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Organspende : „Das war ein katastrophaler Ausbau von Ersatzteilen“

  • Aktualisiert am

Hatten Sie die Eltern sozusagen mit dabei in Ihrer Empfindungswelt?

Nein, da nicht. Da war ich nur am Funktionieren. Ich hab mich nur über diesen jungen Kollegen, der die Blutung verursacht hatte, total aufgeregt. Weil er so selbstgefällig war, das völlig in Ordnung fand, dass diese Organe verloren worden sind.

Das Ganze, was Sie da erzählen, das kann man doch nur machen, wenn die Angehörigen nicht dabei sind, oder?

Um Gottes Willen. Wenn einer der Angehörigen jemals so eine Explantation sehen würde und würde darüber sprechen oder es würde im Fernsehen gezeigt, dann gäbe es keine Einwilligungen mehr zur Organentnahme. Wir reden jetzt nicht über Hornhaut oder eine Kreuzbandentnahme am Knie. Das ist unspektakulär. Aber Entnahme von Herz, Leber - da bleibt die Medizin nicht umsonst sehr diskret.

Haben Sie von dem Erlebnis Schäden davongetragen?

Na ja, ich hätte vielleicht schon Hilfe gebrauchen können. Ich habe danach sehr lange davon geträumt.

Albträume?

Albträume. Die Szene im OP wiederholt sich wie in einer Endlosschleife, dieses Blut. Und dann träume ich auch oft, wie ich alleine auf dem Gang stehe. Mittlerweile träume ich aber nur noch selten davon. Ich empfinde diese Träume auch als nicht mehr so bedrohlich. Ich wach nicht mehr schweißgebadet auf, das ist eher wie ein alter Bekannter, der einem die Hand auf die Schulter legt. Aber wenn ich intensiv genug daran denke, dann rieche ich den Blutgeruch aus dem OP. Und bin sofort in der Szene drin.

Das klingt schon nach Trauma.

Na ja. Wissen Sie, als ich dann da rausging, nach dem Duschen, da haben die Eltern auf dem Gang gewartet. Ich weiß nicht, wahrscheinlich wussten die nicht, wohin mit sich. Die haben gleich hinter der OP-Schleuse gesessen. Und da hat die Mutter mich gefragt: „Ist jetzt alles gut?“ Da habe ich gesagt: „Ja, alles ist gut.“ Was hätte ich der Frau sagen sollen? Nee, alles scheiße gelaufen, da drin sieht’s aus wie im Stall? Ich erinnere mich noch, der Mann hat sie im Arm gehalten, und beide haben geweint, und ich konnte da nichts sagen. Ich hab denen dann nur die Hand gedrückt. Und bin dann gegangen. Ich hatte Angst, dass meine Fassade zusammenbricht. Diese Szene, die verfolgt mich auch noch.

Waren Sie da auch ein Opfer in dieser Situation?

Ich habe mich später als Opfer gefühlt. Das war für mich ein Wendepunkt - dass da einfach zum Alltag übergegangen wird. Der Medizinbetrieb ging gnadenlos weiter.

Haben Sie versucht, darüber zu sprechen?

Nur mit einem Kollegen. Ich wollte wissen, ob das immer so läuft. Und der Kollege hat mir gesagt, red nicht darüber, sag dazu nichts. In der Morgenbesprechung am nächsten Tag wurde gesagt: Die Entnahme hat nur partiell geklappt, weil die Patientin in der Operation reanimationspflichtig wurde. Klar, so kann man das sachlich verdichten. Abgehakt.

Denken Sie manchmal noch an die junge Frau?

Mehr an die Eltern. Das Schicksal der Eltern hat mir mehr ausgemacht. Aber wenn ich an die junge Frau denke, dann denke ich, dass das so pietätlos war. Mit Würde hatte das nichts zu tun. Ich empfinde das fast schon als körperliche Schändung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand möchte, dass das mit seinem Körper passiert. Ich habe danach, für mich, und das habe ich auch in der Familie kommuniziert- ich habe beschlossen, dass ich kein Organspender sein möchte. Und konsequenterweise möchte ich auch keine Organe bekommen.

Sie zögern.

Seitdem ich Kinder habe, bin ich etwas ambivalenter geworden. Wenn ich mir vorstelle, eines von meinen Kindern wäre todkrank und könnte von einer Organspende profitieren, ich glaube schon, dass ich mir dann wünschen würde, dass mein Kind ein Organ bekommt. An der Stelle bin ich nicht klar.

Die Geschichte, die Sie uns erzählt haben: War das Ihre letzte Explantation?

Ja.

Die Fragen stellten Volker Zastrow und Alard von Kittlitz.

Quelle: F.A.S.

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