Home
http://www.faz.net/-gpg-14rgl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neuer FDP-Generalsekretär Lindner Messerscharf und gefühlsbetont

14.12.2009 ·  Guido Westerwelle hat es bewusst verzögert, den Posten des FDP-Generalsekretärs zu besetzen. Der dafür Auserkorene hat lange genug geschwiegen. Nun setzt der schneidige, dreißig Jahre alte Christian Lindner seine rasante Fahrt in Führungsfunktionen der Liberalen fort.

Von Peter Carstens, Berlin
Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (5)

Guido Westerwelle hat die Neubestimmung eines Generalsekretärs der FDP bewusst verzögert. Er gewann so Distanz zur Regierungsbildung, die von Patronagewellen in die Ämter begleitet wurden. Fast durchwegs waren bei der Vergabe von Ministerposten, Staatssekretärsstellen und bei den Leitungsaufgaben in der Fraktion alte Verdienste berücksichtigt und landsmannschaftliche Ansprüche befriedigt worden.

So geriet die Sachsen-Anhalt-Expertin und Bildungspolitikerin Pieper auf einen Staatsministersessel im Auswärtigen Amt oder der Arbeitsmarktfachmann Niebel ins Entwicklungshilfeministerium. Mit der Erhebung seines Büroleiters Biesel zum Staatssekretär und der Ernennung des parteiintern verdienten, aber politisch unerheblichen Bundesgeschäftsführers Beerfeltz zum Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium überschritt der FDP-Vorsitzende Grenzen des politischen Anstandes, denen er seine Partei ganz offenbar nur scheinbar verpflichtet hatte.

Eine Person ohne Vergangenheit

Westerwelle, der als ein vorsichtiger Mensch beschrieben wird, hatte sich zu alledem verpflichtet gefühlt. Im Falle eines Staatssekretärspostens hatte er dem Bewerber zwar angeblich zunächst zu viel Rotwein und zu viel Golfplatz vorgehalten, aber das war entweder frei erfunden oder schlussendlich weniger wichtig als Dankbarkeitserwägungen. Je länger dieser Wettlauf um Posten her ist, desto größer wurde die Handlungsfreiheit des Parteivorsitzenden. Die unbesetzte Stelle sorgte zudem dafür, jüngere Liberale in Karriereträumen zu halten, die bisher leer ausgegangen waren. Die Aussicht auf einen Generalsekretärsposten – bei der FDP mit einem hohen Gehalt und einem Dienstwagen mit sehr viel Hubraum verschönt – hielt sie in der ersten, turbulenten Phase der neuen Regierung ruhig.

Video: Lindner folgt Niebel als Generalsekretär

Westerwelle gewann so die Chance, eine Person ohne Vergangenheit, aber vielleicht mit größerer Zukunft zu plazieren, einen, der seine Vorstellungen einer künftigen FDP vertritt. Und weil zu den wesentlichen Aufgaben des neuen Generalsekretärs gehört, ein Grundsatzprogramm auszuarbeiten, sollte der Neue eine gewisse Denkfreude und Theoriebegeisterung ebenfalls mitbringen.

Mit unerhörter Geschwindigkeit in eine Führungsfunktion der Partei

Kaum jemand scheint dafür so geeignet wie der dreißig Jahre Christian Lindner, der aus Wuppertal stammt. Lindner kommt wie ein moderner britischer Gentleman-Politiker daher: Er liebt schnelle Autos und große Armbanduhren, sammelt auf seinen diversen i-Pods exotische Musikstücke und dient als Oberleutnant der Reserve gelegentlich der Bundeswehr – bei der Luftwaffe, versteht sich.

Doch neben schneidigen Äußerlichkeiten verfügt Lindner auch über einen messerscharfen Verstand. Das brachte ihn früh in den Landtag und mit unerhörter Geschwindigkeit in eine Führungsfunktion der Partei, nämlich das Amt des Generalsekretärs in Nordrhein-Westfalen. Dort sammelte der Politikwissenschaftler mehr Erfahrung als jeder andere FDP-Politiker derzeit zu der Frage, wie man auch in einer Regierung mit der CDU das eigene Profil schärft, notfalls gegen den Koalitionspartner.

Außerdem hatte Lindner, gemeinsam mit seinem Generationskameraden, dem heutigen Gesundheitsminister Rösler, Anfang des Jahres einen Sammelband mit programmatischen Beiträgen jüngerer Liberaler herausgegeben, der den Titel „Freiheit: gefühlt – gedacht und gelebt“ trug, aber auch „Präliminarien für ein zunächst von Guido Westerwelle verweigertes neues Grundsatzprogramm“ heißen könnte. Die Jüngeren zeigten damit den Älteren, dass nicht alles zeitgemäß bleibt, was sie noch dafür halten. Lindner, der trotz einer geradezu erotischen Beziehung zu Telefonen in den vergangenen Wochen immer unerreichbarer wurde, hatte als Kandidat allerdings zwei Bedenken zu überwinden: erstens seine eigene Unentbehrlichkeit für den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen (vorgeschoben) und zweitens die politische Nähe zu Westerwelles Stellvertreter und möglichem Konkurrenten Pinkwart.

Lange genug geschwiegen

Deswegen blieb stets auch Patrick Döring Gespräch, der sechsunddreißig Jahre als ist und aus Stade in Niedersachsen kommt. Döring repräsentiert nach beruflichem Lebenslauf und äußerer Erscheinung – Versicherungsangestellter – mehr die klassische FDP. Westerwelle kennt ihn aus dem Umfeld der Jugendorganisation der FDP, den Julis, und aus dem Bundestag, dem Döring seit 2005 angehört. Döring ist verheiratet und gibt Kochen und Golf als seine Hobbys an, außerdem höre er gerne Jazz-Musik. Westerwelle hatte ein Auge auf ihn geworfen, beteiligte ihn an den Koalitionsverhandlungen und ließ ihn den Parteitag zum Koalitionsvertrag leiten.

Die größte Freude aber wird Westerwelle daran haben, dass es bis Montagvormittag niemandem gelungen war, verbindlich herauszufinden, wen der Vorsitzende für das Amt nominieren würde. Solches Freuen mag Menschen außerhalb der Politik als albern und kindisch gelten, aber aus solchen Mätzchen entstehen Machtverhältnisse.

Die Selbstverleugnung, die er dafür insbesondere Lindner abverlangte, erinnerte an den früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, welcher einmal ein Vorstellungsgespräch mit Karl Wienand geführt haben soll, das aus stundenlangem Schweigen bestand. Als Wienand das durchgestanden hatte, war er als Parlamentarischer Geschäftsführer nominiert. Nun aber hat Christian Lindner lange genug geschwiegen. Von diesem Dienstag an wird man ihn auf allen Kanälen und in allen Blättern finden, wenn er seine Sache gut macht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge