http://www.faz.net/-gpf-85yp8

25 Jahre Wiedervereinigung : Noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

25 Jahre nach der Einheit wächst Deutschland nach einer Studie zwar weiter zusammen - etwa in Sachen Bildung, Kinder und Konsum. Doch in vielen Bereichen gibt es weiter gravierende Unterschiede entlang der alten Grenze.

          Auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung existieren in manchen Bereichen noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Demnach haben sich die Lebensverhältnisse in den “alten“ und “neuen“ Bundesländern zwar in vielen Bereichen angenähert; die Unterschiede in Deutschland verlaufen längst nicht mehr ausschließlich entlang der alten Grenzen. In manchen Bereichen entstünden anstelle der alten Ost-West-Unterschiede aber auch Differenzen entlang anderer Dimensionen, heißt es in der Studie „So geht Einheit - Wie weit das einst geteilte Deutschland zusammengewachsen ist“, die am Mittwoch vorgestellt wurde.

          So hätten die fünf Flächenländer im Osten zwar seit der Einheit massiv Bevölkerung verloren, während der Westen weiterhin wachse. Jedoch sei bundesweit zu beobachten, dass vor allem die wirtschaftsstarken Städte zulegten. Dagegen verlören die entlegenen ländlichen Gebiete überall Bevölkerung - egal ob in West oder Ost.

          Aber weiter Unterschiede  - auch bei der Willkommenskultur

          Institutsdirektor Reiner Klingholz gestand bei der Vorstellung der Studie in Berlin ein, dass bei vielen Kennziffern noch klare Unterschiede zwischen Ost und West zu erkennen seien, etwa bei Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftskraft, Vermögen, Erbschaften oder der Landwirtschaft (etwa bei der Betriebsgröße): „Überall zeichnet sich ziemlich exakt die alte Grenze ab.“ Weitgehend angenähert hätten sich Ost und West bei den Konsumgewohnheiten und den Bildungsabschlüssen, der Lebenserwartung und den Kinderzahlen.

          Bild: F.A.Z.

          Auch beim Thema Einwanderung bleibt Deutschland gespalten. Beim Anteil von Migranten an der Bevölkerung und bei der Einstellung der Mehrheitsgesellschaft zu ihnen zeigt sich die innerdeutsche Grenze noch. Die Integrationsbereitschaft wird im Osten als geringer beurteilt, rechtsextreme Meinungen kommen dort öfter vor. Habe sich die Willkommenskultur beider Landesteile 2012 kaum unterschieden, sage heute nur jeder zweite Ostdeutsche, Zuwanderer seien willkommen. Im Westen seien es zwei Drittel.

          45 Jahre Teilung wirkten länger nach, als viele das bei der Wiedervereinigung gedacht hätten, sagt Klingholz. Bis die beiden einst getrennten Teile wirklich zusammenwüchsen, werde es wohl mindestens eine weitere Generation dauern, urteilen die Forscher. Insgesamt sieht das Berlin-Institut die Entwicklung in den 25 Jahren seit der Wiedervereinigung aber als Erfolgsgeschichte.

          Bild: F.A.Z.

          „Blühende Landschaften“ hatte der „Kanzler der Einheit“ den Ostdeutschen versprochen, als die D-Mark mit der Deutschen Einheit zu ihnen kam. „Nach diesem Kraftakt ohnegleichen sind bis heute zwar ein paar blühende Landschaften entstanden", urteilen die Sozialforscher zweieinhalb Jahrzehnte später, von „einer flächenhaften Angleichung zwischen Ost und West“ könne aber keine Rede sein. Eine völlige Angleichung könne aus strukturellen Gründen vermutlich auch nie vollständig vollzogen werden. Die Einheit bleibe ein schwieriger, langwieriger Prozess der Annäherung.

          „Kohl war von Hause aus optimistisch“, urteilt nun der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) über seinen Nachfolger. Die ökonomischen Folgen der Vereinigung habe Helmut Kohl nicht einschätzen können. Zwar habe „die Wirtschaftskraft des Westens unter anderem dafür gesorgt, dass wir heute in Mecklenburg-Vorpommern bessere Straßen haben als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen“, wird Schmidt in der Studie zitiert. Die Perspektive müsse aber sein, „dass die Marktwirtschaft auch die Uckermark erreicht“.

          Von Ähnlichkeiten und Unterschieden

          Und wo sind sich Ost und West ähnlicher geworden? Die Frauen bekommen ähnlich viele Kinder, und auch der Westen sieht nun berufstätige Mütter positiv. Ossis und Wessis gönnen sich zudem die gleichen Fernseher und Telefone. Die massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland scheint beendet - ebenso die Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit den Umweltbedingungen in ihrem Wohnumfeld.

          Und wo gibt es noch große Unterschiede? Es leben im Osten mehr Singles, weniger Ehrenamtler, mehr Schulabbrecher und es existieren mehr Vorbehalte gegen Ausländer. Im Westen geht gut jedes vierte Kind unter drei Jahren in die Kita, im Osten ist es mehr als die Hälfte. Nur noch jedes dritte Kind im Westen wird religiös erzogen, im Osten ist es unverändert etwa jedes achte.

          Ostdeutsche sind noch immer weniger zufrieden als Westdeutsche, gehen seltener zur Wahl und verdienen weniger. Ihr Bruttomonatsgehalt stagniert seit Jahren bei drei Vierteln des Westniveaus: 2800 Euro. Auch die Produktivität der Betriebe kommt nach schnellem Aufholen jetzt nicht mehr näher ans Westniveau heran. Dennoch hat der Osten auch bei der Wirtschaft aufgeholt, wie andere Studien belegen. Bei Lohnstückkosten liegt er mit dem Westen gleichauf, die Produktivität hat sich seit 1991 nahezu verdoppelt, die Selbstständigenquote wächst.

          Hartnäckige Stereotypen

          „Kein Zusammenschluss einst getrennter Staaten mit derartig unterschiedlichen politischen Systemen hat je so reibungslos geklappt“, meint Forscher Klingholz. „Dass viele Wessis Zeit ihres Lebens noch nie im Osten waren, sei ein weiteres Zeichen dafür, „dass die Einheit länger braucht als eine Generation.“ Stereotype über die jeweils anderen haben die Forscher in Ost und West festgestellt. Eine Meinung fand sich bei den Ostdeutschen mit Abstand am häufigsten: 34 Prozent von ihnen halten die Westdeutschen für arrogant und eingebildet.

          Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung wurde 2000 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat nach eigener Darstellung die Aufgabe, das Bewusstsein für den demographischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu fördern, neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten. Das Institut hat in seiner jüngsten Studie die Daten und Untersuchungen zu 25 Themenfeldern zusammengefasst.

          Bild: F.A.Z.

          „So geht Einheit“ noch ein paar interessante Zahlen

          Die dramatischste Zahl in der neuen Studie des Berlin-Institus für Bevölkerung und Entwicklung stammt aus Westdeutschland: Frauen wurden zu ihrer Ansicht zu der Annahme befragt, ein noch nicht schulpflichtiges Kind werde „wahrscheinlich darunter leiden, wenn seine Mutter berufstätig sei. 1994 stimmten fast 70 Prozent der westdeutschen Frauen ihm zu, 2012 nur noch etwas über 30 Prozent.

          Bei den gravierendsten Nach-Einheits-Phänomenen – der Abwanderung von Bevölkerung und der Geburtenzahl – liegen die Zeiten dramatischer Unterschiede hinter den Deutschen. Der Umzugs-Saldo zwischen Ost und West ist ausgeglichen, der Trend zur Stadtflucht wurde in Ost wie West abgelöst durch den Trend in die Städte. Nach dem dramatischen „Geburtenloch“ der 1990er Jahre stieg die Zahl der Kinder pro Frau wieder, gegenwärtig liegt sie im Osten (1,49) sogar leicht über dem deutschen Durchschnitt.

          „Arrogante Wessis“

          71 Prozent der Ostdeutschen finden 25 Jahre nach der staatlichen Wiedervereinigung, es gebe noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Und während 34 Prozent von den Ostdeutschen, die das sagten, Wessis für „arrogant/eingebildet“ halten, geben die Antworten der Westdeutschen nicht viel her: Acht Prozent derer, die Ost-West-Unterschiede überhaupt wahrnehmen, finden Ostdeutsche „anspruchsvoll“. 17 Prozent der Westdeutschen und 20 Prozent der Ostdeutschen halten sich für „fleißig/arbeitswillig/strebsam“: Da wächst ganz offensichtlich etwas zusammen.

          Ost-westdeutsche Liebes-Partnerschaften sind inzwischen so wahrscheinlich wie solche zwischen Bio-Deutschen und Einwanderern. Was die Einstellung zur Erwerbstätigkeit von Müttern und zur Betreuung kleiner Kinder außer Haus angeht, haben sich die Westdeutschen den Ostdeutschen angepasst und fügen sich so in das in Europa Übliche ein.

          Religiöse oder kirchliche Bindungen waren im Osten wesentlich schwächer und seltener als im Westen, doch beschleunigt sich auch dort der Prozess der Säkularisierung: Noch 1987 waren im Westen 85 Prozent Kirchenmitglieder, 25 Jahre später waren es nur noch 66 Prozent.

          Einen dramatischen positiven Effekt hatte die Wiedervereinigung auf die Lebenserwartung der Ostdeutschen. Bei den Frauen ist die Lebenserwartung inzwischen gleich, bei den Männern annähernd gleich.

          Bierkonsum geht bundesweit zurück

          Der Bierkonsum ging im vereinten Deutschland zurück. Aber die östlichen Bundesländer verzeichnen – das wertet das Berlin-Institut als DDR-Erbe – immer noch mehr alkoholbedingte Sterbefälle als die westlichen, und die Impfbereitschaft ist im Osten noch immer höher als im Westen.

          Erhebliche Unterschiede finden sich im ehrenamtlichen Engagement: 37 Prozent im Westen, 30 Prozent im Osten. Erheblich sind allerdings auch im Westen die Unterschiede: in Großstädten ist die Neigung dazu wesentlich geringer als in der Umgebung der Städte oder auf dem Lande.

          Die geringere Engagement-Quote verbuchen die Forscher als „kulturelles Erbe der DDR“, denn die SED habe die Bürger systematisch in die vermeintlich freiwilligen Tätigkeiten gedrängt.  Während sich die Produktivität im Osten zwischen 1991 und 2012 nur geringfügig von 70 auf 73 Prozent des westlichen Niveaus erhöhte, stiegen die Löhne in derselben Zeit stark an, stagnieren jedoch seit Jahren bei etwa drei Viertel des Westniveaus.

          Die Arbeitslosenquote ist im Osten nicht mehr doppelt so hoch wie im Westen, sie liegt aber immer noch markant höher. Im Osten wird häufiger Niedriglohn gezahlt.

          Nur 20 der 500 reichsten Deutschen wohnen im Osten des Landes, die meisten davon in Berlin (West). Wer im Osten ein Nettovermögen von 110.000 Euro besitzt, kann sich zu den reichsten zehn Prozent zählen. Im Westen müsste man dafür 240.000 Euro haben. Das Armutsrisiko ist im Osten höher (zwischen 18,8 und 23,6 Prozent) als im Westen und im Landesdurchschnitt (von 15,5 Prozent). Beim Konsum haben sich Ossis und Wessis längst angeglichen, auch wenn sich bei den Markenpräferenzen (Radeberger Bier) Unterschiede zeigen.

          In Ost und West geben die Menschen ihr Geld vornehmlich fürs Wohnen und fürs Essen und Trinken und die Mobilität aus. Die geringe Kaufkraft der Ostdeutschen dokumentiert sich im Verzicht auf einige Luxusgüter. Westler fahren doppelt so häufig Autos von BMW, Ostler doppelt so häufig Skodas. (M.K.)

          Quelle: gif. / epd / dpa

          Weitere Themen

          Der letzte Kampf um Höhe 80 Video-Seite öffnen

          Crowdfunding-Projekt : Der letzte Kampf um Höhe 80

          Tief im Westen Belgiens schlummert schlummert eine Zeitkapsel der Schlachtgeschichte. Ein Brite, ein Belgier und ein Deutscher wollen sie mit Hilfe öffnen. Mit Crowdfunding. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          CSU-Parteitag : Marmor, Merkel und Seehofer

          Auf dem Parteitag in Nürnberg wird der große Friedensschluss inszeniert – in der CSU und CDU. Die Kanzlerin ist gerührt und beschwört die wiedergewonnene Einigkeit.
          Union und SPD sitzen bald wieder in einer Wanne

          Fraktur : Bätschi, bätschi

          Die SPD badet gerne lau. Doch wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.