Bislang hat Norbert Röttgen nicht den Ruf gehabt, sich sonderlich für Landespolitik zu interessieren - jedenfalls nicht in dem Sinne, dass er voller Empathie die Ereignisse in Nordrhein-Westfalen verfolgte. Es mag an seiner Herkunft liegen. Röttgen wurde in Meckenheim bei Bonn geboren, und sein Wahlkreis ist der Rhein-Sieg-Kreis - gelegen am südlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen, dort wo die Gegend eher dem lieblichen Rheinland-Pfalz und überhaupt nicht den städtischen Industrieregionen des Landes ähnlich ist.
Vor allem aber hat sich Röttgen in seiner politischen Karriere von Anfang an für die Bundespolitik entschieden. Er war noch keine dreißig Jahre alt, als er - das war 1994 - erstmals in den Bundestag gewählt wurde. Er kümmerte sich um rechtspolitische Angelegenheiten und trat - damals zur Verärgerung der Altvorderen - für eine Öffnung der CDU in der Ausländerpolitik ein. Er wurde Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion und bildete in der Zeit der großen Koalition in Berlin ein Scharnier zur SPD. Er liebäugelte mit einer Führungsaufgabe beim Bundesverband der Deutschen Industrie. 2009 wurde er Bundesumweltminister.
Als sich Röttgen 2010, nach dem Ende der CDU/FDP-Regierung in Nordrhein-Westfalen, erfolgreich um den CDU-Landesvorsitz bewarb, wurde ihm in der Partei unterstellt, in Wirklichkeit gehe es ihm nicht um die Landespolitik. In Wahrheit wolle er seine Ambitionen auf den Posten eines stellvertretenden CDU-Vorsitzenden untermauern - und manche Parteifreunde verbreiteten die Auffassung, Röttgen tue auch das nur, um einmal Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Noch vor wenigen Tagen konnte sogar die spöttische Äußerung eines nordrhein-westfälischen CDU-Politikers aufgeschnappt werden, dass Schlimmste, was Röttgen passieren könne, wäre es, „dass der Wähler ihn aus eine Laune heraus zum Ministerpräsidenten wählt“. Immerhin würde Röttgen dann nicht zu jenen CDU-Ministerpräsidenten gehören, die sich nur beiläufig um Bundespolitisches kümmern.
Im Falle einer Niederlage Oppositionsführer?
Röttgen hat nun binnen höchstens sechzig Tagen die Vorbehalte zu widerlegen. Die Aufgabe ist umso schwieriger, als Hannelore Kraft, die wieder antretende Ministerpräsidentin, sich das Ansehen einer treu sorgenden Landesmutter erarbeitet hat. Röttgen aber hat nicht bloß die Wähler zu überzeugen. In Berlin ist er nicht gerade von Freunden umzingelt. Auch die Skepsis von in Berlin tätigen nordrhein-westfälischen CDU-Politikern hat er zu überwinden. Seine Bewerbung um den CDU-Landesvorsitz hatten mehrere von ihnen voller Zurückhaltung gesehen und im Stillen auch bekämpft. Der Kanzleramtsminister Pofalla und Peter Hintze, der der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Landesgruppe der CDU/CSU-Fraktion ist, wurden damals dazu gerechnet. Der sachliche Teil ihrer Zweifel war damit begründet worden, der größte Landesverband der CDU könne nicht vom fernen Berlin aus geführt werden.
Vor diesem Hintergrund sind für Röttgen die Fragen von Belang, ob er sich - gleich wie die Wahl ausgeht - künftig der Landespolitik zuwenden wird, ob er also im Falle einer Niederlage auch Oppositionsführer im Landtag von Nordrhein-Westfalen werde. Die SPD hat diese Frage sogleich zu einem Thema ihres Wahlkampfes gemacht. Sogar die FDP könnte - in ihrer Not - auf den Gedanken kommen, der CDU mit einer solchen Debatte ein paar - entscheidende - Prozentanteile abjagen zu wollen. Röttgen gehört ohnehin nicht zu den Lieblingspartnern der FDP. Amtsgemäß hat er als Umweltminister Auseinandersetzungen mit dem Wirtschaftsminister zu führen, also mit dem FDP-Vorsitzenden Rösler. Und seit jeher gilt Röttgen als Anhänger schwarz-grüner Bündnisoptionen.
Röttgen scheint die Entscheidung offen halten zu wollen. In Radio-Interviews äußerte er sich so: „Also wir haben bislang immer die Fragen nach und nach entschieden, und zwar immer gemeinsam mit der Partei, und jetzt haben wir eine klare Fokussierung auf den Wahlsieg, stärkste Partei zu werden und den Ministerpräsidenten zu stellen“, sagte Röttgen im Deutschlandfunk. „Und dann werden sich nach der Wahl alle anderen Fragen stellen und die werden ebenso klar und eindeutig dann beantwortet werden.“ Ob er eine „Tür nach Berlin offenlasse, wurde gefragt: „Nein, es gibt keine offenen Türen, sondern es gibt den Blick nach vorne auf ein klares Ziel, das heißt Ministerpräsident und Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen.“
Rüttgers hatte sich einst klar entschieden
Einige Prognosen unter nordrhein-westfälischen CDU lauten, Röttgen werde einen vorzüglichen Wahlkampf führen, die CDU werde stärkste Partei werden, es werde aber mangels eines Koalitionspartners dann nicht reichen, Ministerpräsident zu werden. Die FDP werde nicht wieder in den Landtag ziehen; die Grünen würden mit der SPD koalieren. Röttgen aber werde Umweltminister bleiben - womöglich, je nach Abschneiden der CDU, sogar in seiner Position gestärkt.
Vergleiche ergeben keine festen Maßstäbe. Jürgen Rüttgers hatte sich einst klar entschieden. Im Jahr 2000 war er erstmals Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen CDU. Er verlor und ging als Oppositionsführer in den Landtag. Doch auch in Berlin war die CDU damals in der Opposition. 2005 aber wurde Rüttgers Ministerpräsident. Im vergangenen Jahr bewarb sich Julia Klöckner (CDU) um das Amt des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz; sie verlor und ging als Oppositionsführerin nach Mainz. Doch Frau Klöckner war in Berlin nicht Bundesministerin gewesen, sondern lediglich Parlamentarische Staatssekretärin im Agrarministerium. Renate Künast (Grüne) wollte in Berlin Regierende Bürgermeisterin werden. Sie verlor - und blieb dann auf ihrem Posten als oppositionelle Ko-Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag. Auch wurde jetzt ein Vergleich mit Norbert Blüm ins Spiel gebracht, der von 1987 bis 1999 CDU-Landesvorsitzenden von Nordrhein-Westfalen war, und 1990 für das Amt des Ministerpräsidenten kandidierte. Blüm verlor und blieb Arbeitsminister im Kabinett Helmut Kohls. Doch der Sitz der Bundesregierung war damals noch in Bonn gewesen.
„Die Arbeit auf der Bundesebene ist völlig unabhängig von der Arbeit in den Ländern“, hat nun Angela Merkel, die CDU-Vorsitzende, gesagt. Bezogen auf eine Niederlage der CDU in Nordrhein-Westfalen ergab die Formel der Bundeskanzlerin, was zu erwarten war, unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Einerseits: Norbert Röttgen werde nach Düsseldorf ziehen; sie werde einen neuen Umweltminister finden. Andererseits: Norbert Röttgen werde nach Berlin zurückkehren; wegen der Energie-Wende sei er im Kabinett unabkömmlich.