Home
http://www.faz.net/-gpg-7axct
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Oskar Lafontaine und die Linkspartei Sturz eines Denkmals

 ·  Früher war sein Wort Gesetz, doch mittlerweile schrumpft der Einfluss von Oskar Lafontaine bei den saarländischen Linken immer mehr. Die Partei zerlegt ihr früheres Idol - und sich selbst gleich mit.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (36)
© dpa Vergrößern Auch an der Saar längst nicht mehr so unangetastet wie früher: Oskar Lafontaine

Manchmal kündigen sich Zeitenwenden in kleinen Schritten an: Die saarländischen Linken werden nicht von Oskar Lafontaines Wunschkandidatin Yvonne Ploetz in die Bundestagswahl geführt, sondern von ihrem Abgeordnetenkollegen im Bundestag, Thomas Lutze. Lutze wurde bei einer Mitgliederversammlung am Sonntag in Saarbrücken im zweiten Anlauf auf Platz eins der Landesliste gewählt. Die Kampfabstimmung war nötig geworden, weil bei der Aufstellung der Liste Anfang Mai „Formfehler“ gemacht worden seien, wie die Landesschiedskommission Ende Juni entschied. Es sei versäumt worden, die 26 in Frankreich lebenden Parteimitglieder einzuladen. Die Kommission ordnete daraufhin die Neuaufstellung der gesamte Landesliste an.

Ein Chaos, das selbst Hartgesottene schmerzt

Richtiger als die offizielle Sprachregelung „Formfehler“ wäre wohl das Wort „Chaos“ gewesen. Denn was sich derzeit in bei den saarländischen Linken abspielt, wird selbst bei hartgesottenen Genossen mit Fassungslosigkeit beobachtet. Nachdem Lafontaine Ende April seinen Verzicht auf eine abermalige Bundestagskandidatur erklärt hatte, hatte er sich für Claudia Kohde-Kilsch auf Listenplatz eins stark gemacht, die frühere Weltklasse-Tennisspielerin, die nun als Pressesprecherin der Saar-Linken arbeitet. „De Oskar“ hat eine Wunschkandidatin - früher hätte das locker gereicht, um einen Adlatus an jede beliebige Position zu hieven.

© dpa Vergrößern Gescheitert: Oskar Lafontaine mit seiner Wunschkandidatin für Platz 1 der saarländischen Landesliste, der Bundestagsabgeordneten Yvonne Ploetz

Doch bei der Mitgliederversammlung am 5. Mai scheiterte Kohde-Kilsch schon im ersten Wahlgang - eine ungewohnte Schlappe für Lafontaine, den Widerspruchslosen. Kohde-Kilsch warb daraufhin für die 28 Jahre alte Yvonne Ploetz, die 2010 wegen Lafontaines Krebserkrankung dessen Bundestagsmandat übernommen hatte und als seine Vertraute gilt. Es kam zur Stichwahl zwischen Ploetz und Thomas Lutze, den Lafontaine in seiner Rede zuvor brüsk abgekanzelt („nicht gerade ein Wahlkampfmagnet“) und ihm Versäumnisse bei der Organisation des Landtagswahlkampfes 2012 vorgeworfen hatte. Lafontaine erntete Buhrufe aus dem Publikum - auch das eine völlig neue Erfahrung für einen, der bei den Saar-Linken die unangefochtene Autorität war.

Stimmen falsch gezählt?

Nach der Stichwahl wurde Ploetz zur knappen Siegerin erklärt. Doch als Vorwürfe laut wurden, bei der Wahl seien Stimmen falsch zugeordnet, vielleicht sogar  manipuliert worden, erzwang Lutze eine notarielle Nachzählung. Ergebnis: Er hatte sieben Stimmen mehr als Ploetz erhalten. Trotzdem entschied die Schiedskommission, die Landesliste müsse wegen der fehlenden Parteimitglieder aus Frankreich neu aufgestellt werden.

© dpa Vergrößern Setzte sich gegen Lafontaines Kandidatin durch: der Bundestagsabgeordnete Thomas Lutze (l.), hier mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Regionalverband Saarbrücken, Jürgen Trenz

Fast feindselig standen sich die Lager von Ploetz und Lutze seither gegenüber, und für viele in der Partei ist der Zweikampf zugleich ein Stellvertreterkrieg für eine ganz andere Frage: Welchen Einfluss hat Oskar Lafontaine noch in der Partei? Dessen Lebensgefährtin, die stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, warb auf der Homepage der Saar-Linken offensiv für Ploetz - und sorgte damit bis in die Berliner Parteispitze hinein für helle Aufregung. In einem Schreiben an den saarländischen Landesvorsitzenden Rolf Linsler kritisierte Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn, nicht eben als Freund Lafontaines bekannt, Wagenknechts Parteinahme entschieden. Der Beitrag wurde daraufhin von der Seite entfernt, der Flügelkampf aber verschärfte sich weiter.

„Yvonne, ich würde mich schämen“

Dass Ploetz vor wenigen Tagen ausgerechnet der „Bild“-Zeitung von Anfeindungen und einer angeblichen Morddrohung eines Lutze-Anhänger berichtete und laut über einen Rückzug ihrer Kandidatur nachdachte, wurde in der Partei heftig kritisiert. So etwas mache man nicht, heißt es nicht nur bei Lutze-Anhängern. Auf Facebook kommentierte ein Genosse: „Yvonne, ich würde mich schämen.“

Offiziell wird bei den saarländischen Linken bestritten, dass Lafontaine durch Lutzes Erfolg weiter geschwächt wurde. Intern aber sehen das viele anders. „Das ist eine Klatsche für Lafontaine“, gesteht ein Parteifreund. Die Partei sei „zutiefst verunsichert“.

So dramatisch ist mittlerweile die Lage der Linken an der Saar, dass selbst der Bundes-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi alle Parteiräson fahren lässt. Der Landesverband im Saarland habe früher eine „ungeheure Stärke“ gehabt, sagte er neulich vor Journalisten in Berlin, wie der „Tagesspiegel“ berichtete. Die habe aber vor allem auf Oskar Lafontaine gegründet. Seit dieser sich schrittweise zurückziehe, brächen die Strukturen zusammen.

  Weitersagen Kommentieren (28) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Hessisches Innenministerium Beobachtung der Linkspartei steht zur Debatte

Innenminister Peter Beuth (CDU) will prüfen lassen, ob die Linkspartei weiterhin vom Verfassungsschutz überwacht werden soll. Die Linke hält das Vorgehen des Geheimdienstes für ungerechtfertigt. Mehr

24.04.2014, 15:00 Uhr | Rhein-Main
Spanien Wo das Geld spurlos verschwindet

Andalusien hat einen neuen Skandal vor den Europawahlen: Die Regierung hat mehr als zwei Milliarden Euro für Fortbildungskurse ausgegeben, die nicht oder nicht so wie geplant stattfanden. Mehr

19.04.2014, 19:15 Uhr | Politik
Frankfurter Magistrat in der Krise Gemeinsames schwindet, Trennendes wächst

Das Frankfurter Schwarz-Grün-Bündnis ist in seiner wohl größten Krise seit Abschluss des Koalitionsvertrags 2006. Inhaltliche Differenzen treffen auf fehlende Kommunikation. Mehr

14.04.2014, 11:00 Uhr | Rhein-Main

01.07.2013, 16:47 Uhr

Weitersagen