http://www.faz.net/-gpf-727r9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.08.2012, 19:23 Uhr

Organspende Hirntod

Was passiert mit Patienten, die potentielle Organspender sind? Kein Gesetz schützt sie oder ihre Angehörigen.

von
© Getty Images/fStop

Organe retten Leben. Wer spendet, tut etwas Gutes. Und wer kritische Fragen aufwirft, hat - scheinbar - die Moral schon gegen sich. Auf diese Weise werden Kontrolle und Transparenz von vornherein unter Verdacht gestellt. Es entsteht ein abgekapseltes, teils blickdichtes System. Das Transplantationssystem.

Isa hat einen Unfall gehabt. Isa, unser erfundenes, aber aus echten Fällen zusammengesetztes Beispiel. Die Ärzte stellen fest, dass sie schwere Blutungen im Kopf hat. Um Isa zu retten, öffnen sie ihren Schädel, damit das Blut herausfließt. Sie beatmen sie künstlich, geben ihr Infusionen, fahren ihre Körpertemperatur herunter, um ihr Gehirn zu schützen. Damit sie nicht zu zittern beginnt, kriegt sie leichte Muskelentspannungsmittel. Und starke Schmerzmittel, für den Fall, dass sie leidet.

Beschluesse der 121. Hauptversammlung des Marburger Bundes © dapd Vergrößern Auf der Intensivstation werden schwer verletzte Patienten behandelt.

Der Oberarzt der Intensivstation, auf der Isa liegt, ist ein erfahrener Neurologe. Er ist außerdem Transplantationsbeauftragter der Klinik. Er ist dafür zuständig, möglichst viele Organspender zu besorgen, indem er auf der Intensivstation nach Kandidaten Ausschau hält. Der Oberarzt befürwortet Transplantationsmedizin. Er findet nicht, dass die doppelte Aufgabe einen Interessenkonflikt bedeutet. Er entspricht damit den Vorstellungen der Deutschen Stiftung Organspende (DSO): „Das Anforderungsprofil umfasst nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch die Bereitschaft, mit Engagement und innerer Überzeugung die mit dieser Funktion verbundenen Aufgaben auszufüllen. Zielführend ist die Berufung eines Arztes mit langjähriger Berufserfahrung in diesem Bereich.“

Der Oberarzt wünscht sich, dass Isa wieder gesund wird, aber er glaubt nicht daran. Seine Erfahrung sagt ihm, dass Isa im Sterben liegt. Er glaubt, dass Isa „präfinal“ ist, sieht vermehrt Anzeichen für einen bevorstehenden Hirntod. Kritiker wie der Neurologe Andreas Zieger finden, dass mit dem Wort „präfinal“ eine Annahme als Tatsache ausgegeben wird. „Der Begriff ist interessengeleitet“, sagt er.

Es gibt keine gesetzliche Regelung

Isa befindet sich nicht nur medizinisch, sondern auch rechtlich in einem Graubereich. Es gibt keine gesetzliche Regelung für ihren Zustand, obwohl das von Medizinrechtlern schon seit Jahren gefordert wird. Niemand schreibt Isas Arzt vor, wie er sich verhalten soll, obwohl er Entscheidungen treffen muss, die Isas Zukunft beeinflussen. Entscheidungen, die teilweise nichts mit Therapie zu tun haben. Die teilweise sogar das Gegenteil bedeuten.

Noch aber behandelt der Arzt Isa „patientenzentriert“, also in der Hoffnung, dass sie überlebt. Bald wird er sie „spendezentriert“ behandeln. Denn: „Die Intensivtherapie des Organspenders ist auch die vorgezogene Intensivtherapie der Organempfänger“, haben Kollegen aus der Intensivmedizin in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift „Intensivmedizin up2date“ vor zwei Jahren geschrieben. Das bedeutet: Isas Körper ist nun gewissermaßen Herberge von Organen, die ihr nicht mehr allein gehören. Doch ab wann ist jemand noch patienten-, wann spendezentriert zu behandeln? Das Gesetz schweigt.

Eine Spenderin kann Isa erst dann werden, wenn sie den „Hirntod“ erleidet. Hirntod heißt nach dem deutschen Gesetz: Großhirn, Kleinhirn, Stammhirn sind endgültig, nicht behebbar ausgefallen. An keiner Stelle aber steht im Transplantationsgesetz (TPG), dass der Hirntod der Tod ist.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Amoktat in Berlin Funktionierte der Polizei-Funk nicht?

An der Berliner Charité sind viele Mitarbeiter aufgewühlt. Warum musste ein beliebter Arzt sterben, mitten im Dienst, erschossen von einem Patienten? Es sind viele Fragen offen. Auch Kritik an der Polizei wird inzwischen laut. Mehr

27.07.2016, 16:58 Uhr | Gesellschaft
Krankenhaus Benjamin Franklin Patient schießt auf Arzt in Berliner Klinik

Im Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin hat ein Patient auf einen Arzt geschossen. Die Tat habe keinen Bezug zum islamistischen Terrorismus, so die Polizei. Mehr

26.07.2016, 15:05 Uhr | Gesellschaft
Krankenhaus Benjamin Franklin Angeschossener Arzt ist gestorben

Ein 72 Jahre alter Mann eröffnet in einer Klinik der Berliner Charité das Feuer auf einen Arzt, bevor er sich selbst richtet – auch der Mediziner erliegt den Schussverletzungen. Beide kannten sich schon lange. Mehr

26.07.2016, 20:02 Uhr | Gesellschaft
Barack Obama Möglich, dass Russland sich in Wahlkampf einmischt

Präsident Barack Obama hat in einem Fernsehinterview erklärt, dass er den Versuch einer Einmischung Russlands in den amerikanischen Wahlkampf nicht ausschließe. Hintergrund ist die Hacker-Affäre um Tausende E-Mails aus der Führungsspitze der Demokraten. Experten vermuten Russland hinter der Veröffentlichung. Mehr

27.07.2016, 08:19 Uhr | Politik
Amoklauf in München Mehr als depressiv

Was hat den Attentäter von München zu seiner Tat gebracht? Er hatte Depressionen, doch Amokläufer leiden meist an einer anderen psychischen Krankheit. Mehr Von Karin Truscheit, München

26.07.2016, 21:08 Uhr | Gesellschaft

Der große Riss in der gläsernen Decke

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Hürden, die Frauen am Aufstieg hindern, will Hillary Clinton mit ihrer Kandidatur einreißen. Fragt sich nur, ob das reicht, um Wähler davon zu überzeugen, für sie zu stimmen. Mehr 8 8