03.11.2005 · Die deutschen Schüler schneiden der neuen Pisa-Studie zufolge im internationalen Leistungsvergleich besser ab als vor drei Jahren. Doch ihr Erfolg hängt zu stark von sozialer und regionaler Herkunft ab. Ganz hinten in allen Punkten: Bremen.
Nach dem sogenannten Pisa-Schock im Jahr 2000 hat Deutschland nun offenbar seine Hausaufgaben gemacht.
Wie die am Donnerstag in Berlin vorgelegte internationale Bildungsstudie Pisa 2003 zur Einschätzung der Schulstärken von 15jährigen ausweist, konnten zahlreiche Bundesländer im Vergleich zu den ersten Ergebnissen des Jahres 2000 deutlich zulegen, vor allem in Mathematik. Hier liegen mittlerweile zwölf Länder im internationalen Durchschnitt oder darüber. Allerdings wird der Anteil von sehr leistungsschwachen Schülern, der sich in einer Größenordnung von 12 bis 30 Prozent bewegt, als „zu hoch“ bewertet.
Als Konsequenz aus der neuen Pisa-Studie sollen vor allem leistungsschwache Schüler künftig individueller und frühzeitiger gefördert werden. „Die vorgelegten Befunde zeigen, daß der Anteil der Schüler, die am Ende der Pflichtschulzeit in den untersuchten Kompetenzbereichen schwache Leistungen aufweisen, nach wie vor zu groß ist“, sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Johanna Wanka, am Donnerstag bei der offiziellen Vorstellung der Studie in Berlin.
Bayern zwischen Japan und Kanada
Zudem wurde deutlich, daß ein Schulerfolg weiterhin vom sozialen Umfeld abhängig ist: „Die Befunde lassen erkennen, daß die materiellen und kulturellen Ressourcen der Elternhäuser eine bedeutsame Rolle spielen.“ Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund blieben auf der untersten Kompetenzstufe hängen. Laut Ländervergleich der Pisa-E-Studie liegt Bayern im Testfeld mathematische Kompetenz unangefochten vorn und kann sich im internationalen Ranking zwischen Japan und Kanada einordnen.
Zweitbestes deutsches Bundesland ist Sachsen, auch Baden-Württemberg und Thüringen liegen noch über dem OECD-Durchschnitt. Auf den weiteren Plätzen folgen Sachsen-Anhalt, Saarland, Schleswig-Holstein, Hessen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Unterdurchschnittlich eingeordnet werden die Länder Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen. Auch in der Lesekompetenz stehen die Länder Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen an der Spitze. Schlußlicht im deutschen Vergleich ist der Stadtstaat Bremen, der im internationalen Vergleich nur noch vor der Türkei und Mexiko rangiert.
Im Vergleich zu 2000 hat sich Deutschland jedoch insgesamt verbessert. Drastische Unterschiede stellte die Studie in der naturwissenschaftlichen Kompetenz fest. Allein der Leistungsabstand zwischen Sachsen und Brandenburg beispielsweise bei den Gymnasiasten liegt bei „etwa einem Schuljahr“.
Schavan: Keine Verschlechterung der Chancengleichheit
Die Kultusminister und die designierte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wiesen Darstellungen zurück, wonach die neue Pisa-Studie eine generelle Verschlechterung der Chancengleichheit für Schüler aus armen und reichem Hause belege. Diese Schlußfolgerung sei unzulässig, da der Vergleich auf Statistiken beruhe, die auf unterschiedlicher Basis erstellt worden seien. „Daß die Chancengleichheit sich verschlechtert habe, stimmt schlicht nicht“, sagte Schavan, die Kultusministerin in Baden-Württemberg ist.
Ihre rheinland-pfälzische Kollegin Doris Ahnen betonte allerdings, alle Länder seien sich einig, daß ein enger Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft bestehe. Hier für Abhilfe zu sorgen, sei eine große Herausforderung, sagte die SPD-Politikerin. Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrick Olbertz (parteilos), betonte: „In unserer neurotischen Nation gibt es nichts langweiligeres als den Fortschritt.“ Natürlich gebe es einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildung. Doch könne es nicht sein, allein den Blick darauf zu richten.
In Presseberichten hatte es geheißen, der zweite, speziell auf Deutschland zugeschnitte Pisa-Vergleich zeige, daß ein 15jähriges Kind reicher Eltern bei gleichem Wissensstand und Lernvermögen eine viermal so große Chance habe, das Abitur zu schaffen, wie ein Gleichaltriger aus ärmeren Verhältnissen.
Es gebe eine neue Metrik zwischen der ersten und der neuen Pisa-Erhebung, weshalb andere Zahlen verwendet worden seien, sagte Schavan. In Sachsen, Thüringen und Bayern gebe es den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung nicht mehr. Die Ergebnisse zur Chancengleichheit seien insgesamt in etwa gleich geblieben. Verbesserungen seien in Sachsen und Sachsen-Anhalt festgestellt worden.
Das Kürzel Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“ und bezeichnet eine alle drei Jahre erhobene internationale Bildungsstudie zur Kompetenz von 15jährigen Schülern. Die letzte Erhebung fand 2003 statt, bei der abermals die Bereiche Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften getestet wurden.
Vertieft untersucht wurden diesmal die mathematischen Fähigkeiten; bei der Studie 2000 war es das Lesen. An der Pisa-Studie 2003 beteiligten sich 41 Länder, darunter 30 OECD-Staaten. International wurden rund 250.000 Schüler getestet, in Deutschland waren es 4660 Schüler in 216 Schulen. Die nächste Erhebung soll 2006 stattfinden.
Prüfungen sollten Bundesangelegenheit werden
Uwe Hölters (x-nuntius)
- 03.11.2005, 14:58 Uhr