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Neujahresansprachen : Die Menschwerdung der Kanzlerin an Silvester

Kanzlerin Angela Merkel nach der Aufzeichnung der Neujahrsansprache am Dienstag im Kanzleramt in Berlin Bild: Reuters

Neujahrsansprachen sind nicht nur rhetorische Fünf-Minuten-Terrinen zum Jahreswechsel. Als kultische Rituale sind sie auch kleine Spiegel der bundesdeutschen Geschichte - und ihrer Kanzler.

          Einmal im Jahr steigen die deutschen Bundeskanzler und seit 2005 die Kanzlerin zu den Menschen herab, die sie regieren. Sie erbitten Einlass in die Wohnzimmer der Deutschen, um wenige Stunden vor dem Jahreswechsel ein paar Minuten Aufmerksamkeit zu bekommen, eingeklemmt zwischen Nachrichten, „Dinner for one“ und dem Erhitzen der Fondue-Töpfe. Der Normalbürger bekommt seinen Regierungschef sonst nur als fernen Spitzenpolitiker zu sehen, mal ein 20-Sekunden-Ausschnitt von einer Regierungserklärung im Bundestag, mal eine kurze Szene aus Brüssel oder Washington vom Treffen mit den anderen Mächtigen der Welt, vielleicht etwas Geschrei aus dem Wahlkampf. Die Neujahrsansprache ist der Versuch der Kanzler, ihren Schutzbefohlenen zu sagen: Ich bin einer von euch. Ich kenne eure Sorgen und Nöte.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Kein Bundeskanzler beherrscht dieses Ritual der Menschwerdung so wie Angela Merkel, an keinem Tag des Jahres trägt sie ihren Spitznamen „Mutti“ mit solchem Recht wie an Silvester. Als sie vor einem Jahr im goldfarbenen Jacket neben der deutschen und der europäischen Flagge saß, begann sie mit der größten denkbaren Plattitüde, nämlich dass der Jahreswechsel die Zeit der guten Vorsätze sei. Mancher werde sich vornehmen, mit dem Rauchen aufzuhören, sie selbst wolle mehr an die frische Luft gehen. Was sie sofort tat, indem sie sich dem Skilanglauf widmete. Dann fiel sie dabei auch noch hin, so dass Regierungssprecher Seibert sechs Tage nach der Neujahrsansprache den Sturz nicht nur bestätigen musste, sondern Erklärungen zu einem unvollständigen Bruch im linken hinteren Beckenring der Kanzlerin abgab. Eine angekündigte und vollendet Menschwerdung.

          Probleme entstehen beim Verwechseln der Aufzeichnungen

          Am Dienstag war es nun wieder soweit: Die Aufzeichnung der Ansprache zum Jahreswechsel stand auf Angela Merkels Terminplan. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wechseln sich mit der technischen Verwirklichung dieses kultischen Vorgangs ab. Der Grund für die Aufzeichnung einen Tag vor Silvester ist nicht, dass am 31. Dezember niemand mehr arbeiten will, sondern hat etwas mit den Lichtverhältnissen zu tun. Wenn der Fernsehzuschauer kurz nach 20 Uhr am letzten Tag des Jahres den Worten der Kanzlerin lauscht und dabei im Hintergrund der Reichstag zu sehen ist, soll das Licht möglichst wirklichkeitsnah sein. So, als sitze die Kanzlerin gerade jetzt zusammen mit achtzig Millionen Deutschen und blicke auf das Jahr zurück, auf das nächste voraus. Eine Aufzeichnung am Silvestertag selbst müsste jedoch so rechtzeitig gemacht werden, dass es draußen noch nicht dunkel wäre. Daher findet der Dreh einen Tag früher am Nachmittag statt, sobald es dunkel ist. Das hat bislang noch nicht zu größeren Problemen geführt. Die entstehen nur, wenn die Fernsehanstalten versehentlich die Aufnahmen verwechseln. Bundeskanzler Helmut Kohl musste das im Dezember 1986 erleben, als seine Ansprache vom Vorjahr ausgestrahlt wurde. Kurt Beck ging es 2009 als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz nicht besser.

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