und ihn nach Sachsen-Anhalt zurück verwiesen. Die Staatsanwaltschaft Halle will den Fall laut einer Erklärung vom 12. Oktober 2017 einstellen, weil sich „keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung“ ergeben hätten. Eine weitere Aufklärung sei nicht zu erwarten. Die Anwältin der Familie hat gegen die Einstellung des Verfahrens Beschwerde eingelegt und wird angesichts der neuen Erkenntnisse Strafanzeige erstatten.

          In zwei Gerichtsverfahren konnten die genauen Umstände des Feuertodes des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle nicht genau festgestellt werden.

          Die Experten hatten in ihren Stellungnahmen ausgeführt, dass sich der Zustand der Zelle und des Leichnams Jallohs nach dem Brand nicht ohne Einsatz geringer Mengen von Brandbeschleuniger wie etwa Leichtbenzin erklären lasse. Auch sonst deute vieles darauf hin, dass der Brand von dritter Hand gelegt worden sei. Zudem sei die Theorie der Selbstanzündung so gut wie auszuschließen: Oury Jalloh sei vermutlich bei Brandbeginn komplett handlungsunfähig oder sogar bereits tot gewesen, so dass die Annahme, er habe das Feuer selbst gelegt, nicht stichhaltig sein könne.

          Quade fordert Sonderermittler

          Bereits bei einer Anhörung des Rechtsausschusses im Magdeburger Landtag am vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass die ehemaligen Ermittler aus Dessau den Fall Jalloh mittlerweile neu bewerten, die federführenden Kollegen aus Halle aber auf Einstellung des Verfahrens beharren. Eine daraufhin von den Linken geforderte  Akteneinsicht kam nicht zustande: Die Regierungskoalition aus CDU, SPD und Grünen im Magdeburger Landtag lehnte das ab.

          Gegenüber „Monitor“ spricht die innenpolitische Sprecherin der Linken im sachsen-anhaltinischen Landtag, Henriette Quade, von einer „politischen Blockadehaltung“. Quade forderte auch abermals ihre Forderung nach einem Sonderermittler für den Fall. Dieser sollte aber nicht aus Sachsen-Anhalt kommen, sagte sie dem Magazin. „Denn in Magdeburg ist von Seiten des Justizministeriums kein Aufklärungswille zu erkennen."

          Nach Angaben von „Monitor“ war die Staatsanwaltschaft Halle am Mittwoch für eine  Stellungnahme nicht mehr zu erreichen.

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