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Organspende : „Das war ein katastrophaler Ausbau von Ersatzteilen“

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Was haben Sie mit denen gefühlt?

Deren Trauer.

Hatten Sie selbst schon Kinder?

Nein. Ich war 27, eigentlich auch viel zu jung, um so eine Situation verstehen und aushalten zu können. Im Nachhinein glaube ich, ich habe mit der Verantwortung auch die Trauer der Eltern übernommen und einfach extrem mitgefühlt. Aber man merkt das nicht so richtig, es wird einem nicht bewusst, weil man so eingebunden ist in die Abläufe.

Was war Ihre Aufgabe bei der OP?

Ich war mit der Dokumentation befasst. Wann die Patientin an welche Medikamente, Transfusionen und so weiter angeschlossen wird. Das ging auch sofort los. Es muss alles angeschlossen werden, das dauert so eine halbe Stunde, und dann müssen vorbereitende Sachen gespritzt werden für den Stoffwechsel. Und dann beginnt die eigentliche Explantation, bei der verschiedene Teams parallel arbeiten. Damals wurde parallel an Herz und Leber gearbeitet.

Das medizinische Novum.

Ja. Und dann kam es zu Komplikationen. Es gab Schwierigkeiten bei der parallelen Präparation der Organe. Eine normale Reaktion auf diese Schwierigkeiten wäre gewesen, dass man sagt: „Moment. Stop. An dieser Stelle müssen wir dann sagen, wir können dieses Paket nicht als Paket explantieren. Wir verzichten auf die Sensation, und einer bekommt das Herz, und ein anderer bekommt die Leber.“ Aber das hat man nicht getan.

Hat Sie das geärgert?

Ich glaube, die ganze OP hätte in mir nicht solche Folgen ausgelöst, wenn ich die Ärzte nicht als so geil auf dieses Paket erlebt hätte. Durch dieses Fixierte kam es dann zu der Katastrophe. Zumindest aus meiner Sicht heute. Vielleicht wäre es auch schiefgegangen, wenn man die Organe getrennt explantiert hätte. Aber diese Option wurde gar nicht verfolgt. So kam es zu dieser Blutung im Leberbett.

Was passierte da?

Mit jedem Herzschlag strömte das Blut raus. Sie müssen sich vorstellen: Sie haben da einen OP-Tisch mit einem Körper, der ist vom Hals bis knapp über dem Schambereich völlig geöffnet, und das Blut läuft Ihnen links und rechts vom Tisch runter. Literweise. Eine groteske Situation. Und es gab dann auch Streit im OP. Weil die Organe ja verloren waren in dem Moment, in dem die Patientin reanimationspflichtig wurde, weil diese Blutung nicht zu stoppen war. Ein angeschocktes Herz, das defibrilliert wurde, das kann man nicht transplantieren, und die Leber dann auch nicht.

Sie sprechen von Reanimationspflicht bei einer bereits hirntoten Person?

Ja. Das Herz hatte vor der Entnahme aufgehört zu schlagen. Also gab es Streit. Die Operateure haben uns Dilettantismus vorgeworfen. Die Stimmung war so geladen, es hätte beinahe eine Schlägerei gegeben. Da ist dann ein anderer Operateur reingekommen und hat gesagt: „Jetzt lasst mal, ist ja gut, das ist pietätlos.“ Und da die Patientin dann eh tot war, sind wir als Anästhesisten auch abgetreten. Es hat dann noch von einem anderen Team die Explantation der einen Niere stattgefunden, und ich glaube, die Augenkliniker haben die Hornhaut explantiert.

Das war für Sie ein Wendepunkt.

Das war ein katastrophaler Ausbau von Ersatzteilen.

War das ein visueller Schock?

Ich hatte bei anderen Operationen auch Blut gesehen, aber nie diese Mengen. Wir haben ja noch literweise Transfusionen gegeben, um das irgendwie zu halten. Der ganze OP schwamm. Die OP-Pfleger hatten Gummistiefel an. Und dieser ausgeweidete Körper. Das hat mich sehr schockiert. Diese Stresssituation mit dem ständigen Telefongeklingel, die vielen Menschen, die dabei waren. Und der Geruch! Wenn ein Körper aufgesägt wird, dieser Brandgeruch, die Knochenspäne, die besonders riechen, und dann darüber dieses Blut. Das war echt elend.

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