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Wahlkampf in Offenbach : Wer ist denn jetzt der Babo?

  • -Aktualisiert am

Muhsin Senol will Offenbacher Oberbürgermeister werden – und stellte für sein Wahlplakat ein Albumcover des Rappers „Haftbefehl“ nach. Bild: F.A.Z.

„Chabos wissen, wer der Babo ist“, sang der Rapper „Haftbefehl“ 2012 – und meinte damit sich, den Boss. Jetzt macht ihm ein Lokalpolitiker den Titel streitig. Gibt’s Stress?

          Herr Senol, Sie behaupten, der Babo zu sein.

          Na ja . . .

          Sie kandidieren als Oberbürgermeister in Offenbach und haben dort Wahlplakate aufgehängt, da sind Sie drauf, und oben drüber steht: „Wähl den Babo!“

          Weil Babo bei den Jugendlichen im Ohr drinne ist.

          Klar, seit der Offenbacher Rapper „Haftbefehl“ 2012 dieses Lied gemacht hat: „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Also der Boss. Damit meinte der aber nicht Sie, sondern sich.

          Wir haben überlegt: Was sind Signale für Jugendliche? Wenn die ein Wahlplakat sehen, laufen die vorbei und wissen nicht, was drauf war. Wenn die aber ein vertrautes Gesicht oder Wort sehen, bleiben sie stehen. Mittlerweile ist es so, dass die schon Selfies machen vor meinem Plakat und auf Facebook posten. Genau das war beabsichtigt. Dass die Jugend bemerkt: Ey, es gibt Wahlen in unserer Stadt!

          Na gut, aber sind Sie wirklich der Babo? Der Babo ist ja nicht irgendeiner, der Macht haben will. Der Babo muss Babo-Qualitäten vorweisen können. „Haftbefehl“ beschreibt die ja in seinem Lied: „Hafti Abi ist der, der im Lambo und Ferrari sitzt . . .“

          Ich hab die Musik noch nie gehört!

          Was?! Sie wollen der Babo sein und kennen „Chabos wissen, wer der Babo ist“ nicht?

          Ganz im Ernst! Ich habe den Namen „Haftbefehl“ schon öfters gehört, aber die Musik nicht. Ich habe dann aber das Cover zu seinem Album „Russisch Roulette“ gesehen und gedacht, damit kann man was machen. Das Cover-Foto haben wir nachgestellt für mein Plakat. Nur, dass ich keine Patrone in der Hand halte wie er, sondern einen Schlüssel, für die Dinge, die ich anders machen will in der Stadt.

          Herr Senol, das klingt ehrlich gesagt schon ein bisschen nach einem billigen Trick. Sie kennen das Lied nicht, mit Patronen wollen Sie auch nichts zu tun haben: Was haben Sie überhaupt gemeinsam mit dem Ursprungs-Babo, ich zitiere noch mal: „Hafti Abi, Baby, Straßenstar international“?

          Die doppelte Kultur zum Beispiel. Doppelte Kultur bedeutet doppeltes Plus. Und ich bin aus der Stadt. Ich wohne immer noch im Getto von Offenbach!

          Das Cover des 2014 veröffentlichten Albums „Russisch Roulette“ des Rappers „Haftbefehl“ Bilderstrecke
          Das Cover des 2014 veröffentlichten Albums „Russisch Roulette“ des Rappers „Haftbefehl“ :

          Ach so?

          In Lauterborn, das kennt in Offenbach jeder – da, wo die Hochhäuser sind. Ich wohne in einem siebenstöckigen Hochhaus mit 81 Parteien, und nebendran ist noch ein Hochhaus – insgesamt sind wir, glaub ich, tausend Leute in den beiden Hochhäusern.

          Da wohnen Sie aber nicht nur für den Wahlkampf?

          Nee, normal. Ich wurde in Anatolien in einem kleinen Dorf geboren und dann mit sechs oder sieben importiert. Mein Vater war Bauarbeiter, meine Mutter Hausfrau. Klassische Gastarbeiter-Geschichte.

          Und haben Sie sich auch mal an dem beteiligt, wovon „Haftbefehl“ rappt: „Gerichtstermin, Anklagebank, weil sich im Wandschrank das Hanf und ’ne Pumpgun befand“ und so weiter?

          Nee! Mein Papa hat immer gesagt: Mach mir bloß keine Schande! Wenn ich mal ein türkisches Sprichwort zitieren darf: Der beste unter euch ist derjenige, der den Menschen dienen tut. Liebe jeden Menschen! Helft einander! Papa hat uns das eingehämmert.

          Was haben Sie denn dann nach der Schule gearbeitet?

          Nach der Schule? Schon während der Schule habe ich gearbeitet! Mein erstes Geld habe ich mit Putzen verdient, zum achtzehnten Geburtstag habe ich mir meinen Gewerbeschein geschenkt, und noch während der Schulzeit hab ich selbstständig gearbeitet als Finanzberater und Immobilienmakler.

          Und heute?

          Da arbeite ich in einer Steuerberatungskanzlei. Und will eben Oberbürgermeister werden.

          Den Segen von „Haftbefehl“ haben Sie immerhin. Er hat ja gerade Ihr Babo-Plakat auf Instagram gepostet und dazu geschrieben, er wünsche Ihnen viel Glück bei Ihrer Kandidatur.

          Hab ich auch gesehen!

          Einem CSU-Politiker erging es mal anders, hab ich gelesen. Der ließ zur Kommunalwahl vor drei Jahren auf seine Plakate drucken: „Chabos wissen, wer der Babo ist!“ Nämlich angeblich er, ein milchgesichtiger Jurastudent. „Haftbefehl“ schien damals nicht begeistert, er schrieb auf Facebook, dass er nicht um Freigabe gebeten worden sei, und kündigte dem CSU-Mann an: „Die Tage erhalten Sie Post von uns . . .“

          Das ist genau das, was ich nicht wollte.

          Aber Sie hatten nicht die Erlaubnis von „Haftbefehl“ eingeholt?

          Nee. Ich hab ja auch keine ganze Zeile zitiert. Ich wollte nur Signale rausschicken. Die Leute wissen schon, was ich mit Babo meine.

          Was denn jetzt eigentlich genau?

          Dass ich so bin wie die Menschen in Offenbach. Die Netzwerke, die Menschen unserer Art haben, sind größer als die Netzwerke von herkömmlichen Politikern. In jedem Hochhaus in Offenbach treffe ich garantiert einen Bekannten oder den Bekannten eines Bekannten.

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          Was Sie politisch vorhaben, klingt relativ normal: Offenbach soll familienfreundlich und grün sein, Sie wollen Bildung, Respekt und soziale Verantwortung. Haben Sie nicht Angst, dass die Leute, die Sie jetzt als Babo akzeptieren, von Ihnen auch Babo-Aktionen in der Tradition von „Haftbefehl“ erwarten? „Attention, mach bloß keine Harakets bevor ich komm’ und dir deine Nase brech’?“

          Nee. Siebzehn, achtzehn Mails sind jetzt wieder reingeknallt. Alle von Jugendlichen. Ein junges Mädchen darf zum ersten Mal wählen, fragt mich, was ich zu tun gedenke mit einer Straßenumgehung hier. Andere fragen, wie ich zu Flüchtlingen stehe. Wenn ich sowas von Jugendlichen lese, denke ich: geil, super!

          Was fahren Sie eigentlich für ein Auto?

          Was ich für ein Auto fahre? Jaguar.

          Einen schwarzen mit dunklen Scheiben?

          Nee, Standard. Farbe: weiß.

          Nicht schlecht. Wird der Ihnen im Getto nicht zerkratzt?

          Warum? Die Leute in den Häusern kennen mich ja. Die können das Auto zuordnen. Bis auf Vogelkot war da nie was dran. Ist ein Firmenfahrzeug übrigens.

          Muhsin Senol ist Vorsitzender der Wählervereinigung Forum Neues Offenbach.

          Quelle: F.A.S.

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