26.02.2009 · SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier erwärmt mit Arbeiterführerrhetorik die Herzen der Opel-Mitarbeiter. Ein bisschen erinnert er dabei an den früheren Bundeskanzler Schröder, findet Thomas Holl, der in Rüsselsheim dabei war.
Die Spitze gegen die Kanzlerin setzt Frank-Walter Steinmeier erst gegen Ende seiner Rede, die er von der Ladefläche des IG-Metall-Lasters aus hält. Er sei ja dafür kritisiert worden, dass er heute hier in Rüsselsheim sei, ruft der im weißen Hemd und dunklem Mantel gekleidete SPD-Spitzenkandidat den etwa 15 000 Mitarbeitern von Opel auf dem Werksgelände zu, die dem als Vizekanzler begrüßten Politiker aus Berlin gespannt zuhören.
„Für mich ist das auch ein Gebot des Anstands, in dieser Situation Flagge zu zeigen. Was bei Opel geschieht, lässt mich nicht kalt.“ Die unausgesprochene Botschaft Steinmeiers hinter solch leidenschaftlich vorgetragenen Sätzen lautet: „Ich bin hier, zeige Anteilnahme und helfe euch.“
Gegenbild zu Angela Merkel
Der im Fernsehen sonst stets so staatstragend auftretende Außenminister zeichnet erkennbar das Gegenbild zu Angela Merkel, der Steinmeier damit indirekt vorhält, als CDU-Bundesvorsitzende und Kanzlerin wenig zur Zukunft von Zehntausenden um ihren Arbeitsplatz bangenden Beschäftigten in vier Bundesländern zu sagen. Und das im Wahljahr und mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik 1949.
Es ist eine Mischung aus dem selbsternannten CDU-Arbeiterführer Jürgen Rüttgers und dem früheren SPD-Autokanzler Gerhard Schröder, die Steinmeier seinem auf hoffnungsvolle Antworten und wärmende Sätze wartenden Publikum in gut 30 Minuten bietet. „Ihr seid nicht diejenigen, die den Schlamassel angerichtet haben“, ruft der Sozialdemokrat den wütenden Opelanern aus Rüsselsheim und Bochum zu, die auf fast allen mitgebrachten Transparenten die Loslösung vom maroden Mutterkonzern General Motors (GM) fordern. „Opel, das seid ihr und deshalb muss Opel leben!“
Für solche aufmunternden Worte der Solidarität und des Respekts erhält Steinmeier Szenenapplaus. Auch die mit roten Schals erschienene und vom designierten neuen Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel angeführte Abordnung von hessischen SPD-Politikern applaudiert heftig in der ersten Reihe.
Sentimentale Beschwörung der Glanzzeit Opels
Und als Steinmeier im röhrenden Tonfall des Westfalen die Bedeutung der Automobilindustrie für Deutschland beschwört, hört er sich fast wie sein früherer Vorgesetzter an, der als Regierungschef in Hannover und Berlin fast alles zum Wohle von VW und Co. unternahm: „Die Automobilbranche ist das Rückgrat, das Herzstück unserer Wirtschaft. Hier geht es um die Zukunft des Landes.“
Und es folgt eine pathetische und zugleich sentimentale Beschwörung der Glanzzeit Opels im Wirtschaftswunderland der fünfziger und sechziger Jahre: „Opel - das ist deutsche Geschichte. Opel Ascona und Opel Kadett, das ist Wohlstand, den sich alle leisten konnten.“ Es gehe auch darum, dieses Modell zu verteidigen - so reklamiert der Kanzlerkandidat den Anspruch seiner Partei, die wahren Hüter der sozialen Marktwirtschaft und Gerechtigkeit in Zeiten wie diesen zu sein.
Konkrete Rettungspläne für die Loslösung Opels von GM und die Neugründung als eigenständiges Unternehmen hat Steinmeier jedoch nicht aus der Hauptstadt mitgebracht. Ernsthaft scheint dies jedoch auch kaum jemand unter den Beschäftigten erwartet zu haben. Alle wissen hier, dass erst das für diesen Freitag angekündigte Unternehmenskonzept des Opel-Managements die ersten Antworten zur Zukunft des Unternehmens liefern kann.
Nur vage Andeutungen über die Zukunft
Auch Steinmeier gibt sich vage, als er seine Erwartungen an das Management formuliert: „Ich setze auf ein intelligentes Konzept, das nicht auf den Abbau von Standorten setzt.“ Und immer wieder beschwört er - dann mit dem Gestus des Außenministers - die europäische Komponente bei allen Überlegungen zur Rettung der nicht nur in Deutschland bedrohten Arbeitsplätze: „Dieser Tag kann die Geburtsstunde einer europäischen Industriepolitik mit Opel sein.“
Am Ende seines Auftritts lehnt sich Steinmeier an die optimistische Mutmacher-Rhetorik des amerikanischen Präsidenten Obama an. „Ich jedenfalls hab' ein gutes Gefühl. Ich verspreche euch, mein Vertrauen habt ihr. Wir haben gute Karten. Ich werde nicht zögern, alles zu tun, was in unseren Möglichkeiten liegt.“
Klaus Franz, der Vorsitzende des Opel-Gesamtbetriebsrates, dankt Steinmeier überschwänglich für seine Worte: „Du hast den Beschäftigten aus der Seele gesprochen und ihnen eine Perspektive gegeben.“ Zur Abrundung seines Rettungsbeitrags für den Rüsselsheimer Autobauer folgt nach einem Informationsgespräch mit dem Vorsitzenden der Adam Opel GmbH, Hans Demant, ein Pressestatement Steinmeiers, das mit dem Satz schließt: „Opel darf kein Schlachtfeld für Wahlkampfzwecke werden.“
steinmeier gleich schröder ?
werner fränzer (wejo2000)
- 26.02.2009, 23:35 Uhr
Außenwirtschaftsminister
Peter Goetz (Peter_Goetz)
- 27.02.2009, 00:32 Uhr
Welche Perspektive hat Opel? GM ein Fall für Chapter 11
Reiner Luecker (Reinerluecker)
- 27.02.2009, 02:06 Uhr
"Opel - das ist deutsche Geschichte"
Thomas Grunwald (tho_mi)
- 27.02.2009, 07:57 Uhr
Reine Polemik Herr Steinmeier
D. Kristof (dkristof)
- 27.02.2009, 08:35 Uhr