http://www.faz.net/-gpf-73m06
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.10.2012, 14:44 Uhr

Nürburgring-Affäre Viele Nullen machen noch keine Million

Auf verschlungenen Wegen sollte einst von irgendwoher das Geld für den Bau des Freizeitparks am Nürburgring kommen. Der damalige Finanzminister trat zurück. Nun beginnt der Prozess gegen ihn.

von , Mainz
© ddp images/dapd/Torsten Silz Ministerpräsident Beck im Juli 2009 bei der Eröffnungsfeier des umgebauten Nürburgrings

Am 16. Juni 2009, einem Dienstag, hatte Ingolf Deubel bedeutende Neuigkeiten zu verkünden. Der rheinland-pfälzische Finanzminister und promovierte Volkswirt, den sein Chef Kurt Beck ehrfurchtsvoll „Professor“ nannte, lud kurzfristig für den Nachmittag zu einer Pressekonferenz in Mainz ein. Gerüchte machten die Runde, dass Deubel wegen der immer noch fehlenden privaten Finanzierung der kurz vor der Eröffnung stehenden „Erlebniswelt“ am Nürburgring seinen Rücktritt erklären könnte. Das Warten auf immer wieder versprochene und dann doch nicht geflossene Millionen für das Lieblingsprojekt seines Ministerpräsidenten, dazu die vielen kritischen Fragen der Medien und Opposition zerrten an den Nerven des Ministers - einem Eckpfeiler in Becks Regierung, der seine Kabinettskollegen gerne mit hochkomplexen Vorträgen zur Schuldendynamik in öffentlichen Haushalten beeindruckte.

Thomas Holl Folgen:

Doch statt eines Gescheiterten erlebten die Journalisten in dem überfüllten Medienraum des Ministeriums einen Politiker in Triumphstimmung. Deubel badete im Hochgefühl, es all den Nörglern, Bedenkenträgern und Kleingeistern gezeigt zu haben, die sein Finanzierungsmodell zur Kreditbeschaffung für das damals noch knapp 275 Millionen Euro teure Vorhaben angezweifelt hatten. Die „vollständig private“ Finanzierung des Projektes sei gesichert. Die erste Tranche von 70 Millionen Euro sei unterwegs. Die privaten Investoren, die in Luxemburg ansässige Firmengeflecht IPC/Pinebeck und ein geheimnisvoller amerikanischer Geldgeber, den er nicht nennen wolle und könne, hätten das Geld für den Ring auf den Weg gebracht. Skeptische Nachfragen, wann denn die vielen Millionen in Mainz einträfen, bügelte Deubel ab: „Machen Sie sich da mal keine Sorgen.“

Einem Hochstapler aufgesessen

Drei Wochen später trat ein ganz anders gelaunter Deubel vor die Presse. In Begleitung des düster dreinschauenden Ministerpräsidenten erklärte er in der Staatskanzlei am 7. Juli 2009 seinen Rücktritt. Den Journalisten trat Deubel zerknirscht gegenüber. Die Finanzierung des Freizeitparks mit Hilfe eines angeblichen amerikanischen Milliardärs hatte sich als Fata Morgana erwiesen. Der erste Scheck über 67 Millionen Dollar war nicht „werthaltig“. Das Konto des vermeintlich steinreichen Industriemoguls namens Pierre S. Dupont V. bei der Wells Fargo Bank wies nur ein Guthaben von 57,18 Dollar aus. Deubel, aber auch Beck („ganz großer Milliardärsadel“) waren einem Hochstapler aufgesessen, die Blamage war perfekt.

Der mit seiner SPD damals noch allein regierende Beck zog mit Deubels Rücktritt auch die „Reißleine“ bei der erfolglosen Suche nach privaten Investoren. Das schon fertig gebaute Freizeit- und Veranstaltungscenter ließ Beck nachträglich mit staatlichen Krediten finanzieren. Eine weitere Entscheidung mit katastrophalen Folgen. Inzwischen ist die fast landeseigene Nürburgring GmbH pleite, die Kredite von 330 Millionen Euro konnten im Juli nicht mehr bedient werden. Kurt Beck kündigte Ende September - mehr als drei Jahre nach Deubel - seinen Rückzug aus der Politik an.

Mehr zum Thema

Für die Rücktrittsankündigung aus gesundheitlichen Gründen wählte Beck einen politisch günstigen Termin. Denn am Dienstag beginnt vor der 1. Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Koblenz die juristische Aufarbeitung der Affäre um die vor allem für Beck und die SPD an Peinlichkeiten reiche Finanzierung des Nürburgring-Ausbaus. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss hatte seine Arbeit zur Klärung der Finanzierungsversuche Deubels vor der Landtagswahl im März ohne Abschlussbericht beendet.

Dessen Arbeit könnten nun die Richter zu Ende bringen. Im Zentrum der Anklage wegen Untreue und Beihilfe zur Untreue zur Lasten der Nürburgring GmbH steht Deubel. Zusätzlich muss sich der frühere Judotrainer auch noch einer Anklage wegen uneidlicher Falschaussage im Untersuchungsausschuss stellen. Neben Deubel stehen unter anderen drei ehemalige Manager der Nürburgring GmbH vor Gericht, allen voran der frühere Geschäftsführer Walter Kafitz, der Beck noch zu sozialliberalen Regierungszeiten für die Idee eines Freizeitparks an der Rennstrecke begeistern konnte.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zwischen Rüdesheim und Bingen Neue Debatte über Rheinbrücke

Neue politische Mehrheiten heizen die Diskussion über eine Brücke von Rüdesheim nach Bingen an. Aber nicht nur Naturschützer äußern Bedenken. Mehr Von Oliver Bock, Rüdesheim/Bingen

30.04.2016, 20:03 Uhr | Rhein-Main
SPD, FDP und Grüne Ampel-Koalition in Rheinland-Pfalz steht

In Rheinland-Pfalz haben sich die Spitzen von SPD, FDP und Grünen nach den Landtagswahlen auf ein Regierungsbündnis verständigt. Die rot-grüne Regierung in Mainz hatte bei der Wahl am 13. März ihre Mehrheit verloren. Als Koalitionspartner kommt nun die FDP hinzu, die mit 6,2 Prozent der Stimmen vor den Grünen (5,3 Prozent) landete. Die SPD siegte deutlich mit 36,2 Prozent. Mehr

23.04.2016, 09:41 Uhr | Politik
Karlie-Anleihen Tierbedarfshändler bittet Gläubiger um Hilfe

Der Heimtierbedarfshändler Karlie steckt in Schwierigkeiten. Jetzt sollen die Anleihegläubiger Zugeständnisse machen - damit die Anleihe überhaupt bedient werden kann. Mehr Von Martin Hock

19.04.2016, 17:36 Uhr | Finanzen
Ohne Sprit Milliarden-Programm für E-Autos

Ab Mai soll es 4.000 Euro Prämie beim Kauf eines Elektro-Fahrzeugs geben. Darauf verständigten sich in der Nacht zum Mittwoch Bundesregierung und Autoindustrie. 600 Millionen Euro will der Bund dafür aufwenden. Die andere Hälfte schießen die Autobauer dazu. Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie, verteidigte das Paket. Mehr

28.04.2016, 18:33 Uhr | Politik
Earlybird und Heilemann Zwei große deutsche Wagniskapitalisten kooperieren

Earlybird und die Brüder Heilemann schließen ihre Digital-Teams zusammen und legen einen neuen Fonds auf. Beide sind auf junge Unternehmen spezialisiert. Mehr Von Klaus Max Smolka

26.04.2016, 17:37 Uhr | Wirtschaft

Übertriebene Überfremdungsangst

Von Daniel Deckers

Die Studie „Migration und Integration“ kommt zur rechten Zeit. Denn was die Wissenschaftler über die Einwanderung nach Deutschland herausgefunden haben, könnte manche Überfremdungsangst dämpfen. Mehr 2