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Plädoyers im NSU-Prozess : „Im Namen Allahs“

  • Aktualisiert am

Vor seinem Plädoyer beim NSU-Prozess in München erschien Ismail Yozgat, der Vater des ermordeten Jungen Halit, am 27. November zu einer Sitzung des NSU-Ausschusses des hessischen Landtages Bild: dpa

Nach fast 400 Verhandlungstagen halten im NSU-Prozess die Eltern von Halit Yozgat, des neunten NSU-Mordopfers, ihr Plädoyer. Es ist eine einzige Anklage.

          Dass dies besondere Minuten werden würden im Münchner NSU-Prozess, das ist sofort zu spüren. Mucksmäuschenstill ist es im Gerichtssaal, als Ayse Yozgat ans Mikrofon tritt, sich die Brille zurechtrückt. „Im Namen Allahs“, beginnt sie – und kommt sofort zur Sache. Sie spricht die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe, die gegenüber auf der Anklagebank sitzt, direkt an – auf Türkisch, ein Dolmetscher übersetzt. „Können Sie einschlafen, wenn Sie Ihren Kopf auf das Kissen legen?“, fragt sie. „Ich kann auch nach elf Jahren nicht einschlafen. Denn ich vermisse meinen Sohn so sehr.“

          Ihr Sohn ist Halit Yozgat, erschossen am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel. Der junge Mann war das neunte Mordopfer des „Nationalsozialischen Untergrunds“. Er wurde nur 21 Jahre alt. Mehr als elf Jahre später ist nun die große Stunde seiner Eltern gekommen. Auf der Zielgeraden des NSU-Prozesses dürfen sie ihre Plädoyers halten. Dürfen sagen, was ihnen auf der Seele liegt. Und Ayse und Ismail Yozgat – die schon zu Beginn des Prozesses als Zeugen ausgesagt hatten – nutzen diese Gelegenheit zu einer Anklage. „Sie waren meine letzte Hoffnung und mein Vertrauen“, ruft Ayse Yozgat den Richtern zu. Aber der Prozess bleibe ohne Ergebnis. „Sie haben wie Bienen gearbeitet, aber keinen Honig produziert.“ Auch die Richter hätten Kinder, „und ich wünsche Ihnen so etwas nicht“: Sie wünsche keiner Mutter, so etwas erleiden zu müssen wie sie selbst.

          Dann ist Ismail Yozgat an der Reihe. „Mein einziger, 21-jähriger Sohn starb in meinen Armen“, sagt er – und beklagt sich dann wie zuvor seine Frau über einen mangelnden Aufklärungswillen des Gerichts. Der Mord an Halit Yozgat wirft tatsächlich bis heute dicke Fragezeichen auf. Denn zum Zeitpunkt der Ermordung des 21-Jährigen war auch Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort. Der surfte nach eigenen Angaben in einem Nebenraum privat im Internet, von der Tat habe er nichts bemerkt. Und er habe den sterbenden Halit Yozgat nicht einmal beim Hinausgehen hinter dem Tresen liegen gesehen. Temme stand zeitweise sogar unter Mordverdacht, die Ermittlungen wurden aber später eingestellt. Und: Das Oberlandesgericht bewertete Temmes Angaben in einem Beschluss aus dem Sommer 2016 als glaubwürdig.

          Damit kann, damit will sich Ismail Yozgat nicht abfinden. Er hat sich vielmehr sein eigenes Urteil gebildet: „Temme hat unseren Sohn ermordet oder ließ unseren Sohn ermorden“, sagt er. Immer wieder, klagt Yozgat, habe er eine Ortsbegehung verlangt, um damit zu zeigen, dass Temme lüge, dass dieser den Mord mitbekommen und den sterbenden Halit gesehen haben müsse. Vergeblich. Temme sei vom damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier – heute ist der CDU-Mann Ministerpräsident – gedeckt worden. „Sie glauben dem Film des Agenten Temme, der nach seinen Wünschen gedreht wurde“, sagt Yozgat. Er habe Bouffier auch um ein Gespräch gebeten – doch der habe abgelehnt. Da bricht Yozgat die Stimme: Wie das sein könne, dass einem Mann, der seinen einzigen Sohn verloren habe, so ein Wunsch verweigert werde.

          „Ich hoffe, dass sie Menschen werden“

          Yozgat spricht auch Kanzlerin Angela Merkel an: Die habe versprochen, dass alles aufgeklärt werde. Das aber sei bis heute nicht passiert. Und: Ein Urteil ohne Ortsbegehung will er nicht anerkennen. In diesen denkwürdigen, emotionalen Minuten wird deutlich: Die Familie Yozgat hat ihre persönliche Hoffnung aufgegeben. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt Ayse Yozgat zu Beate Zschäpe. Früher sei die von ihren beiden „Uwes“, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, versorgt worden, jetzt sorge der Staat für sie – im Gefängnis. Doch Frau Yozgat hofft vor allem etwas anderes: „Ich wünsche den Schuldigen hier, bei Allah, dass sie Menschen werden und dass sie ihre Straftaten zugeben.“

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