14.03.2010 · Gewissenlose Verbrecher hätten die pädagogischen Grundlagen der Odenwaldschule erschüttert, klagte Schriftstellerin Amelie Fried in der F.A.Z. Ein Blick auf die Geschichte der Schule und ihres Personals zeigt, dass die Probleme noch viel tiefer liegen.
Von Heike Schmoll, BerlinEin skurriler Vogel sei er gewesen, sagen Kollegen aus der Bildungsforschung heute über ihn. Doch wer ist Gerold Ummo Becker, der frühere Leiter der Odenwaldschule und Lebensgefährte Hartmut von Hentigs wirklich? Seine Herkunft bleibt seltsam dunkel. Geboren ist er 1936. Ort, Region oder familiärer Kontext werden selbst in einschlägigen Biographien verschwiegen. Nach wenigen Semestern Architektur hat er evangelische Theologie und Philosophie studiert und war kurz im kirchlichen Dienst, wurde aber schon 1964 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Göttinger Pädagogen und Psychologen Heinrich Roth (1906 bis 1983) an dessen Pädagogischem Institut. Spätestens dort begegnete er auch Hentig, der 1963 nach Göttingen berufen worden war.
Das spätere Dreigestirn Hentig, Becker, Bueb hat dort seine Beziehungen geknüpft. Bernhard Bueb, von Hause aus katholischer Theologe, kam 1968 an den Lehrstuhl Roths, blieb dort drei Jahre und ging dann zu Hentig, dem Begründer der Bielefelder Laborschule, an die Universität Bielefeld. Längst hatten die drei aber ein Bildungsprogramm entworfen, das Hentig in seinen Memoiren als „Initiative zur Umwandlung der Bildungseinrichtungen in Deutschland zu Orten der Aufklärung, der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit“ beschreibt – und zwar als Korrektiv der überkommenen Ziele und Ideale. Aufbruchstimmung herrschte in Bielefeld um Hentig. Becker entschied sich dennoch für die Odenwaldschule, wo er von 1969 an unterrichtete. Als „tödlich“ habe er diese Trennung des ihm „verwandtesten“ Geistes empfunden, der sich in diesen „pädagogischen Zauberberg“ verliebt hatte. „Mir ahnte zum ersten Mal, dass mein Gang von nun an vor allem eins sein würde: einsam“, heißt es in Hentigs Memoiren.
Landerziehungsheime lebten vom Kontrast zum staatlichen Schulsystem
In seinem ersten Jahr als Schulleiter in der Odenwaldschule (1972), holte Becker Bernhard Bueb als Lehrer nach Hambach. Allerdings blieb dieser nur zwei Jahre und wurde 1974 Schulleiter des Internats Schule Schloss Salem, das er bis 2005 führte. Becker leitete die Odenwaldschule von 1972 bis 1985. Er war geprägt von der Reformpädagogik des antisemitisch gesonnenen Hermann Lietz’ (1868 bis 1919), des Gründers des ersten Landerziehungsheims für Jungen. Lietz war Verfechter der getrennt-geschlechtlichen Erziehung, die von ihm gegründeten Heime wurden erst sehr viel später koedukativ. Landerziehungsheime sollten eine Lern- und Lebensgemeinschaft werden, die vom Kontrast zum staatlichen Schulsystem lebte, das sich für die Reformpädagogen allein mit Wissensvermittlung begnügte. Lange Radtouren oder Arbeiten in Wald und Feld waren Lietz wichtig, während spätere Reformpädagogen wie der weichere Paul Geheeb (1870 bis 1961) mehr auf musische und handwerkliche Tätigkeiten und auf ein kontemplatives Verhältnis zur Natur setzten. Lietz und Geheeb hatten sich 1892 im religionsphilosophischen Seminar in Jena kennengelernt und waren eng befreundet.
Ohne die prägenden geistesgeschichtlichen Strömungen der damaligen Zeit, den Kulturprotestantismus, die Homosexuellenemanzipation, die Lebensreformbewegung und den pädagogisch-platonischen Eros lassen sich die Anfänge der Landerziehungsheimbewegung mitsamt ihrer Erlösungsrhetorik nicht verstehen. 1910 gründete der sendungsbewusste Geheeb mit seiner zweiten Frau Edith Cassirer 1910 die Odenwaldschule in Ober-Hambach, das erste Internat, das von Anfang an koedukativ war, den Unterricht im Rahmen eines flexiblen Kurssystems organisierte, die Mitbestimmung der Schüler hochhielt und damit erhebliche Aufmerksamkeit fand. Geheeb sah die Trennung der Geschlechter an staatlichen und nicht-staatlichen Schulen seiner Zeit als unpädagogische Reduktion der natürlichen Welt.
Die Klassenlehrer lebten als „Familienoberhaupt“ Tür an Tür mit ihren Schülern. Weil die Lehrer eher in der Rolle des Freundes und Familienvaters gesehen wurden, lag es nahe, sie alle zu duzen – lange vor der sogenannten antiautoritären Erziehung. Jungen und Mädchen turnten bis zu einem gewissen Alter gemeinsam und zwar nackt im Sportunterricht. Die Nationalsozialisten sorgten dafür, dass Jungen und Mädchen von April 1933 an in getrennten Häusern untergebracht wurden. Nach mehreren Übergriffen von SA-Truppen beschlossen die Geheebs ihre Schule zu schließen und auszuwandern. Sie gingen 1934 mit zwei Dutzend gemischten Schülern und drei Mitarbeitern in die Schweiz, wo sie die „Schule der Menschheit“ (École d’humanité) gründeten. Nach mehreren Standortwechseln zogen sie sich ins Berner Oberland zurück, wo der greise Geheeb nach Aussage früherer Schüler mit den Knaben im Keller am Pflichtduschen mit kaltem Wasser teilnahm. Schon früh gab es also so etwas wie eine institutionalisierte Überschreitung der Schamgrenzen.
Über die Zustände an der Odenwaldschule in den siebziger und achtziger Jahren sagen ehemalige Schüler jetzt: „Jeder hat es gewusst“, doch es wurde geschwiegen. Spätestens seit 1971 muss es regelmäßig sexuellen Missbrauch gegeben haben. Einer der ehemaligen Internatsschüler, die Hentig zumindest Mitwisserschaft vorwerfen, schreibt „Hartmut von Hentig... war durch seine häufigen Besuche in der OSO mit den Umgangsformen in Beckers ,Familie‘ vertraut.“
Trägerverein wollte Angelegenheit vertuschen
Die Entbindung Beckers vom Amt des Schulleiters mit nur 49 Jahren deutet darauf hin, dass der Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule schon 1985 vom Missbrauch Kenntnis hatte, die Angelegenheit aber vertuschen wollte. Anders lässt sich nicht erklären, dass Becker in der Amtszeit seines Nachfolgers Wolfgang Harder, auch er ein Hentig-Schüler aus Bielefeld, nach kaum zwei Jahren als Lehrer an die Schule zurückkommen durfte. Der damalige hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) stellt heute zwar einen Zusammenhang zwischen Missbrauch und früher Entlassung her, hat seinerzeit aber keinen Anstoß daran genommen. Becker blieb Berater der hessischen Reformschulen. Die Liaison Hentigs mit Becker war allgemein bekannt.
Wie durchgehend platonisches Gedankengut die Landerziehungsheime insgesamt prägte, zeigt sich auch am Birklehof in Hinterzarten, wo Hentig 1953 unterrichtete. Der Schulgründer Georg Picht, ein enger Freund Hellmut Beckers und Hartmut von Hentigs, hatte schon Ende der vierziger Jahre begonnen, mit der Zuarbeit der Schüler ein sprachwissenschaftliches Platon-Archiv aufzubauen, das lange von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wurde.
Wie sein pädagogischer Mentor, der nicht mit ihm verwandte Hellmut Becker, wurde Gerold Becker unmittelbar nach seiner Entlassung als Schulleiter zum Vorstand des Verbandes der Landerziehungsheime. Hellmut Beckers Einfluss auf die Bildungslandschaft kann gar nicht überschätzt werden. Er war Gründungsrektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und wurde in Berlin „Bildungsbecker“ genannt, spielt eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Wissenschaftskollegs (Wiko) in Berlin und gehörte dem wissenschaftlichen Beirat als vom Stiftungsrat entsandtes Mitglied von 1983 bis 1993 an. Hellmut Becker war der Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, der in den zwanziger Jahren zahlreiche „Becker-Jungen“ ins Ministerium gebracht hatte. Auch sein Sohn Hellmut unterhielt, wie Ulrich Raulff in seinem Buch „Kreis ohne Meister“ schreibt, „kurative Beziehungen“ zu zahlreichen jungen Männern.
Lehrer als „Kameraden und Freunde“ ihrer Zöglinge
An der Schwesterschule École d’humanité hielt Gerold Becker 1996 einen denkwürdigen Vortrag mit dem Titel „Die andere Rolle des Lehrers“. Lehrer, so sagte er im Anschluss an Lietz, sollten sich als „Kameraden und Freunde“ ihrer Zöglinge fühlen und benehmen, während die Lehrer der staatlichen Schulen sich jede Art menschlicher Nähe verbieten müssten, weil sie die Objektivität des Lehrers zu beeinträchtigen schien. „Die emotionale Verstrickung von Schülern und Lehrern ist an Landerziehungsheimen in der Regel deutlich höher als an Tagesschulen.“ Das Zusammenleben auf vergleichsweise engem Raum, „die Intensität und Kompaktheit der Lebenssituation“ führten dazu, dass viele Ereignisse und Verhältnisse, die normalerweise kaum jemanden aufregten, mit heftigsten Gefühlen aufgeladen würden, was Becker als „Diakonissenhaus-Syndrom“ bezeichnet. In der Kammer für Bildung und Erziehung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war Becker zur selben Zeit Mitglied.
Als ehemalige Schüler der Odenwaldschule 1999 erstmals öffentlich Vorwürfe gegen Gerold Becker erhoben, ermittelte die Staatsanwaltschaft Darmstadt, stellte das Verfahren jedoch wegen Verjährung ein. Doch wer hat dafür gesorgt, dass solange geschwiegen wurde? Es war die damalige Kultusministerin Karin Wolff (CDU), die 1999 sämtliche Beraterverträge Beckers mit dem Ministerium kündigte. Das zuständige Schulamt wurde aktiv und überprüfte, ob die Schule präventiv tätig geworden war. Die Vorzeige-Anstalt begnügte sich jedoch damit, einige Lehrer zu Seminaren und Supervisionen zu schicken und einen Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch einzurichten. Dieser wurde mit internen Lehrkräften besetzt.
In der wissenschaftlichen Welt konnte Becker zunächst nicht mehr reüssieren. Als Vorstandsmitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften (war er durch Hellmut Becker dorthin gelangt?) trat er nach den Missbrauchsvorwürfen ebenso zurück wie als Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime. Ärger machten ihm auch einige Herausgeber der pädagogischen Zeitschrift „Neue Sammlung“. Der Berliner „Bildungsbecker“, Hellmut Becker, hatte sie 1961 mitgegründet, Hentig trat 1964 bei und brachte Gerold Becker mit, der später dem dreiköpfigen Redaktionsteam angehörte. Die „Neue Sammlung“ verstand sich ausdrücklich als Vermittlungsorgan zwischen Öffentlichkeit und Bildungsforschung. Alle Beiträge sollten so geschrieben sein, dass sie von jedermann verstanden wurden. Bis zu ihrer Einstellung im Jahre 2005 war sie einer der gewichtigsten pädagogischen und gesellschaftspolitischen Meinungsbildner.
Der in die Enge getriebene Gerold Becker schwieg beharrlich
Auch die Bildungsforscher Manfred Prenzel (TU München), Peter Fauser (Universität Jena) und Lothar Krappmann (früher FU Berlin) waren unter den Herausgebern. Als die Missbrauchsvorwürfe bekannt geworden waren, forderte Fauser eine Erklärung von Becker. Es gebe für Missbrauch überhaupt keinen Spielraum, sagt Fauser heute noch genauso entschieden wie damals. Doch der in die Enge getriebene Gerold Becker schwieg beharrlich und schied aus dem Herausgebergremium aus. Nach nicht allzu langer Zeit ließ Hentig seinen Freund wieder hinzuwählen. Prenzel, Fauser und Krappmann verließen unter Protest den Herausgeberkreis.
Es war keineswegs so, dass Becker 1999 alle Ämter niederlegen musste. Bis zum Frühjahr vergangenen Jahres war er Mitglied des Vorstandes der „Shaul B. und Hilde Robinsohn Stiftung“ der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie an der Freien Universität Berlin. Noch im Jahre 2002 gab Gerold Becker im Friedrich-Verlag, wo auch die „Neue Sammlung“ erschienen war, eine Schülerschrift mit dem Titel „Körper“ heraus; Hartmut von Hentig fungierte als Berater. Der Lehrer, so Becker im Jahr 2004, habe die Aufgabe, als „bedeutungsvoller Erwachsener“ Entwicklungshilfe beim Mündigwerden zu leisten. Sein letzter Text erschien im vergangenen Jahr unter dem Titel „Alles unter Kontrolle? 32 Erfahrungen zur intensiven Arbeitsatmosphäre“.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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