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Ostsee-Pipeline Gas vom Bösewicht

12.11.2011 ·  Der erste Strang der Ostsee-Pipeline ist fertig. Vor nicht langer Zeit war sie ein Politikum, bis heute bleibt die Frage, wie abhängig Deutschland von Russland ist.

Von Markus Wehner
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© ZB In einer Zeit, in der sich täglich alles zu ändern scheint, wirkt sie wie ein Garant der Stabilität: Der erste Strang der Ostsee-Pipeline steht

Im grauen Monat Dezember war’s, als der frischgebackene Wirtschaftsminister Michael Glos und der Chef des Energiekonzerns Gasprom Alexej Miller, beide mit Pelzmützen bewaffnet, die erste symbolische Schweißnaht legten für eine Leitung, die russisches Gas durch die Ostsee direkt nach Deutschland bringen sollte. Doch nicht der Schweißakt im nordrussischen Babajewo war die Nachricht dieses 9. Dezembers 2005. Glos wurde damals von den russischen Gesprächspartnern in einem Zelt eröffnet, was sie wenig später offiziell verkündeten: Gerhard Schröder, der keine drei Monate zuvor die Wahl verloren hatte, sollte Aufsichtsratsvorsitzender der Betreibergesellschaft werden, an der die halbstaatliche Gasprom 51 Prozent, die Konzerne BASF und Eon die Minderheitsanteile hatten. Zehn Tage vor der Wahl hatten Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin die Vereinbarung über den Bau der Leitung demonstrativ in Berlin unterzeichnen lassen.

Die Pipeline war so von Anfang an in den Augen der Öffentlichkeit ein politisches Projekt. Polen und Balten fühlten sich überrumpelt, die Ukraine bangte um Millionen Dollar Transitgebühren. Und Schröder musste sich, als er noch Kanzler war, fragen lassen, wie das Geschäft sei mit einem Freund, der den modernsten Unternehmer des Landes, den Ölmagnaten Michail Chodorkowskij, einsperrte. Nun ist vor fünf Tagen der erste Strang der Ostsee-Pipeline, Nord Stream genannt, in Lubmin bei Greifswald eröffnet worden. Die Kanzlerin war da, der russische Präsident, der noch Dmitrij Medwedjew heißt, und auch Gerhard Schröder, der Vorsitzende des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG. Politisch aufgeladen war die Stimmung, anders als vor sechs Jahren, kaum.

Zauberwort Diversifizierung

Das hat nicht nur damit zu tun, dass man sich daran gewöhnt hat, dass Chodorkowskij im Lager in Sibirien sitzt. Sondern auch mit Angela Merkel. Durch ihre kritische Haltung zu Putin und ihren sachlichen Umgang mit Russland ist es ihr gelungen, das Pipeline-Projekt zu entpolitisieren. Ist der zweite Strang im nächsten Jahr fertig, können jährlich 55 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas fließen. Die damit erzeugte Strommenge, so vermerkt Nord Stream, entspräche der Jahresleistung von 148.000 Windkraftanlagen oder 33 Kernkraftwerken. Allerdings wird Gas bisher eher zum Heizen genutzt.

Beeindruckend ist die neue Röhre allemal: 101.000 Rohre wurden verlegt, jedes 12 Meter lang und 24 Tonnen schwer. Das macht 2,5 Millionen Tonnen Stahl für 1224 Kilometer. Das 7,4 Milliarden Euro teure Bauvorhaben ist zudem ohne Skandale verwirklicht worden. Die Bedenken der Anrainerstaaten der Ostsee und jene von Umweltorganisationen wurden ernst genommen, es wurde westliche statt russische Geschäftskultur gepflegt. Das ist dem Team im schweizerischen Zug, wo Nord Stream sitzt, zu verdanken und wohl auch Schröder. Dabei gab es die „Gaskriege“ Russlands mit der Ukraine und Weißrussland während der Bauphase. Für Russland wirkten sie sich aber nicht positiv aus in dem Sinne, dass der Zweck der Ostseeroute, die Umgehung schwieriger Transitstaaten, besonders gerechtfertigt erschien. Vielmehr galt Russland, das halb Osteuropa im Januar 2009 zwei Wochen frieren ließ, als Bösewicht. Für die EU war der Vorfall ein Weckruf. Seitdem heißt das Zauberwort Diversifizierung - zu Deutsch: Man will nicht von den Russen abhängig sein, wenn es um Energie geht. Deshalb soll eine Leitung, „Nabucco“ genannt, zentralasiatisches Gas an Russland vorbei nach Europa liefern; Gasprom hält mit dem Projekt „South Stream“ dagegen.

Vorläufig nicht zu ersetzen

Wie aber ist es mit der Abhängigkeit von Russland bestellt? Die EU bezieht ein Viertel ihres Gases von dort. Auch der größere Teil des Erdgases, das durch die Ostsee fließen wird, bleibt nicht in Deutschland, sondern geht in die Tschechische Republik, in die Niederlande und nach Großbritannien. Deutschland selbst importiert vierzig Prozent seines Gases aus Russland. Ersetzen könnte das vom Potential her allein Iran - das aus politischen Gründen ausfällt. Die Abhängigkeit von Moskau ist aber wechselseitig. Russland ist auch auf den Westen angewiesen. Zwar weist Moskau immer wieder darauf hin, dass es auch mit China könne. Doch erstens würden die Russen deswegen nicht auf Premium-Kunden wie Deutschland verzichten, zweitens haben sie sich mit den Chinesen bisher nicht über den Gaspreis geeinigt.

Ostsee-Pipeline „Nord Stream“: Gas für Europa

Die Pipeline jedenfalls steht. In einer Zeit, in der sich täglich alles zu ändern scheint, wirkt sie wie ein Garant der Stabilität, ein Bollwerk gegen die Schnelllebigkeit. Schließlich soll das Gas fünfzig Jahre lang durch die Röhre am Boden der Ostsee strömen, die Lieferverträge reichen bis ins übernächste Jahrzehnt. Und waren die Leitungen aus Russland nicht schon zu Zeiten des Kalten Krieges ein Symbol gegenseitiger Verlässlichkeit über Systemgrenzen hinweg? Ein wenig sind Pipelines ein Relikt der Vergangenheit - wenn es um Öl geht. Heute werden 90 Prozent des russischen Öls von Tankschiffen transportiert, die bestehenden Leitungen würden heute nicht mehr gebaut werden. Bei Gas sieht es anders aus. Die Umstellung auf Flüssiggas (LNG) geht langsam voran, Russland steht mit dem einzigen Terminal in Sachalin erst am Anfang. Die Pipeline ist vorläufig nicht zu ersetzen.

Schröder sieht die Pipeline als Erfolg an

Gerade Deutschland, so heißt es, wird durch seinen Verzicht auf Kernkraft noch stärker auf Gas angewiesen sein. Ob das wirklich so kommt, ist allerdings ungewiss. Denn der Gasverbrauch muss, gerade wenn Energiesparen zur Regel wird, nicht steigen. Und ob Gaskraftwerke die Stromlücke schließen werden, steht dahin.

Gerhard Schröder jedenfalls sieht die Pipeline als Erfolg an, den anzuerkennen bald zum guten Ton gehören wird. „Morgen werden alle sagen, sie seien schon immer dafür gewesen“, wird der ehemalige Kanzler in Lubmin zitiert.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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