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Veröffentlicht: 17.06.2017, 18:07 Uhr

Anti-Terror-Demo in Köln „Das hier ist ein Anfang“


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Dabei hatte man offenbar mit möglichen Störern aus dem rechtsradikalen Milieu gerechnet, auch von Salafisten, wobei Kaddor sich wundert, dass „ich zur Demo eigentlich relativ wenig Hassmails bekommen habe“, sagt sie gegenüber FAZ.NET. Auf der Bühne dann ruft sie die Zuschauer auf, sich „keinesfalls provozieren zu lassen“ – Provokateure fehlen allerdings weitgehend, auch als sich der Tross vom Heumarkt in Richtung Innenstadt aufmacht.

Die Veranstalter machen das Beste aus der geringen Teilnehmerzahl

Nicht nur Muslime sind gekommen, es sind viele Nicht-Muslime wie Renate Frank aus Köln, die mit ihrem Mann dabei ist, um „die Muslime zu unterstützen“. Der zeigt sich „enttäuscht, dass nicht mehr Muslime gekommen sind, das wäre ein wichtiges Zeichen“ gewesen. Rabeya Müller, muslimische Theologin und Imamin, wie Kaddor Mitbegründerin des „Liberal-Islamischen Bundes“, macht das Beste aus der mangelnden Teilnehmerzahl: „Jeder einzelne hier hilft beim ersten Schritt.“ Müller war ursprünglich Katholikin und konvertierte später zum Islam, sie ist Autorin zahlreicher Bücher zum Islam und zur Stellung der Frau. „Ich hätte allerdings gut gefunden, wenn Ditib mit dabei gewesen wäre“, so Müller weiter.

© dpa, reuters Weniger Teilnehmer als erwartet: Muslime protestieren in Köln gegen Extremismus

Ditib, die Türkisch-Islamische Union, der deutsche Ableger der türkischen Religionsbehörde, hatte sich im Vorfeld der Demonstration von den Organisatoren distanziert und ihr eigenes Mitwirken ausgeschlossen. Mit bemerkenswerten Argumenten: „Forderungen nach ‚muslimischen’ Anti-Terror-Demos greifen zu kurz, stigmatisieren die Muslime und verengen den internationalen Terrorismus auf sie, ihre Gemeinden und Moscheen – das ist der falsche Weg und das falsche Zeichen, denn diese Form der Schuldzuweisung spaltet die Gesellschaft“, hieß es in einer Mitteilung des Verbandes. Man war beleidigt: „Den Personen, die diese aktuelle Demonstration organisieren, hätte bewusst sein müssen, dass für eine gemeinsame Veranstaltung Vorgespräche notwendig sind.“ Besonders beeindruckend diese Kritik: Den im Ramadan derzeit fastenden Muslimen sei es „schlichtweg nicht zumutbar, stundenlang in der prallen Mittagssonne bei 25 Grad zu marschieren und zu demonstrieren“. Dass der Himmel in Köln am Samstag durchweg bedeckt war und die Temperatur kaum die 20-Grad-Marke überschritten hat – geschenkt.

Den Organisatoren Kaddor und Mohamad dürfte die Verweigerungshaltung des größten islamischen Verbandes in Deutschland, was das Interesse der deutschsprachigen Medien an der Veranstaltung angeht, mehr genutzt als geschadet haben, denn die darauf entzündete politische Debatte innerhalb und außerhalb der islamischen Gemeinschaften gab der Veranstaltung öffentliche Aufmerksamkeit: Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), zeigte kein Verständnis für Ditib: Der Verband stelle sich „noch weiter ins Abseits und droht vollends seine Glaubwürdigkeit zu verspielen.“ Der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, nannte das „eine vertane Chance für die Türkisch-Islamische Union“, Mitorganisator Mohamad ein „Armutszeugnis“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert ausrichten, die Absage sei „einfach schade“. Es sei doch „gut, wenn Muslime klarmachen, dass in ihren Reihen und Moscheen kein Platz für Hass und Gewalt ist.“

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