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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Odenwaldschule Die Wahrhaftigkeit und Hartmut von Hentig

23.10.2011 ·  Aussitzen nannte Hartmut von Hentig seine Strategie im Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Am Freitag sollte er in Frankfurt einen Vortrag halten.

Von Philip Eppelsheim
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Eigentlich hätte Hartmut von Hentig, Nestor der deutschen Reformpädagogik und langjähriger Lebensgefährte des im Juli 2010 gestorbenen Kinderschänders Gerold Becker, am Freitag in der Deutschen Nationalbibliothek einen Vortrag halten sollen. Hentig, 86 Jahre alt, war von der "Golo Mann-Gesellschaft" eingeladen worden, um über seinen Freund Golo zu sprechen. "Wahrhaftigkeit, Wehmut, Witz. Wie Golo Mann auch war" - so war sein Vortrag angekündigt. Auch wenn sich die Wahrhaftigkeit auf Golo Mann bezog, war es bemerkenswert, dass ausgerechnet Hentig über eben diese zu sprechen gedachte.

Ein Rückblick: Im März 2010 war der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule öffentlich geworden. Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete, und andere Lehrer hatten Schüler missbraucht und vergewaltigt. Die reformpädagogische Vorzeigeschule war ein Paradies für Kinderschänder - das reicht bis in die Anfänge der Schule zurück und bis in die Anfänge der Reformpädagogik. Klaus Mann, Bruder von Golo, besuchte die Odenwaldschule 1922 für ein knappes Jahr und schrieb dann die Erzählung "Der Alte", in der der Schulleiter Mädchen missbraucht. Paul Geheeb, Gründer der Odenwaldschule, beschwerte sich daraufhin bei Vater Thomas Mann.

1929 schrieb Erich Ebermayer "Kampf um Odilienberg". Darin geht es um Liebeshändel zwischen Lehrern und Schülern. Eine Art Handbuch für Päderasmus, gewidmet Gustav Wyneken - dem Gründer der freien Schulgemeinde Wickersdorf, wegen Unzucht mit Knaben verurteilt. Vorbild der fiktiven Odilienberg-Schule war die Odenwaldschule, wo das Buch dann auch Jahrzehnte später in etlichen Ausgaben herumlag.

„Wer je die flamme umschritt“

Beschützt wurde die Odenwaldschule von einem Netzwerk aus Bildungsbürgertum und Adel. Mittendrin Hartmut von Hentig, der Geheeb als "Schulheiligen" und Wyneken als "Schulcharismatiker" bezeichnete. Ralf Dahrendorf prägte den Begriff "protestantische Mafia". Eine illustre Runde: Einer der einflussreichsten Bildungsforscher und -politiker der jungen Bundesrepublik, Hellmut Becker, empfahl Gerold Becker als Schulleiter, hielt auch noch die schützende Hand über ihn, als sein Patensohn ihm von Missbrauch durch Gerold Becker berichtete. Richard von Weizsäcker schickte seinen Sohn Andreas auf die Schule - in die Fänge Gerold Beckers. "Wer je die flamme umschritt / Bleibe der flamme trabant!" - so schrieb es Stefan George.

2010 beschuldigten Altschüler auch Hentig. Sie warfen ihm vor, in der Odenwaldschule ein- und ausgegangen zu sein und bei Becker mit mindestens einem von Beckers "Favoriten" übernachtet zu haben. Jürgen Dehmers beschreibt in seinem Buch "Wie laut soll ich denn noch schreien?", wie er als Kind Hentig kennenlernte: "Er saß bei einem Besuch Beckers in dessen Wohnzimmer in einem der flachen Ledersessel . . . Ich war kurz durch Beckers Wohnung gegangen, vielleicht um mir ein Brot zu schmieren oder um etwas zu trinken zu holen, als Hentig mich mit einem durchdringenden, fast gierigen Blick ansah. Er sah zu mir, er sah zu Becker, wieder zu mir und sagte: ,Das ist also einer von diesen Knaben!'"

Hentig behauptet seither, er habe nichts getan und er habe nichts gewusst. Im März 2010 fragte er in der "Zeit": "Was habe ich damit zu tun?" Er werde als Beckers Lebensgefährte in "Sippenhaft" genommen. "Mein Freund bleibt mein Freund", schrieb Hentig weiter. Und: "Ich meine: In keinem Fall sollte es zu sexuellen Handlungen zwischen Erziehern und Zöglingen kommen." Schon zuvor war er allerdings mit den Worten zitiert worden, Becker sei, wenn überhaupt, wohl Objekt kindlicher Verführungen geworden. Das Kind als Täter. Diese Ansicht findet sich ebenfalls in den Memoiren Hentigs mit dem Titel "Mein Leben - bedacht und bejaht". Er schreibt dort auch über seine Zeit am reformpädagogischen Birklehof. Die Internatsleiterin weist ihn auf einen Knaben hin, "eines unserer interessantesten, hübschesten und labilsten Kinder. Ihr Vorgänger ist ihm zum Opfer gefallen."

Im April 2010 legte Hentig einem geschlossenen Kreis seine Überlegungen zu der Missbrauchsaffäre dar. Er wiederholte, dass sexuelle Handlungen an Kindern falsch seien. Allerdings bestehe "die Möglichkeit, dass ein Kind einen Erwachsenen verführt". Zudem beklagte Hentig wieder, dass seine Glaubwürdigkeit von Journalisten zerstört werde. "Wem das widerfahren ist, muss sich zurückziehen und kann nur, wenn er nicht zu alt ist, hoffen, dass das alles in vier oder fünf Jahren vergessen ist." Im Mai 2010 schrieb Hentig an Vertraute, wie er mit dem Missbrauchsskandal umzugehen gedenke. Seine "(nicht leicht einzuhaltende) Strategie" sei "aussitzen". Und das tat Hentig auch, so wie es Gerold Becker getan hatte, nachdem die Missbrauchsvorwürfe Ende der neunziger Jahre das erste Mal bekannt geworden waren - allerdings ohne dass sich die breite Öffentlichkeit dafür interessiert hätte.

Wahrhaftigkeit

Ein letztes Mal trat er noch in Erscheinung: Nach dem Tode Gerold Beckers, der den Missbrauch als "Annäherungsversuche und Handlungen" bezeichnet hatte, schalteten Hentig und Angehörige Beckers eine Todesanzeige mit einem leicht abgewandelten Goethe-Gedicht. Es las sich wie eine letzte Verhöhnung der Opfer. Jürgen Dehmers schrieb dazu in dieser Zeitung: "Bei Becker ist bis zu seinem Tod nichts angekommen, und bei Hentig kommt ebenfalls nichts an."

Es wurde still um Hentig, gleichwohl dieser eine theatralisch larmoyante Schrift Anfang dieses Jahres veröffentlichte. Sie trägt den Titel "Ist Bildung nützlich?" Hentig schreibt über einen Mann, den er NN nennt. Dieser "habe es zu etwas gebracht - zu Auskommen und Ansehen - und sehe sich plötzlich in eine öffentliche, an Heftigkeit und Mißlichkeit zunehmende und jedenfalls nicht abebben wollende Verleumdung hineingezogen". Das klingt, als schreibe Hentig über sich selbst und seine Wahrhaftigkeit. Es gibt zwei bemerkenswerte Passagen. In der einen beschreibt Hentig, dass NN in die Matthäus-Passion geht. "Das Volk, das Jesus gestern umjubelt hat, verlangt nun, daß man ihn kreuzige. . . Einen Augenblick lang ist NN von den Parallelen zu seinem ,Fall' überwältigt. . .".

Der zweite Abschnitt handelt von Wahrheit. Hentig erinnert sich an einen Aufsatz von Dietrich Bonhoeffer mit dem Titel "Was heißt die Wahrheit sagen?", und "die Geschichte beginnt so: ,Ein Kind wird von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt, ob es wahr sei, daß sein Vater oft betrunken nach Hause komme. Es ist wahr, aber das Kind verneint es.' Man könne, schreibt Bonhoeffer, die Antwort des Kindes eine Lüge nennen; trotzdem enthalte diese Lüge ,mehr Wahrheit', als wenn das Kind die Schwäche des Vaters vor der Klasse preisgegeben hätte." Ein Schuldeingeständnis? "In einem Brief. . . liest NN: ,Wahrhaftigkeit' heiße eben nicht, daß alles, was ist, aufgedeckt werden müsse."

Für Hentig sind die Opfer die Schuldigen

Damit wären wir wieder bei "Wahrhaftigkeit" und dem Vortrag, den Hentig am Freitag in Frankfurt halten wollte. Er tat es nicht. Stattdessen schrieb er eine "Öffentliche Erklärung", die nach seinem Wunsch auf der Golo Mann-Tagung verlesen werden sollte. "In "buchstäblich letzter Minute" habe er von einem Freund erfahren, dass der Opferverein "Glasbrechen" "im Internet gegen meinen heutigen Auftritt im Rahmen der Golo Mann-Tagung in Frankfurt protestiert, dass er vor dem Veranstaltungsort zu demonstrieren plant und mich im Anschluss an meinem Vortrag zu Rede stellen will.

Ich sage meine Teilnahme an der Tagung ab in der Hoffnung, den Veranstaltern und Gästen eine empfindliche Störung ihrer Zusammenkunft zu ersparen." Dieser Teil wurde öffentlich verlesen. Hentig schrieb noch mehr: "Die Missbrauchsopfer sind bisher nie an mich herangetreten. Mit der angedrohten Demonstration und dem Verhör zu meiner Rolle im Odenwaldschul-Skandal benutzen sie eine damit in keiner Beziehung stehende Tagung, um eine größere öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen. Die Behauptung, ich müsse alles gewusst und Jahrzehnte hindurch gedeckt haben, was Gerold Becker zu Last gelegt wird, würde auch vor diesem erzwungenen Publikum auf meine entschiedene und mehrfach begründete Leugnung treffen."

In seinen Memoiren schildert Hentig einen Vortrag von Martin Niemöller, gehalten im Nachkriegsdeutschland. Er bestand in der "so mutigen wie umstrittenen Anklage: Die Behauptung, nichts gewusst zu haben, sei ,bei jedem erwachsenen Menschen unwahr'". Darf man diese Anklage auch erheben, wenn es um Hentig und den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule geht?

Hentig nennt das Vorhaben der Betroffenen, ihn mit Fragen zu konfrontieren, in seiner Erklärung eine "Nötigung". Die Golo Mann-Gesellschaft dürfe "jedenfalls für die geplante Wegelagerei nicht missbraucht werden". Wieder macht Hentig die Opfer zu Tätern. Sie verhören, sie nötigen, sie sind Wegelagerer, sie missbrauchen. Sie sind die Schuldigen. Das ist Hentigs Sicht der Dinge.

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