Home
http://www.faz.net/-gpf-764p2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

NS-Vergangenheit im Saarland Nur Röchling. Ohne Krieg.

Im saarländischen Völklingen streitet man seit Jahren über einen Stadtteil, der nach einem großzügigen Industriemäzen und verurteilten Kriegsverbrecher benannt ist. Der Kompromiss, der jetzt verabschiedet werden soll, dürfte kaum für Ruhe sorgen.

© dpa Benannt nach einem verurteilten Kriegsverbrecher: der Völklinger Stadtteil „Hermann-Röchling-Höhe“

Im kleinen Saarland, das an Problemen nicht eben arm ist, neigt man zum Pragmatismus – und das nicht nur, wenn es um die Dramaturgie eines neuen „Tatort“ geht. Großes Problem, kleinste gemeinsame Lösung: Nach diesem Grundsatz verfährt man derzeit auch in  Völklingen. Schon seit Jahren streiten die Völklinger um ihren Stadtteil „Hermann-Röchling-Höhe“, einen 1500-Seelen-Flecken im Wald zwischen der einstigen Stahlstadt und dem Nachbarort Bous. Lange Jahre hieß die Ansiedlung – auch das ganz pragmatisch - „Bouser Höhe“, bis sie 1956, in der bedenkenlosen Nachkriegsamnesie des Landes, nach Hermann Röchling benannt wurde, einem saarländischen Großindustriellen, dessen Familie über Jahrhunderte das Stahlwerk Völklinger Hütte gehörte. Hermann Röchling hatte die Siedlung 1937 als Wohnstadt für seine Arbeiter begründet und diesen dafür billiges Bauland und Kredite zur Verfügung gestellt, was ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt und Anerkennung über Generationen sicherte.

Erfolgreicher Industrieller, überzeugter Antisemit

Oliver Georgi Folgen:

Dass Röchling aber nicht nur ein erfolgreicher Industrieller und Mäzen, sondern ein noch besserer Antisemit und Nationalsozialist war, der während des Zweiten Weltkrieges Tausende Zwangsarbeiter auf der Hütte ausbeutete und nach beiden Weltkriegen als Kriegsverbrecher verurteilt wurde, blendeten die Völklinger lange aus. Erst im Jahr 2000 brachte ein Fernsehbeitrag über Röchlings Vergangenheit eine erbitterte Fehde in Gang, die seither eine ganze Stadt spaltet. Die Bürgerinitiative „Bouser Höhe“ fordert die Rückbenennung des Stadtteils, eine andere kämpft für die Beibehaltung des Namens; SPD und Linkspartei könnten auch mit „Völklinger Höhe“ leben – nur viele alte Völklinger nicht. Trotzig halten sie an Röchling, dem Gönner, fest und schieben Röchling, den Kriegsverbrecher, beiseite. Der Krieg ist doch lange her, aber die Häuser, die stehen noch.

22991944 © ASSOCIATED PRESS Vergrößern Eine Umbenennung des Stadtteils sei keine Gefahr für den Status des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, sagt die Unesco

Erst Ende des letzten Jahres, nach Jahren des erbitterten Streits und gegenseitiger Vorwürfe, kam  Bewegung in die  verfahrene Sache. Nach langem Hin- und Her präsentierte der Völklinger Stadtrat einen Kompromissvorschlag, den die CDU-Fraktion eingebracht hatte: Umbenennung ja, aber nicht in „Bouser Höhe“, sondern in „Röchling-Höhe“. Röchling ohne Hermann, das ist wie Krieg ohne Tote: Das ganze Mäzenatentum, aber keine Verbrechen - quasi das Beste aus beiden Welten. Das finden auf einmal auch die Sozialdemokraten, die den Namen Röchling wie die Linkspartei ursprünglich ganz hatten streichen wollen: Der Name sei ein „tragbarer Kompromiss“, sagte der SPD-Stadtratsvorsitzende Erik Kuhn dieser Tage beim Neujahrsempfang der Stadt. Noch während er sprach, stellten zahlreiche Demonstranten, die sich vor der Tür zu einer Mahnwache versammelt hatten und Kuhn vorwarfen, dem Kompromiss nur aus Machtkalkül zuzustimmen, die ganze Tragfähigkeit schon wieder infrage.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hermann Strauß Schreckliches Finale

Trotz aller Demütigungen hielt Hermann Strauß als Häftling in Theresienstadt bis zu seinem Lebensende 1944 medizinische Vorträge, die den Leidensgenossen im Lager ein wenig Hilfe und Lebensfreude vermitteln sollten. Mehr Von Hans-Jürgen Döscher

23.06.2015, 11:03 Uhr | Politik
Selbstversuch Mit der Datenbrille Ski fahren

Als erster Wintersportverbund Europas hat Ski amadé im Salzburger Land jetzt eine Daten-Skibrille im Programm. Auf einem kleinen Display am unteren Rand der Skibrille können sich die Skifahrer mit allen möglichen Informationen versorgen - der nächste offene Skilift, die nächste Hütte, die besten Pisten. Mehr

14.03.2015, 09:57 Uhr | Technik-Motor
AGG-Hopping Scheinbewerber agieren immer dreister

Scheinbewerber um freie Arbeitsplätze agieren immer dreister. Dem Bundesarbeitsgericht reicht es jetzt: Die Erfurter Richter haben den Europäischen Gerichtshof eingeschaltet. Mehr Von Martin Diller

24.06.2015, 09:21 Uhr | Wirtschaft
Gunther Holtorf Mit dem Auto um die Welt - 900.000 Kilometer in 26 Jahren

Gunther Holtorf hat sich einen Lebenstraum erfüllt: Im Auto, einem alten Geländewagen namens "Otto", hat er 26 Jahre lang die ganze Welt bereist. 215 Länder und Territorien hat er gesehen und dabei fast 900.000 Kilometer zurückgelegt. Mitgebracht hat er nicht nur jede Menge Geschichten, sondern auch beeindruckende Fotos. Mehr

07.04.2015, 17:15 Uhr | Reise
FAZ.NET-Tatortsicherung Wurden da Hexen verbrannt?

Wie realistisch muss ein Sonntagabendkrimi sein? Christian Petzold sagt: so glaubhaft wie ein guter Zeuge. Ein Interview mit dem Autor und Filmregisseur anlässlich seines ersten Polizeirufs 110. Mehr Von Uwe Ebbinghaus

28.06.2015, 21:45 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.01.2013, 13:48 Uhr

Der schmale Grat der AfD

Von Justus Bender

Die Spaltung der AfD ist auch ein Ergebnis der taktischen Spielchen von Bernd Lucke und Frauke Petry. Beide wandeln auf einem schmalen Grat. Und beide haben sich verzockt. Mehr 6 3