22.08.2010 · Kaum sind Männer wie Roland Koch oder Christian Wulff als Merkel-Nachfolger Geschichte, taucht aus dem Nebel der CDU-Krise einer auf, der nicht nur Machtwillen, sondern Instinkt hat: Norbert Röttgen. Er arbeitet auf eigene Rechnung.
Von Eckart LohseNatürlich wiederholt sich Geschichte nicht. Und ebenso natürlich hatte Norbert Röttgen es mit seiner Frisur schon immer leichter als Angela Merkel. Doch abgesehen von diesen beiden Einschränkungen ist es sehr wohl verlockend zu untersuchen, was aus Umweltministern wird, die Bücher schreiben, wenn sie Anfang vierzig sind. Bundesumweltministerin Angela Merkel war 43 Jahre alt, als 1997 ihr Buch zur Umweltpolitik erschien. Titel: Der Preis des Überlebens. Angela Merkel hat bekanntlich die Veröffentlichung des Buches nicht nur überlebt, sondern wurde acht Jahre später Bundeskanzlerin. In ihrem Opus forderte sie damals: Bis zum Jahre 2010 muss der Anteil von regenerativen Energien von jetzt fünf auf zehn Prozent verdoppelt werden.
Volltreffer. Heute steht auf der Homepage des Bundesumweltministeriums, der Anteil erneuerbarer Energien betrage zehn Prozent. Der Amtsinhaber, Merkels Parteifreund Norbert Röttgen, hat vermutlich das Buch seiner Vorgängerin gelesen. Ihren Lebenslauf kennt er ja. Röttgen lässt nun verkünden, bis zum Jahr 2020 solle der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieaufkommen auf knapp zwanzig Prozent steigen. Eine Verdoppelung in zehn Jahren. Gut abgeguckt. Vielleicht denkt Röttgen ja, von Merkel lernen heiße siegen lernen. Sagen würde er so etwas nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Sicherheitshalber hat er voriges Jahr auch ein Buch veröffentlicht. Da war er 44, also ein Jahr älter als die Buchautorin Merkel damals. Verrechnet mit der steigenden Lebenserwartung kommt das etwa hin.
Deutschlands beste Jahre kommen noch
Legt man die acht Jahre zwischen Buchveröffentlichung und Kanzlerschaft als Maßstab an, müsste Röttgen entweder noch eine weitere Legislaturperiode eine Kanzlerin Merkel erdulden oder vier Jahre roter Herrschaft, bis er im Jahr 2017 endlich selbst an dem großen Schreibtisch in der siebten Etage des Kanzleramts Platz nehmen dürfte. Er wäre dann 52 Jahre alt, Merkel war 51, als sie Deutschlands Regierungschefin wurde. Auch hier gleicht die gestiegene Lebenserwartung den kleinen Unterschied aus. Ach ja, Röttgens Buch hat auch einen Titel: Deutschlands beste Jahre kommen noch. Ein Schelm, wer das auf den Autor bezöge.
Zugegeben, die Behauptung, Röttgen wolle Kanzler werden, ist nicht neu. Andererseits sind seine Machtambitionen schwer zu bestreiten. Wieso sonst sollte er das Risiko eingehen, gegen einen in weiten Teilen Deutschlands unbekannten Mann wie Armin Laschet im Ringen um den Vorsitz der nordrhein-westfälischen CDU zu unterliegen? Und das, wo er es geschafft hat, in nicht mal einem Jahr als Umweltminister bundesweite Bekanntheit zu erlangen.
Das Wölfchen Norbert Röttgen will ein Wolf werden
Wer nach oben will, muss gucken, wie es diejenigen gemacht haben, die oben sind. Der mächtigste Alphawolf aller Zeiten war in der CDU Helmut Kohl mit einem Vierteljahrhundert Parteivorsitz und 16 Jahren Kanzlerschaft. Angela Merkel hat von ihm gelernt, wie Macht funktioniert. Dazu gehört es, genau in dem Moment nach ihr zu greifen, in dem ihr Inhaber die größte Schwäche zeigt. Bei Kohl war das, als Wahlniederlage und Spendenaffäre zusammenkamen. Merkel wurde zur Alphawölfin.
Als ihre vermutlichen Nachfolger galten lange Zeit Männer wie Roland Koch oder Christian Wulff. Beide spielen nun in der Partei- und Machtpolitik keine Rolle mehr. In dieser Situation taucht aus dem Nebel der CDU- und Merkel-Krise ein Alphawölfchen auf, das die beiden entscheidenden Wesenszüge in sich trägt, die ein Politiker auf dem Weg nach ganz oben braucht: Willen und Instinkt. Das Wölfchen Norbert Röttgen ist offenbar entschlossen, ein Wolf zu werden. Oder ist es längst.
Eine wandelnde Schnittmenge
Dass es so lange dauerte, das zu erkennen, liegt nicht nur an der sichtversperrenden Präsenz der vermeintlich so mächtigen Ministerpräsidenten. Vielmehr hat Röttgen sich selbst getarnt - bewusst oder nicht. Seit jeher haften ihm die Etiketten an, ein freundlicher Rheinländer zu sein, der in seiner politischen Lausbubenzeit mit einigen Parteikumpanen Kanzler Kohl ärgerte, indem er mit Grünen-Politikern in einer „Pizza-Connection“ genannten Runde Nudeln aß. Hat aber die Parteigeschichte am Beispiel Adenauers nicht gelehrt, dass Rheinländer Freundlichkeit mit knallhartem Machtwillen verbinden können? Und lebt der rheinische Katholik Röttgen mit Frau und drei Kindern nicht genau jene angeblich von der CDU so herbeigesehnte Mischung aus bürgerlichen Werten und Weltoffenheit vor?
Norbert Röttgen ist geradezu eine wandelnde Schnittmenge dessen, was die CDU zu brauchen scheint, um möglichst viele Wähler an sich zu binden. Die von der ostdeutschen Protestantin Merkel verprellten Katholiken könnten sich ebenso wieder aufgehoben fühlen, wie das auf ökologisch getrimmte weibliche Großstadtpublikum und der wirtschaftsfreundliche Mittelstand.
Die Debatte zur Laufzeitverlängerung als Machtkampf
Dieser dürfte sich gut daran erinnern, dass Röttgen nach der Bundestagswahl 2005, als Angela Merkel Kanzlerin wurde, aber er selbst nur Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion bleiben durfte, mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) anbandelte und fast dessen Hauptgeschäftsführer geworden wäre. Die Enttäuschung darüber, für seine Treue nicht mit einem Ministerium oder dem Posten des Kanzleramtschefs belohnt worden zu sein, dürfte ebenso ein Motiv für diese Operation gewesen sein wie der Versuch, herauszubekommen, was er Merkel bedeute. Den breiten Widerstand gegen Röttgens Bestreben, einen ranghohen Verbandsposten zu übernehmen und sein Bundestagsmandat zu behalten, brach auch die Bundeskanzlerin nicht. Er entschied sich gleichwohl für die Politik und gegen den BDI.
Seither arbeitet Röttgen endgültig auf eigene Rechnung. Das Amt des Umweltministers nutzt er dafür idealtypisch. Er hat gezielt per Interview die Bedeutung der Atomkraft für Deutschland zu einem großen Thema gemacht und den erwarteten Ärger in den eigenen Reihen bekommen. Natürlich geht es dem Bundesumweltminister auch um eine sichere Energieversorgung des Landes. Zugleich muss er aber zeigen, dass er sich mit seiner Befürwortung maßvoller Laufzeitverlängerungen von Kernkraftwerken gegen Ministerpräsidenten der Union aus Ländern mit solchen Kraftwerken durchsetzen kann. Sein Verhältnis zum Merkel-Vertrauten und Kanzleramtschef Ronald Pofalla wurde beim Streit über die Laufzeitverlängerungen kräftig beschädigt; auch das ist ein Stück Machtkampf. Nur derjenige, der in der eigenen Partei bei dem einen oder anderen wichtigen Thema eine Kraftprobe mit den Mächtigen provoziert, kann wirklich feststellen, wie stark er ist. Norbert Röttgen ist gerade dabei.
Röttgen ist einen großen Schritt weiter
Vor diesem Hintergrund ist das Scheitern von Jürgen Rüttgers in Röttgens politischer Heimat Nordrhein-Westfalen geradezu eine Fügung für den Bundesumweltminister. Bezirksvorsitzender der Landes-CDU ist er schon. Nun will er auch noch den Landesvorsitz als Machtbasis. Röttgen weiß zwar, dass es erst dann sinnvoll ist, sich im Ernst mit der eigenen Kanzlerschaft zu befassen, wenn man einer entsprechenden Situation aussichtsreich nahe gerückt ist. Doch allmählich stößt er in diese Sphären vor.
Kaum dass Angela Merkel Bundesministerin war, hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als Vorsitzende eines CDU-Landesverbandes zu werden. Im zweiten Versuch gelang das in Mecklenburg-Vorpommern. Damals, zu Beginn der neunziger Jahre, tat sie das noch nicht mit dem Ziel, einmal Kanzlerin zu werden. Aber sie spürte, dass sie sonst nie eine Chance zu weiterführender Macht haben würde. Sie musste damals noch ein knappes Jahrzehnt warten, bis große Teile der CDU-Führungsriege verschwanden und der Weg an die Parteispitze, fünf Jahre später ins Kanzleramt für sie frei wurde. Vielleicht zu seiner eigenen Überraschung ist Röttgen da schon einen großen Schritt weiter. Die Zeiten sind schnelllebig geworden.
Langweilige Vita eines Apparatschik
Peter Luethgen (peter.luethgen)
- 22.08.2010, 12:10 Uhr
Die CDU auf dem Weg zur 5% Partei
Horst Trummler (Vandale6906)
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Kein Kanzlermaterial
Thomas Riedel (ThomasRiedel)
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Verärgert
Thomas Berger (tberger)
- 22.08.2010, 17:44 Uhr
Norbet Röttgen
hans HUEBER (HUEBER1)
- 22.08.2010, 18:42 Uhr
Eckart Lohse Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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