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Organspende : „Das war ein katastrophaler Ausbau von Ersatzteilen“

  • Aktualisiert am

Ja. Die Ärzte können an der Stelle auch nichts ändern. Das Wort der Eltern gilt. Allerdings müssen Sie sich auch vorstellen, dass es eine Bindung gibt zwischen dem Arzt und den Angehörigen. Die Tochter war ja nicht mal kurz auf der Intensivstation und dann plötzlich hirntot. Es kommt zu einer Vertrauensbindung zwischen den Eltern und den Ansprechpartnern auf der Station. Wenn die Klinikangestellten in den Techniken der Gesprächsführung bewandert sind, dann kriegen sie jemand Unsicheren auch dazu, zuzustimmen. Das Argument, dann leben zumindest die Organe weiter, sticht auf den ersten Blick doch auch. Man wünscht sich doch, dass die Tochter weiterlebt. Und wenn dann schon nicht die Tochter weiterleben kann, dann doch vielleicht wenigstens ihr Herz.

Während die Eltern am Bett der Verletzten zurückblieben, haben Sie aber irgendwas anderes gemacht.

Wir haben irgendwas koordiniert, für die möglicherweise bevorstehenden Organtransporte.

Das passierte schon, bevor die Entscheidung der Eltern gefallen war?

Ja. Gewisse Planungen laufen parallel, damit es gleich losgehen kann, wenn die Einwilligung kommt. Wenn sie nicht kommt, muss man halt alles absagen. Pech gehabt.

Das setzt die Ärzte unter Druck, oder nicht?

Ja, ist doch klar. Wenn man dann kommt und sagt, die haben nein gesagt, steht man da wie der Spielverderber.

Merken die Angehörigen nicht, dass um sie herum schon dieser Apparat heißläuft?

Die haben doch normalerweise keine Erfahrung mit so etwas. Die können das ja auch nicht sehen, dass da zum Beispiel schon ein paar Blutprodukte mehr in die Patientin hineinlaufen.

Was für Blutprodukte?

Da wurde ja noch mal alles gegeben an Blutkonserven, an Plasma, an Konzentraten, an vorbereitender Therapie. Sozusagen eine Vorintensivstation schon für den Empfänger.

Wird den Angehörigen mitgeteilt, dass man mit dem Patienten Dinge macht, die nur der Vorbereitung einer Explantation dienen?

Nein. Also, ich habe das zumindest nie erlebt. Muss man wohl nicht.

All das, bevor die Eltern überhaupt gesagt haben: Wir entscheiden für unsere Tochter, dass sie Spenderin wird.

Ach, da ist doch ganz viel schon vorher gelaufen. Das hat mich dann auch irritiert, zumindest im Nachhinein. Ich habe da erstmals erlebt, wie gierig man auf die Organe war. Es ging bei der Patientin um ein Leber-Herz-Paket. Schon in der Morgenbesprechung wurde gesagt: „Heute wird Medizingeschichte geschrieben.“ Weil man so eine Paket-OP an den beiden beteiligten Krankenhäusern noch nie gemacht hatte. Und das wurde schon gesagt, bevor die Diagnose Hirntod überhaupt bestätigt worden war. Na ja, die gingen eben fest davon aus, dass die Patientin hirntot war, und das wurde dann ja auch bestätigt.

Was ist das genau, ein Herz-Leber-Paket?

Bei manchen Lebererkrankungen leidet auch das Herz. Der Empfänger braucht dann beide Organe gleichzeitig. Das ist nicht so häufig. Und dass man dann jemanden findet, der beides spenden kann, ist selten. Deswegen war das ja so eine besondere OP.

Warum fanden Sie das denn nicht einfach toll, dass jetzt eine Chance da war für Sie, Medizingeschichte mitzuschreiben?

Ich fand es toll! Zu dem Zeitpunkt habe ich das ja gar nicht hinterfragt. Ich glaube, das erste Mal, wo ich mich gewundert habe, wo ich irritiert war, das war im OP. Da waren so viele Menschen. Ständig klingelte das Telefon, weil parallel zur Entnahme ja auch koordiniert werden musste, durchgegeben werden musste, wie es steht. Das fand ich so würdelos. Ich stand noch unter dem Eindruck der Eltern, die die Patientin bis zur Schleuse begleitet haben. Wie die sich von ihrer Tochter liebevoll verabschiedet haben. Ich hatte das Gefühl, dass die Eltern ihre Tochter mir übergeben hatten. In dem Wissen, dass sie danach ... wirklich tot ist. Mir haben die Eltern leidgetan. Ich habe mit denen richtig mitgefühlt.

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