07.09.2010 · Aus einer Bildungsstudie der OECD geht Deutschland als das Land mit der geringsten Studienneigung im internationalen Vergleich hervor. Vor allem in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Studienfächern sei die Lücke groß, hieß es bei der Vorstellung der Ergebnisse am Dienstag.
Deutschland bewegt sich laut einer neuen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf einen massiven Fachkräftemangel zu. Nach der Erhebung „Bildung auf einen Blick“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, mangelt es in Deutschland erheblich an Studienanfängern.
„Dabei geht es nicht nur um mehr Geld, sondern auch um die entsprechen Anreize“ für junge Menschen, ein Hochschulstudium zu beginnen, sagte der Leiter des OECD-Büros in Berlin, Heino von Meyer. „Mit 40 Prozent werden Sie es nicht schaffen, den Bestand an Hochqualifizierten zu halten“, sagte von Meyer. Er verwies auf die Studienanfängerquote, die Deutschland als das Land mit der geringsten Studienneigung im gesamten internationalen Vergleich ausweist. Vor allem in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Studienfächern sei die Lücke besonders groß.
Auch bei den Bildungsausgaben schnitt Deutschland schlecht ab: Mit 4,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) an Bildungsinvestitionen liegt Deutschland hier auf einem der letzten Plätze. Spitzenreiter sind Amerika und Dänemark.
Deutschland müsse vor allem durch mehr Geld für Bildung, höhere Absolventenzahlen, eine längere Lebensarbeitszeit, die stärkere Einbindung gut qualifizierter Frauen in den Berufsalltag und die Werbung um Studenten aus dem Ausland der demografischen Entwicklung entgegenwirken, erklärte von Meyer. Zwar habe sich die Anzahl der Hochschulabsolventen bereits deutlich erhöht, im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten liege Deutschland hier aber ebenfalls im Hintertreffen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hob hingegen die Erfolge in der Bildungspolitik hervor. So sei der Anteil der Studienanfänger in Deutschland von nur 26 Prozent im Jahr 1995 auf mittlerweile 43 Prozent angestiegen.
Auch seien durch Maßnahmen wie den Hochschulpakt die Bildungsaufwendungen auf 10 Prozent des BIP gestiegen, wobei Deutschland eine andere Berechnungsgrundlage als die OECD verwende. Schavan hob hervor: „die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland halb so hoch wie im internationalen Schnitt.“ Daher sehe sie die „berufliche Bildung als Flaggschiff im deutschen Bildungssystem“, betonte Schavan.
Tatsächlich bestätigt die OECD dem deutschen System von Ausbildung und Berufsschule gute Leistungen. Doch auch hier gebe es Verbesserungsbedarf. „Über ein Drittel der Schulabgänger befinden sich in Übergangsmaßnahmen, dass sind endlose Warteschleifen, die den Staat viel kosten“, bemängelte die Leiterin der Studie zur beruflichen Bildung, Kathrin Höckel. Ferner seien die Anreize zu gering, nach der Berufsausbildung ein Studium anzuschließen. Zwar gebe es inzwischen in einzelnen Bundesländern Möglichkeiten, auch ohne Abitur zu studieren. Die geringe Resonanz zeige aber, dass es an geeigneten Anreizen wie Krediten und Beratung fehle.
Besorgt zeigt sich die OECD auch über die Zahl der Risikoschüler, die nicht über ausreichend Grundkenntnisse wie Lesen, Schreiben und Rechnen verfügten. Deutschland „kann es sich nicht leisten“, ungebildete und unqualifizierte Arbeitskräfte zu haben, da es hierfür keinen Bedarf mehr gebe, sagte Höckel. Erstmals kalkulierte die OECD auch den wirtschaftlichen Nutzen von Bildungsinvestitionen. Demnach hätten Bildungsausgaben volkswirtschaftlich eine Rendite von zwölf Prozent. Die Studienreihe „Bildung auf einen Blick“ wird seit 1996 jährlich erhoben und konzentriert sich auf die Rahmenbedingungen für Bildung in den Teilnehmerländern. Neben 17 OECD-Ländern nahmen auch Chile und China an der Studie teil. „Bildung auf einen Blick“ ist unabhängig von der PISA-Studie, die vornehmlich Schülerleistungen bewertet und in ihrer neuesten Auflage im Dezember vorgestellt werden soll.