http://www.faz.net/-gpf-7b4ph
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.07.2013, 17:18 Uhr

NSA-Affäre Eine Frage der Souveränität

Die Kooperation von BND und NSA wirft Fragen auf. Allen voran: Wird die Zusammenarbeit der Auslandsgeheimdienste bewusst genutzt, um die deutsche Gesetzgebung zu umgehen?

von , Berlin
© AP Leiter der Organisation Gehlen, aus der 1955 der BND hervorging: Reinhard Gehlen

In der Debatte über die Zusammenarbeit der deutschen und der amerikanischen Nachrichtendienste ist ein Blick in das Buch „Der Dienst“ recht hilfreich. Sein Verfasser ist Reinhard Gehlen. Er schreibt in seinen Erinnerungen: „Am 1.7.1949, dem Beginn des amerikanischen Budgetjahres 1949/1950, übernahm die CIA unsere Betreuung.“ Gemeint ist die Organisation Gehlen (OG), die - 1946 vom amerikanischen Militär gegründet - erst 1955 als Bundesnachrichtendienst in den westdeutschen Staat eingegliedert wurde.

Majid Sattar Folgen:

Von 1950 an erlaubte die Central Intelligence Agency der OG, nachrichtendienstliche Erkenntnisse mit Bonn zu teilen. Aus Sicht der amerikanischen Dienste ist es wohl seltsam, die gegenwärtige deutsche Debatte, welche durch die Enthüllungen des ehemaligen amerikanischen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden in Gang gesetzt wurde, zu verfolgen: In den Anfangsjahren bestimmte die CIA darüber, wie der deutsche Nachrichtendienst mit dem westdeutschen Staat kooperieren durfte. Heute freilich ist Deutschland souverän. Oder nicht?

„Keine Einschränkungen der Souveränität“

Am Montagmittag musste Steffen Seibert, der Sprecher der Bundesregierung, einmal kräftig durchatmen. Eine Stunde lang war er in der Bundespressekonferenz befragt worden nach den Abhörpraktiken der Amerikaner in Deutschland, nach rechtlichen Grundlagen und möglichen Geheimabkommen.

Auf die Frage, ob der BND verpflichtet sei, aufgrund von „gewachsenen Beziehungen“ für die NSA, die National Security Agency, etwas zu unternehmen, beziehungsweise, ob die NSA aufgrund des „Prinzips der gewachsenen Beziehungen“ selbst Leitungen abhören dürfe, sagte Seibert: Der BND sei Recht und Gesetz, dem BND-Gesetz und dem G-10-Gesetz verpflichtet. Er müsse zudem dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) Auskunft geben. Bis hierhin bezog er sich auf den ersten Teil der Frage. Zum zweiten Teil sagt er: „Die Bundesrepublik hat durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag ihre volle Souveränität wiedererlangt. Das markiert das Ende der Nachkriegszeit. Es gibt keine Einschränkungen dieser Souveränität.“

Kein Recht auf Überwachung

Mit dem letzten Satz beantwortete Seiber indirekt auch eine Frage, die er zuvor offen gelassen hatte. Über „mögliche Absprachen“ der geheimdienstlichen Zusammenarbeit werde nur dem PKGr berichtet - das sei „der Bundestag, das ist die gewählte Vertretung unseres Volkes“, hatte er zunächst gesagt. Nun aber fügte Seibert an, es gebe keine Einschränkung der Souveränität, was zumindest so verstanden werden konnte, dass der Zwei-plus-Vier-Vertrag nicht durch einen Geheimvertrag begleitet wurde, der Washington auf deutschem Boden Tätigkeiten zugesteht, welche die Souveränität der Bundesrepublik berühren.

Der 1990 geschlossene „Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland“ veränderte die Rechtslage, wenngleich nicht vollumfänglich, denn internationale Verträge wie das Nato-Truppenstatut von 1951 und das Zusatzabkommen dazu von 1959, das die Rechtsstellung von Nato-Truppen in der Bundesrepublik regelt, galten freilich fort. Der Sprecher des Bundesinnenministeriums, dem das für Spionageabwehr zuständige Bundesamt für Verfassungsschutz zugeordnet ist, sagte in der gleichen Bundespressekonferenz, das Truppenstatut enthalte „keine Rechtsgrundlage, nach der Entsendestaaten Kommunikation in Deutschland überwachen dürfen“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Messe Hannover Acht Jahre Arbeit für Obama

Die Zahl der Aussteller aus Amerika hat sich seit 2014 fast verfünffacht. Wie die Messe Hannover jahrelang Klinken putzte und sich auf Einladungslisten mogelte, um Obama zu gewinnen. Mehr Von Reinhard Bingener

24.04.2016, 14:14 Uhr | Politik
Verdi Warnstreiks an deutschen Flughäfen

Wegen des Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi im Öffentlichen Dienst sind an deutschen Flughäfen zahlreiche Flüge gestrichen worden. Allein die Lufthansa in Frankfurt hat für Mittwoch fast 900 der geplanten 1500 Flüge abgesagt. Mehr

27.04.2016, 10:56 Uhr | Wirtschaft
Anschlagsgefahr in Deutschland Verfassungsschutz beobachtet 90 Moscheen

Ist Deutschland nach Frankreich und Belgien das nächste Anschlagsziel von Terroristen? Der Verfassungsschutz beobachtet in Zusammenarbeit mit Muslimen Moscheen in Deutschland. Mehr

02.05.2016, 15:59 Uhr | Politik
Sowjetische Arbeitslager Das Gulag-Museum in Moskau

In der russischen Hauptstadt Moskau hat ein Museum eröffnet, dass sich dem Grauen der sowjetischen Arbeitslager, der sogenannten Gulags, widmet. Die Verbrechen der Sowjet-Zeit werden im heutigen Russland nicht mehr geleugnet, doch unter Wladimir Putin werden Stalins Sieg über Nazi-Deutschland und seine Verdienste um die Industrialisierung stärker in den Vordergrund gerückt. Umso wichtiger ist das Museum, sagen Besucher. Mehr

06.05.2016, 07:50 Uhr | Feuilleton
Nach dem AfD-Programmparteitag Die schweigende Minderheit ergreift das Wort

Sehen so Liberale aus? Das soll konservativ sein? Der Stuttgarter Programmparteitag der AfD wirft Fragen zu ihrer politischen Ideologiefähigkeit auf. Mehr Von Jürgen Kaube

02.05.2016, 10:22 Uhr | Feuilleton

Mutter Europa

Von Daniel Deckers

Sollte der diesjährige Karlspreis wie bisher einer Persönlichkeit gegolten haben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht hat, so ist Papst Franziskus definitiv die falsche Wahl. Mehr 3 18