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Neuer Erzbischof in Freiburg : Der Anti-Zollitsch

Stephan Burger hat gut lachen: Der 52 Jahre alte Kirchenrechtler ist neuer Erzbischof von Freiburg Bild: dpa

Der neue Freiburger Bischof Stephan Burger könnte in der Diözese die Amtsführung seines Vorgängers Robert Zollitsch korrigieren. Seine Berufung durch Papst Franziskus legt dem badischen Katholizismus römische Zügel an.

          Am Freitag vergangener Woche wurde in Freiburg im Breisgau und im Vatikan bekanntgegeben, das badische Erzbistum habe wieder ein geistliches Oberhaupt: Papst Franziskus habe Domkapitular Stephan Burger zum Nachfolger von Erzbischof Robert Zollitsch ernannt. Zollitsch hatte im vergangenen Jahr mit Erreichen der Altersgrenze für Bischöfe von 75 Jahren auf sein Amt verzichtet, war aber mit Rücksicht auf sein Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz bis zur Ernennung eines Nachfolgers als Administrator eingesetzt worden. Elf Jahre nach der letzten Bischofswahl in Freiburg ist die Ära Zollitsch de jure zu Ende.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          De facto wird die Amtsführung Zollitschs die Kirche von Freiburg noch lange prägen - und nicht nur die. In Gestalt von Michael Gerber hat Zollitsch vor einem Jahr einen neuen Weihbischof installiert, der derselben Schönstatt-Priestergemeinschaft angehört wie er. Mit dieser Form der Günstlingswirtschaft wird der neue Erzbischof ebenso leben müssen wie mit dem Umstand, dass Zollitsch in den letzten Monaten Entwicklungen angestoßen oder zugelassen hat, die seinen erst 52 Jahre alten Nachfolger binden. Ungeachtet des nahenden Amtsverzichts berief Zollitsch eine Diözesanversammlung ein, die im vergangenen Jahr weitreichende Empfehlungen zur Ausgestaltung der Handlungsfelder der Kirche abgab.

          Zollitsch brachte den Vatikan gegen sich auf

          Das Seelsorgeamt publizierte eine Handreichung über die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten, die weit hinter den Stand der Diskussion auf diesem verminten Feld zurückfiel. Der Kirchenrechtler Burger, der seit dem Jahr 2007 das Kirchengericht der Erzdiözese leitet und erst seit dem Jahr 2013 dem Domkapitel angehört, hat diese Entwicklungen nicht unbedingt mit Wohlwollen begleitet. Das ist in Freiburg ebenso wenig ein Geheimnis wie die Tatsache, dass Zollitsch mit seinem rücksichtslosen Vorgehen den Vatikan erst recht auf den Plan rief.

          In dem Konflikt über die künftige Ausrichtung des Erzbistums ist auch das Motiv zu suchen, weshalb Burger überhaupt Erzbischof werden sollte. Nach Auskunft von Personen, die mit den Vorgängen in Freiburg vertraut sind, stand der „Offizial“ nicht auf der Liste der Kandidaten, die das Domkapitel im vergangenen Herbst dem Papst vorgeschlagen hatte - wohl aber auf der Dreier-Liste (Terna), die das Kapitel in der vorvergangenen Woche erreichte.

          Bischofskandidaten des Domkapitels kamen nicht zum Zug

          Denn alle Kandidaten des Kapitels waren - auf dem Weg von Freiburg über den Apostolischen Nuntius in Berlin, Erzbischof Eterović, die vatikanische Kongregation für die Bischöfe mit ihrem deutschen Untersekretär Udo Breitbach und die Begutachtung der „Terna“ durch Papst Franziskus zurück nach Freiburg - auf der Strecke geblieben. Stattdessen fand sich auf der Freiburger Liste der mittlerweile von der Bischofskongregation als Ortsbischof in Deutschland gesetzte, aber noch nirgends gewählte Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp wieder, dazu entweder als Dritter der Kölner Weihbischof Ansgar Puff, der vor einiger Zeit in Erfurt nicht zum Zuge kam, oder ein Priester aus dem Bistum Rottenburg-Stuttgart.

          Da aber allen sachlichen Erwägungen zum Trotz das Freiburger Domkapitel seit Menschengedenken nur Priester aus dem Erzbistum Freiburg zum Erzbischof wählt, hatte - wer immer Stephan Burger als „Anti-Zollitsch“ ins Spiel brachte - sehr leichtes Spiel.

          Kardinal Meisner soll Burger ins Spiel gebracht haben

          Wer aber war es? Wieder einmal richten sich viele Blicke auf den vormaligen Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner. Dessen Einfluss auf die Bischofsernennungen in Deutschland ist ungeachtet des Amtsverzichts im vergangenen Februar unvermindert groß. Bei der Papstwahl 2013 hatte Meisner Sympathien für den Präfekten der Bischofskongregation, den kanadischen Kardinal Marc Ouellet, erkennen lassen.

          Auf Vorschlag des Präfekten berief Papst Franziskus im Januar 2014 den Münsteraner Bischof Felix Genn in die Bischofskongregation. Dieser reüssierte als Meisners Kandidat bei der Wahl des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz nicht. Jedoch galt der Fingerzeig aus dem Vatikan auch der für den Herbst erwarteten Wahl des Kölner Erzbischofs durch das Domkapitel.

          Am Ober- wie am Niederrhein hatte man nach vielen Äußerungen von Papst Franziskus über die Bedeutung der Ortskirchen gehofft, dass es mit der unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. geübten Praxis vorbei sei, die Vorschläge der Domkapitel in Bausch und Bogen zu ignorieren. Hier wie dort herrscht seit Freitag Ernüchterung, wenn nicht Entsetzen. Denn alle schönen Worte des Papstes haben nichts daran geändert, dass seine Mitarbeiter im Vatikan und in der Nuntiatur in Berlin zusammen mit einflussreichen Bischöfen in Deutschland festlegen, wer hierzulande Bischof werden darf und wer nicht.

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