30.04.2006 · Rachsucht ist eines der Motive für die Rückkehr des Propheten. Auch für den früheren SPD-Vorsitzenden. Ein Linker im engen Sinne war Oskar Lafontaine nie. Die PDS ist dem Saarländer emotional fremd - ein Instrument, genau wie die WASG.
Von Markus Wehner, LudwigshafenDa steht er nun und redet sich in Rage, Deutschlands großer Demagoge. Vor ihm, dem einstigen SPD-Vorsitzenden, dem Fast-Bundeskanzler, sitzt eine Schar aus jungen Trotzkisten und alten Immer-schon-Linken, frustrierten Sozialdemokraten und ergrauten Verdi-Veteranen. Sie haben sich zum Bundesparteitag der WASG im Pfalzbau in Ludwigshafen versammelt, einer Stadt, die den Geist der siebziger Jahre in Beton gegossen hat.
Oskar Lafontaine legt sich mächtig ins Zeug vor diesem Publikum, damit klappt, was er sich vorgenommen hat: noch einmal Politik zu bestimmen in Deutschland. Er geißelt den „Raubtier-Kapitalismus“ in Deutschland, bezeichnet die Bombenangriffe der Amerikaner in Afghanistan und im Irak als „Terrorismus“ und fordert das Recht auf Generalstreik wie in Frankreich, „um gemeinsam mit euch auf Plätzen und Straßen die Regierung Merkel in die Knie zu zwingen“. Tief aus dem zwanzigsten Jahrhundert scheint dieser Klassenkämpfer entsprungen, ein Karl Liebknecht unserer Zeit.
„Alles ist eben so rechts geworden“
Nicht er habe sich verändert, sondern diese Republik, sagt Lafontaine, wenn man ihm seinen verbalen Linksradikalismus vorhält. Seit Jahrzehnten vertrete er die gleichen Positionen, doch „alles ist eben so rechts geworden“, so neoliberal, daß er mit seinen klassisch sozialdemokratischen Positionen nun extrem links steht. Selbst Helmut Schmidt, sagt dessen langjähriger Kritiker, sei heute ein Linker in der SPD. Aber er, Lafontaine, ist der Treueste der Treuen.
Das ist nur eine der vielen Legenden des Oskar Lafontaine. Der Mann ist nicht so platt, wie er daherredet. Aber er wendet, nun als Linksfraktions-Chef im Bundestag, sein altes Erfolgsmodell an. Er vereinfacht Botschaften ins Extreme, denn er weiß, daß man mit komplizierten Aussagen keine Wahl gewinnt.
Zeitpunkt für ein Comeback punktgenau kalkuliert
Lafontaine ist Stratege. Er hat erkannt, daß die SPD Terrain auf der Linken frei gemacht hat. Und er hat sich seine Zielgruppe genau ausgeguckt: Zwanzig Millionen Rentner, fünf Millionen Arbeitsuchende und Hunderttausende gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer - das muß reichen, um wieder dabeizusein und der Langeweile des Pensionärdaseins zu entfliehen. Die Bundestagswahl hat ihm recht gegeben: Ohne die Linkspartei wäre eine andere Regierung in Deutschland an der Macht.
Lafontaine hat den Zeitpunkt für ein Comeback punktgenau kalkuliert, er hat, welche Genugtuung für ihn, Gerhard Schröder mit zu Fall gebracht. Rachsucht ist eines der Motive für die Rückkehr des Propheten, der, ob man ihn mag oder nicht, zu den großen Figuren der bundesrepublikanischen Geschichte gehört. Daß die SPD sich den sozialen Bewegungen öffnete, daß sie nach 1998 wieder an die Macht kam, ist wesentlich seine Leistung. Geschmälert hat sie vor allem Lafontaine selbst.
„Lafontaine ist die Nummer eins“
Die ungeheure Selbstverliebtheit und das Bewußtsein vermeintlicher Überlegenheit gegenüber allen anderen sind früh an ihm beschrieben worden. Manche sehen die Arroganz des studierten Physikers heute als gemildert an, sein Co-Fraktionsvorsitzender Gregor Gysi, für den Lafontaine schon früh Sympathien hegte, beschreibt ihn als kooperativ.
Daß das Tandem mit der PDS-Ikone, anders als viele erwarteten, bisher funktioniert, liegt aber vor allem daran, daß klar ist, wer vorne sitzt. „Lafontaine ist die Nummer eins, und Gysi erzählt Anekdoten“, beschreibt ein bekennender „Oskar-Fan“ in der Fraktion die Rollenteilung. „Er kann nur Chef“, sagt einer, der ihn lange kennt.
Kein Linker im engeren Sinne
Unempfindlich ist der Machtmensch Lafontaine nicht. Im Gegenteil. Als der Spitzenkandidat 1990 nach der für die SPD verlorenen Bundestagswahl den Parteivorsitz übernehmen sollte, fuhr er zurück an die Saar und teilte mit, er stehe nicht mehr zur Verfügung. Willy Brandt hatte ihn wegen seiner kritischen Haltung zur deutschen Einheit offen kritisiert.
Manche führen sein Verhalten damals zurück auf die nicht verarbeitete Erfahrung seines Beinahe-Todes durch das Messer-Attentat vom 25. April 1990, die Lafontaine stark geprägt hat. Doch gut acht Jahre später verhielt sich Lafontaine ähnlich, als er ohne Vorwarnung als SPD-Vorsitzender und Finanzminister zurücktrat, in einer Aufwallung der Gefühle in Sekunden ein über Jahrzehnte errichtetes Lebenswerk einriß. Daß er dies heute als Akt besonderer Charakterfestigkeit ausgibt, gehört zu dem Selbstbetrug, den man zum Überleben braucht.
Resultat intellektueller Vorlieben
Ein Linker im engen Sinne war Lafontaine nie. Selbst den Kosovo-Einsatz, den er nun geißelt, hat er im Kabinett nicht kritisiert. Seine linken und weniger linken Phasen sind Resultat intellektueller Vorlieben und persönlicher Lebensumstände, vor allem seiner drei Ehen.
Unter dem Einfluß seiner zweiten Frau Margret, die linkspsychologisierende Ansichten hegte, wurde er zum Friedenspolitiker. Im Konflikt mit Helmut Schmidt um die Nachrüstung wurde der Saarbrücker Oberbürgermeister Anfang der achtziger Jahre bundesweit bekannt. Wenige Jahre später war aus dem OB ein Ministerpräsident und aus dem Linken ein Modernisierer geworden, der die Zulassung der Sonntagsarbeit so radikal forderte, daß Gewerkschafter nicht mehr mit ihm sprachen. Unter dem Einfluß seiner heutigen Frau, der Volkswirtin Christa Müller, schulte Lafontaine zum Ökonomen um, entschied sich 1999 für das Finanzressort und belehrt seitdem die Welt, wie Wirtschaft funktioniert.
„Nicht gekämpft, nicht gelitten“
In der Linksfraktion stöhnt so mancher über den neuen starken Mann. Seine Beschränkung auf Arbeitnehmer, Arbeitslose und Rentner paßt der PDS nicht, die sich als östliche Volkspartei auch um den Mittelstand, Kleinbürger und Intellektuelle kümmert. Die Lafontaineschen Zielgruppen seien „nicht immer Hort des Fortschritts“, sagt einer. Themen wie Feminismus, Ökologie und Integration, die Ost-PDS-Abgeordnete sich mühsam angeeignet haben, sind Lafontaines Sache nicht. Die PDS ist dem Saarländer emotional fremd - ein Instrument, genau wie die WASG. Lafontaine habe kein Gefühl für die Linkspartei, „hat nicht gekämpft, nicht gelitten“, sagt einer aus deren Führung. Lafontaines Einsatz als Fraktionschef wird anerkannt. Doch die alten PDS-Kämpen sind sich einig: „Wir werden ihm nicht automatisch folgen.“ Das Gefühl, daß er „den Laden“ nicht kennt, ist auch in der WASG verbreitet. Wie er mit der Partei umgehe, „macht mich einfach fassungslos“, sagt ein führender WASG-Mann.
Natürlich schafft es einer wie Lafontaine, mit seinem rhetorischen Talent den Saal in Ludwigshafen für sich zu gewinnen. Doch die Buhrufe vieler Fusionsgegner bei der Frage nach dem Zusammengehen mit der PDS zeigen auch, daß Lafontaine seine Integrationsfähigkeit bei diesen Sektierern überschätzt hat.
Überhaupt ist er nicht so erfolgreich, wie er es erträumt hatte. Von den Sozialdemokraten hat er niemanden außer Ulrich Maurer aus Baden-Württemberg mit sich ziehen können, nicht einmal irgendeinen aus der ihm einst ergebenen Saar-SPD. In seinem Wahlkreis in Saarbrücken hat er zwar mehr als 18 Prozent geholt, aber er landete hinter zwei Frauen aus CDU und SPD. Nun steht er im Pfalzbau und wundert sich angeblich, daß die Mehrheit der Bundesbürger die neoliberalen Parteien statt der von ihm geforderten „antikapitalistischen Linken“ wählt. „Verhängnisvoll“ finden alte Freunde aus der SPD diese Rolle, „seinem Lebensweg nicht angemessen“. Doch Oskar Lafontaine ist sich selbst viel zu treu, um Zweifel an sich heranzulassen.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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