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Veröffentlicht: 04.03.2015, 23:54 Uhr

Orthographie in Schulen Schraibm nach gehöa

„Schreiben nach Gehör“ ist unterlassene Hilfeleistung. Denn die Lehrmethode verlegt das Lernen von der Schule nach Hause.

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© Wolfgang Eilmes Diktate werden in der Schule kaum noch geschrieben.

Das „Schreiben nach Gehör“ ist keine Methode, sondern unterlassene Hilfeleistung. Es schadet den Kindern und der Gesellschaft. Einen seltenen Einblick in die schlechten Rechtschreibkenntnisse eines ganzen Jahrgangs von Drittklässlern, die so lernen, gewährte diese Woche Mecklenburg-Vorpommern: Auf eine Anfrage im Landtag hin veröffentlichte die Landesregierung die Ergebnisse von Vergleichsarbeiten der dritten Klassen. Dabei stellte sich heraus, dass im vergangenen Schuljahr 37 Prozent der Kinder den Mindeststandard der Kultusministerkonferenz in der Rechtschreibung verfehlten. Die Fähigkeiten von weiteren 26 Prozent lag knapp darüber. Nur gut ein Drittel beherrschte die Rechtschreibung passabel.

Schnell wurden Erklärungen und Entschuldigungen für das dramatisch schlechte Ergebnis gesucht. Der Kultusminister fand zur einzig richtigen Reaktion: Wenn sich herausstelle, dass die Methode „Schreiben nach Gehör“ für die schlechten Rechtschreibkenntnisse verantwortlich sei, müsse man prüfen, ob diese Methode weiter angewendet werden solle. Bayern hat schon im vergangenen Jahr als erstes Bundesland seinen Lehrern erlaubt, wieder zur traditionellen Lehrmethode zurückzukehren, dem regelgetreuen Schreiben. Bayern versäumte es aber, das Schreiben nach Gehör mit seinen abenteuerlichen Ergebnissen abzuschaffen.

Im Rahmen allgemeiner Vorgaben, „Bildungsstandards“ genannt, haben Lehrer in Deutschland eine große Freiheit in der Unterrichtsgestaltung. Und in wenigen anderen Ländern wird der Erfolg ihrer Arbeit so wenig kontrolliert wie bei uns. Daher war die Einführung der Vergleichsarbeiten in fast allen Bundesländern beinahe schon revolutionär - eine Folge des Pisa-Schocks. Doch leider haben deren Ergebnisse bisher nicht dazu geführt, die Rechtschreibdidaktik zu verändern.

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Schon in den Vorjahren waren die Ergebnisse in Orthographie schlecht. Der Grund ist, dass alle Bundesländer vor zehn bis 15 Jahren das „Schreiben nach Gehör“ eingeführt haben. Es bedeutet, dass die Kinder in den ersten zwei, manchmal auch den ersten drei Schuljahren so schreiben dürfen, wie sie es vom Klang der Worte her für richtig halten. Eltern werden ermahnt, die Kinder nicht zu korrigieren. Angeblich ginge sonst ihre Motivation verloren.

Über ein Wochenende im Advent schreibt ein Schüler dann: „Wir habn schbekulazijus gebakn.“ Das mag bei Erstklässlern ganz vergnüglich sein. Wenn Drittklässler immer noch schreiben: „Du bis net“ oder „Du kanst gut tenis spilen“, sollten die Alarmglocken schrillen.

Soziale Ungleichheit wird verstärkt

Diktate werden höchstens noch zwei oder drei im Halbjahr geschrieben, die Liste der „Lernwörter“, die sicher beherrscht werden müssen, bleibt kurz. Meist sind es nur 20 bis 30 pro Halbjahr. Wenn die Kinder von der dritten oder vierten Klasse an plötzlich regelgetreu schreiben sollen, sind sie oft überfordert. In nur einem Schuljahr schaffen sie es nicht, den Grundwortschatz sicher schreiben zu lernen. In den weiterführenden Schulen heißt es dann, ein Drittel der Kinder habe eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Dabei ist diese angebliche Krankheit nur ein Symptom des lautgetreuen Schreibens. Wie eine solche haarsträubende Methode flächendeckend Eingang in die Grundschulen finden konnte, bleibt ein Rätsel.

Fachleute empfehlen Eltern inzwischen, ihren Kindern zu Hause die richtige Rechtschreibung beizubringen - also privat nachzuholen, was die Schule versäumt. Sobald Väter oder Mütter sich bei Elternabenden über die vertanen Lernchancen beschweren, werden ihnen Hefte zum heimischen Üben empfohlen. Als sei bloß das eigene Kind zu dumm für den angeblich modernen Unterricht. Lehrer, die selbst Grundschulkinder haben, halten sich schon lange nicht mehr an die lebensfremde Anweisung, die Kinder nicht zu korrigieren. Wenn besorgte Eltern sich bei Schulleitern erkundigen, ob der Lernfortschritt der Klasse in der Orthographie noch messbar sei, wird ihnen gelegentlich zu verstehen gegeben, dass man sie für überehrgeizig hält.

Das Lernen nach Gehör behindert nicht bloß individuelle Bildungsfortschritte, es verstärkt soziale Ungleichheit. Denn bildungsbürgerliche Eltern, die ihren Kindern die Rechtschreibung selbst beibringen können, tun das. Meistens freilich, ohne der Lehrerin davon zu erzählen. Denn die soll ja das Kind für schlau halten und nicht nur für gut trainiert. Die Lehrer wiederum verbuchen eventuelle Fortschritte der Kinder als ihre eigenen Erfolge, dabei sind sie das nicht. Der Preis für die Eltern, meist ja die Mütter, ist allerdings hoch: Sie müssen für nachmittägliche Rechtschreib-übungen Zeit einplanen.

Kinder aus bildungsfernen Familien oder von Migranten sind benachteiligt, wenn mit ihnen keiner üben kann. So erreichen die Kultusminister das Gegenteil von dem, was ihr Ziel war: gleiche Chancen. Die OECD hatte Deutschland nach dem Pisa-Schock nämlich aufgegeben, die soziale Ungleichheit zu verringern. Mit dem „Schreiben nach Gehör“ wird sie zementiert. Damit muss endlich Schluss sein. Das Lernen sollte wieder in der Schule stattfinden, nicht zu Hause.

Quelle: wahlrecht.de
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