Home
http://www.faz.net/-gpg-12vmi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Studie Viel mehr Muslime als gedacht

24.06.2009 ·  Eine Studie des Bundesamts für Migration korrigiert die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime stark nach oben - auf 4,3 Millionen. Jeder zweite Muslim engagiert sich in einem deutschen Verein; die Mehrheit wünscht sich islamischen Religionsunterricht.

Von Peter Carstens
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

In Deutschland leben wesentlich mehr Muslime als bislang angenommen. Das geht aus einer Studie hervor, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Auftrag der Islamkonferenz erstellt hat. Während man bislang schätzungsweise von etwa 3,1 bis 3,4 Millionen Muslimen ausging, kommt die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ zu dem Ergebnis, es müssten bis zu 4,3 Millionen Menschen sein. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Während die früheren Angaben lediglich zwanzig muslimisch geprägte Herkunftsländer in ihren Schätzungen berücksichtigen, hat das BAMF für seine Studie Zuwanderer aus einer Vielzahl weiterer Länder sowie die Nachkommen von Eingebürgerten berücksichtigt.

Die Studie über Muslime ist die erste ihrer Art und liefert aktuelle Grunddaten für den Fortgang der Integration und den Dialog zwischen Muslimen und dem deutschen Staat. Sie war vom Innenministerium und der Deutschen Islamkonferenz (DIK) initiiert worden, um nach Jahren ungefähren Wissens genauere Erkenntnisse zu den Einstellungen und Lebensgewohnheiten der hier lebenden Muslime zu erlangen. Ausweislich der Studie hat es praktisch keine Zuwanderung von Muslimen in die vier ostdeutschen Bundesländer gegeben: Von jeweils einhundert Muslimen leben statistisch nur zwei in diesen Ländern, achtundneunzig wohnen im Westen oder in Berlin. Den größten Anteil hat Nordrhein-Westfalen, wo ein Drittel aller in Deutschland lebenden Muslime zu Hause ist.

Nur wenige sind in religiösen Vereinen und Gemeinden

Die Studie legt nahe, dass viele muslimische Familien offenbar besser in die Gesellschaft integriert sind als zuweilen angenommen. Der Studie zufolge sind beispielsweise mehr als die Hälfte der Muslime, die älter sind als 16 Jahre, Mitglied eines deutschen Vereins. Nur eine kleine Minderheit – vier Prozent – sind ausschließlich in einem herkunftslandbezogenen Verein (etwa in türkischen Kulturvereinen).

Überraschend ist auch die geringe Zahl der Muslime, die Mitglieder in religiösen Vereinen und Gemeinden sind. Nur jeder fünfte Muslim und jede fünfte Muslima gaben eine solche Mitgliedschaft an. Dementsprechend gering ist auch der Anteil derer, die sich durch die islamischen Verbände in der Deutschen Islamkonferenz vertreten fühlen. Dort sitzen Führungspersonen des „Koordinierungsrates der Muslime“, der staatlichen Türkischen Religionsbehörde (Ditib), der „Islamischen Kulturzentren“, des Zentralrats der Muslime (ZMD), des „Islamrates“ und der Alevitischen Gemeinde. Die geringe Repräsentanz, die diesen Organisationen zugebilligt wurde, hat das Innenministerium seinerzeit veranlasst, außer den Organisations-Vertretern weitere zehn Personen – darunter Publizisten und Islamwissenschaftler sowie eine Rechtsanwältin – einzuladen, die den nicht-organisierten Teil der Muslime repräsentieren sollen. Nun erweisen die Untersuchungsergebnisse die Richtigkeit dieser Einladungen.

Weiterhin kann man der Studie entnehmen, wie sehr die Muslime in Deutschland islamischen Religionsunterricht für ihre Söhne und Töchter wünschen. So sind 76 Prozent der Gesamtzahl der Muslime und 84 Prozent der Sunniten (denen sich beispielsweise viele Türken zurechnen) dafür, solchen Unterricht an Schulen einzuführen. Über die Frömmigkeit der Eltern liefert die Studie ebenfalls interessante Erkenntnisse und zeigt, dass sich die Intensität des gelebten Glaubens durchaus auch nach der regionalen Herkunft der Muslime differenzieren lässt. So sind Muslime mit Wurzeln in Südosteuropa – etwa Bosnien – weniger häufig ins Gebet vertieft, als solche aus afrikanischen Ländern. Nur etwa zehn Prozent der aus dem Iran stammenden Muslime bezeichnet sich selbst als „sehr stark gläubig“, Drei Viertel von ihnen besuchen nie eine religiöse Veranstaltung. Bei den Muslimen aus der Türkei sind es 41,4 Prozent, die sich als „sehr stark gläubig“ bezeichnen, obgleich immerhin 70 Prozent angeben, selten oder nie religiöse Veranstaltungen zu besuchen. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Erkenntnis der Forscher, dass nur jede zweite Frau, die sich selbst als sehr stark gläubig bezeichnet, zugleich auch ein Kopftuch in der Öffentlichkeit trägt.

Relativ gering ist jedenfalls nach den Daten der Untersuchung die Zahl der Muslime, die ihre Kinder nicht zu bestimmten Unterrichtsformen in der schule schicken wollen. Von hundert Befragten gaben sieben an, ihre Töchter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen, vier wollten ihre Mädchen vom Sexualkundeunterricht fernhalten. Hierbei ist bemerkenswert, dass im Schnitt etwa 15 Prozent aller Eltern ihre Töchter aus religiösen und anderen Gründen vom Sexualkundeunterricht fernhalten möchten, also beispielsweise auch Katholiken oder Angehörige anderer Religionsgemeinschaften eine solche Abstinenz zuweilen befürworten.

Die Hälfte der Türken hat keinen Bildungsabschluss

Zu den allgemeinen Erkenntnissen der Studie zählt der Befund, dass sich Muslime in Deutschland generell schlechter integrieren als Zuwanderer anderer Religion. Auch unter Berücksichtigung der Einwanderungsumstände – etwa der Anwerbung ungebildeter Arbeiter aus der Osttürkei in den sechziger und siebziger Jahren, fällt der geringe Bildungsstand insbesondere in dieser Herkunftsgruppe auf. Türkische Einwanderer haben, neben solchen aus dem Nahen Osten (Libanon, Palästinensergebiete unter anderem) den weitaus niedrigsten Bildungsgrad. Unter den Türken, die knapp zwei Drittel aller Muslime in Deutschland ausmachen, hat die Hälfte keinen Schulabschluss (16,5 Prozent) oder nur einen Volksschulabschluss (33,5 Prozent).

Ähnlich schlecht steht es um die Bildungsabschlüsse bei arabischen Zuwanderern. Hier haben noch mehr keinen Abschluss (17,1 Prozent) und eine erhebliche Zahl (11,8 Prozent) nur einen Volksschulabschluss. Immerhin schließen in der zweiten Zuwanderergeneration deutlich mehr Personen die Schule erfolgreich ab. Hierbei gilt allerdings auch der Befund, dass mehr männliche muslimische Jugendliche die Schule vorzeitig verlassen als Frauen.

Befragt wurden 6004 Personen im Alter von mehr als 16 Jahren. Ergänzt um die Angaben zu anderen Haushaltsmitgliedern gebe die Studie Auskunft über annähernd 17.000 Personen. Die Erörterung der Studie wird am kommenden Donnerstag eines der Themen der vierten Plenarsitzung des Islamkonferenz sein, die Innenminister Schäuble im September 2006 einberufen hatte. Die Teilnehmer wollen bei dieser Gelegenheit ein Fazit ihrer Arbeit ziehen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge