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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Odenwaldschule Suche nach der Wahrheit

11.07.2010 ·  Am Tag, als der Tod Gerold Beckers bekannt wird, veranstaltet die Odenwaldschule ein „Hearing“ mit Altschülern und ehemaligen Lehrern. Es soll den systematischen Missbrauch aufdecken und den Opfern Gerechtigkeit bringen. Aber von den Tätern kommt niemand.

Von Philip Eppelsheim, Heppenheim
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Dieser Abend in der Odenwaldschule in Ober-Hambach soll die Wahrheit bringen. Die Schule mit ihren über Anhöhen verteilten Pfefferkuchenhäuschen im Heimatstil begeht ihr hundertjähriges Bestehen, vier Tage lang. Manche der Altschüler sind aber nur wegen dieses einen Abends gekommen, an dem das erste „öffentliche Hearing zum Missbrauch an der Odenwaldschule“ in der Theaterhalle der Schule stattfindet. „Ein großer Versuch“, wie der Vorstandssprecher des Trägervereins der Odenwaldschule, Johannes von Dohnanyi, sagt. Es ist der Versuch, die Strukturen aufzudecken, die den systematischen Missbrauch an der Odenwaldschule möglich machten. Zugleich geht es um die Suche nach Gerechtigkeit für die Opfer.

Auch die Täter waren eingeladen, an diesem Freitagabend in die Theaterhalle zu kommen, sich der Wahrheit zu stellen. Keiner hat es getan. Stattdessen ist am Nachmittag Gerold Beckers Tod bekannt geworden. Der frühere Schulleiter, der sich nachts an Schülern verging – mitunter brutatal –, hatte seine Übergriffe im März als „Annäherungsversuche und Handlungen“ eingestanden und in einem Brief an die Schulleiterin Margarita Kaufmann dafür bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. Zugleich hatte er seine Bereitschaft erklärt, mit Opfern Schülern zu sprechen. „Gerold Becker kann nicht mehr kommen. Wir bedauern es aufrichtig, dass Becker zu früh gestorben ist, um uns die Antworten zu geben, die wir erhoffen“, sagt Dohnanyi, nachdem er die Schilderungen Betroffener vorgelesen hat - der Beginn der Wahrheit.

Die Betroffenen schreiben:

Becker hat es jeden Tag versucht. Wenig später hat er Ethik-Unterricht gegeben und sonntags die Predigt gehalten. Am Tage des Herrn ließ er uns in Ruhe.

Jeder Tag begann mit Angst und mit dem Gedanken: Auch heute wird es dir nicht gelingen, der Erniedrigung zu entgehen.

Werde, der du bist - das ist das Motto der Odenwaldschule. Ich wurde zu dem gemacht, was ich bin. Und ich wollte es nicht.

So klingt die Wahrheit und noch viel schlimmer. Missbrauch war Alltag an der Reformschule. Die Täter blieben unbehelligt, konnten sich über Jahre an Kindern vergehen. In einem Bericht zur Aufklärung der Missbrauchsfälle, einer „Chronik des Schreckens“, ist von 37 betroffenen Schülern und sechs Schülerinnen die Rede, die sich bisher gemeldet haben. Zeugen haben 28 weitere mögliche Opfer benannt. Gerold Becker soll dem Bericht zufolge 17 Jungen missbraucht haben. Betroffene gehen davon aus, dass noch viel mehr Schüler von Lehrern und Mitarbeitern an der Odenwaldschule missbraucht wurden. Es sollen mehr als hundert sein.

„Wie konnte es dazu kommen?“, fragen sie in der Theaterhalle. Und wenn schon die Täter „im engeren Sinne“ nicht antworten, so versuchen es zumindest andere Lehrer, auch Verdächtige, von denen zwei zugeben, „Beziehungen“ mit Schülerinnen gehabt zu haben. „Eine Beziehung hatte ich in der Tat.“ – „Ja, es war so, aber ich habe keine Lust, es zu erläutern. Ich kann aber sagen, dass es mit dem, was ich unter Missbrauch verstehe, nichts zu tun hatte.“

„Es wurde gesagt: Haltet die Klappe“

Der ehemalige Lehrer Salman Ansari spricht von einer „kinderfeindlichen Pädagogik“ unter Gerold Becker. „Wir Erwachsenen waren mehr mit uns selbst beschäftigt als mit den Kindern. Wir hätten den Blick mehr auf die Kinder und die Konzepte richten müssen. Wir waren eine neurotische Schule.“ Ein anderer Lehrer sagt, Becker habe ein Umfeld der Verantwortungslosigkeit und des Chaos geschaffen. „Aber um was es ging, war Pädagogik. Wir sind nicht auf die Idee gekommen, dass er übergriffig sein könnte. Es war nicht zu verfolgen. Es geschah im Dunkeln des Herderhauses.“ Und die Hinweise der Kinder, die es immer wieder gab, verhallten ungehört. „ Ich habe keine Erinnerung. Es tut mir leid“, sagt ein Lehrer.

Auch als sich Schüler Ende der neunziger Jahre an die Schule wandten, schließlich an die Öffentlichkeit gingen, wurde der Missbrauch an der Odenwaldschule nicht aufgearbeitet. „Es ist nicht gefragt worden: Was ist euch passiert? Es wurde gesagt: Haltet die Klappe. Später galten wir als Nestbeschmutzer“, sagt einer der Altschüler, die vor zwölf Jahren vergeblich versuchten, auf den Missbrauch aufmerksam zu machen. Er fordert zu erzählen, was passiert ist, dass man aufhören müsse, verstehen zu wollen, sondern lieber zuhören solle, dass die Schule hier und jetzt handeln müsse, die Missbrauchsopfer entschädigen müsse. Das hat die Schule erst vor kurzem mit Verweis auf ihre Finanzlage abgelehnt.

Ein Anfang auf dem Weg zur Wahrheit

„Ich hatte kein Bedürfnis, Einzelheiten zu erfahren. Es war belastend“, antwortet der Lehrer, der Ende der neunziger Jahre mit dem Schüler sprach und von ihm als Vertrauensperson angesehen wurde. Er habe Angst gehabt, dass die Schule kaputtgehen könne. Eine Wahrheit, die ein Altschüler anders formuliert: „Ihr wolltet euren eigenen Arsch retten.“

Das Wahrheits-Hearing ist ein Anfang auf dem Weg zur Wahrheit. Über vieles wird noch geredet werden müssen, bis die Wahrheit klar ist. Viel mehr muss geredet werden, als an einem Abend möglich ist. Die Odenwaldschule, die Altschüler wollen sich der Aufgabe stellen. Für Vorstandsmitglied Adrian Koerfer, im Vorstand zuständig für Prävention und Aufarbeitung von Missbrauch, ist dieser Abend ein „Neustart“. Er ist glücklich über den Verlauf. „Viele haben geredet, sowohl Opfer als auch Verdächtige.“

Ob die Verdächtigen kommen werden, weiß niemand

Von einer neuen Ära spricht auch Dohnanyi. Beide betonen, dass die Aufklärung mit aller Schärfe vorangetrieben werden soll – unabhängig von Ansehen und Amt der Verdächtigen. Es soll eine Wahrheits-Kommission geben. „Wir werden weitermachen. Wir werden Leute einladen und vorladen“, sagt Koerfer. Anwälte und andere Juristen sollen vor allem die Verdächtigen befragen. Ob die Verdächtigen kommen werden, weiß Koerfer nicht. „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht will sich einer verteidigen.“

Nach dem Hearing versammeln sich Koerfer, Dohnanyi und andere Altschüler vor einer neuen Skulptur, „Keimen und Wachsen“ des Altschülers Daniel Brenner: eine versehrte Hand, ein Baum ohne Krone und ein austreibender Keimling. Die Stahlplastik soll Mittelpunkt eines Orts der Stille und des Gedenkens werden. Sie ist es schon am Ende dieses Abends. Altschüler stehen in der Dunkelheit um ein Feuer. Sie schreiben ihre Sorgen und Hoffnungen auf Zettel, übergeben sie den Flammen. Um loszulassen.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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