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Odenwaldschule Neuer Vorstand will Schule „umkrempeln“

30.05.2010 ·  Knapp drei Monate nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen hat die Odenwaldschule eine neue Führung. Bei einer turbulenten Mitgliederversammlung wurden fünf neue Vorstände gewählt. Sie wollen die Schule „fit für die Zukunft machen“ und „in ruhiges Fahrwasser steuern“.

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Knapp drei Monate nach Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle stellt die Odenwaldschule die Weichen neu: Das für seine Reformpädagogik bekannte Eliteinternat hat eine neue Führung. Der Trägerverein habe den Rechtsanwalt Michael Frenzel aus Langenselbold zum neuen Vorsitzenden gewählt, teilte die Schule am Samstag mit. Der 60-jährige sei in den 1960er Jahren selbst Schüler gewesen. Unter den fünf Mitgliedern befinde sich auch der Journalist Johannes von Dohnanyi und ein Missbrauchsopfer.

Sie wollen die Schule umkrempeln und fit für die Zukunft machen, wie der ehemalige Schüler Johannes von Dohnanyi sagte. Auch solle eine Art Entschädigung geprüft werden. Der frühere Vorstand war Ende März wegen des Skandals unter Druck zurückgetreten. Zudem wurde der Trägerverein auf 54 Mitglieder fast verdoppelt. Die Zahl könnte sich etwas verringern, da nicht alle Kandidaten persönlich anwesend waren. Deren Einverständnis muss noch eingeholt werden. Darunter soll auch die TV-Moderatorin Amelie Fried sein.

Teilnehmer berichteten von einer emotionsgeladenen Sitzung, vor allem bei deren Beginn am Freitag. Kurz vor dem nichtöffentlichen Treffen und bei dessen Verlauf gab es Rücktritte aus dem Trägerverein. „Wir brauchen ganz schnell eine neue Satzung“, sagte Frenzel. Dafür werde juristischer Sachverstand gebraucht. Er wolle helfen, die Schule wieder in ruhiges Fahrwasser zu steuern, sagte er.

„Jugendliche wurden nicht ernst genommen“

Nach einem bei der Sitzung vorgelegten Bericht wurden etwa 50 Schüler missbraucht. Ausgegangen war die Schule von etwa 40 Opfern. Der Tatzeitraum reiche vom Ende der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen sechs ehemalige Lehrer und einen früheren Schüler. Die frühere Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) wird eine mit Experten aus dem In- und Ausland besetzte externe Kommission leiten, die helfen soll, Missbrauch zu verhindern. „Wir wollen auch Modell werden, wie man mit Missbrauchsopfern umgeht“, sagte von Dohnanyi.

Der Missbrauch war Anfang März neu an die Öffentlichkeit gekommen. Erste Verdachtsfälle wurden 1999 nicht weiter beachtet. Sie galten auch als verjährt. Nach dem Bericht der Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller gibt es drei Hauptverdächtige. Im Mittelpunkt steht der frühere Leiter der Schule, Gerold Becker. Er war von 1969 bis 1985 an dem Internat tätig und hat sich für die Übergriffe entschuldigt. Burgsmüller sagte, insgesamt seien knapp 3000 Briefe an ehemalige Schüler verschickt worden. 107 Antworten seien eingegangen. „Es hat in den 60er, 70er, 80er Jahren und auch später eine Fülle von Hilferufen von betroffenen Schülerinnen und Schülern gegeben“, heißt es in dem Bericht. „Mit ihren Versuchen, andere Lehrer, die Schulleitung oder die Eltern zu informieren, sind diese Jugendlichen jedoch nicht ernst genommen worden.“

Mitglieder, die 1999 Verantwortung trugen, treten aus

In den vergangenen Wochen gab es mitunter heftige Kämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern, die eine Aufklärung ohne Wenn und Aber sowie einen organisatorischen Neuanfang der Schule forderten. „Es war ein für viele schmerzhafter Prozess“, sagte von Dohnanyi. Zu den Veränderungen soll nach dem Willen der neuen Führung auch gehören, dass die Schulleiterin Margarita Kaufmann und der Geschäftsführer Meto Salijevic nicht mehr automatisch auch dem Vorstand angehören. Dies war von Kaufmann beabsichtigt.

Die beiden Sprecher des Trägervereins, Philipp Sturz und Norbert Hofmann, legten ihre Ämter nieder. Die Sprecherfunktion sei nur bis zu dieser Versammlung befristet gewesen, sagte Hofmann. Sturz hatte auch den Rückzug von acht Mitgliedern gefordert, die schon beim ersten Auftauchen der Verdachtsfälle 1999 Verantwortung trugen. Von Dohnanyi sagte, diese Personen seien ausgetreten oder hätten es zumindest vor.

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