http://www.faz.net/-gpf-89133

Gender Mainstreaming : Das vernachlässigte Geschlecht

Bedürfnisse von Jungen und Männern stärker berücksichtigen: Für seine Jungenarbeit wurde der Fußballverein Eppertshausen 2006 ausgezeichnet Bild: Bergmann, Wonge

Gender Mainstreaming ist Frauenpolitik im neuen Gewand – so lautet die Kritik an der staatlichen Gleichstellungspolitik. Immer mehr Männer wollen das nicht mehr still über sich ergehen lassen: In Deutschland artikuliert sich eine neue Männerbewegung.

          Das Gender Mainstreaming ist in Verruf gekommen. Während immer mehr Frauen bezweifeln, dass die Strategie mit dem unübersetzbaren Namen ihnen bisher überhaupt einen Nutzen gebracht hat, kritisieren immer mehr Männer die Art, wie sie angewandt wird: als ein Verfahren, mit dem die Benachteiligung von Frauen beseitigt werden soll – nicht eines, um „Geschlechtergerechtigkeit“ für Männer und Frauen gleichermaßen herzustellen. „Gender Mainstreaming ist Frauenpolitik in neuem Gewand. Die Belange von Männern werden dabei systematisch vernachlässigt“, sagt Andreas Kraußer, der dem Verein „Manndat“ vorsteht und eine männerpolitische Internetseite betreibt.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Schon ein Blick in das Bundesgleichstellungsgesetz nährt diesen Verdacht: „Nach Maßgabe dieses Gesetzes werden Frauen gefördert, um bestehende Benachteiligungen abzubauen“, heißt es in Paragraph eins über die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesverwaltung und in den Gerichten des Bundes. Paragraph 16 regelt die Wahl der Gleichstellungsbeauftragten: „Aus dem Kreis der weiblichen Beschäftigten (werden) eine Gleichstellungsbeauftragte und ihre Stellvertreterin … durch die weiblichen Beschäftigten“ bestellt. Nur Frauen dürfen also für die Gleichstellung sorgen.

          Auch ein aktueller Fall weist in diese Richtung: die Besetzung der Kommission, die den neuen Gleichstellungsbericht der Bundesregierung erarbeiten soll: „Acht der zwölf Mitglieder kommen aus dem Bereich Gender Studies oder bezeichnen sich selbst als Feministinnen“, kritisiert der Publizist und Mediator Gerd Riedmeier in einem offenen Brief an die zuständige Bundesministerin Manuela Schwesig (SPD), in deren Amtsbezeichnung zwar Frauen, aber nicht Männer erwähnt werden. Es fehlten Vertreter, die die Bedürfnisse von Jungen, Männern und Vätern in die Diskussion bringen, schreiben die unterzeichnenden sieben Männer-Initiativen. Eine Antwort haben sie nicht bekommen.

          Männer: Eine erschreckende Bestandsaufnahme

          Dass bei dieser Geschlechterpolitik nicht viel Gutes für sie herauskommen könne, liegt für viele Männer auf der Hand – und sie sind nicht mehr bereit, das still über sich ergehen zu lassen. Stattdessen fragen sie selbst in einer steigenden Zahl von Vereinen und Selbsthilfegruppen, Blogs und Websites: Was bedeutet diese Maßnahme, jene Politik für mich als Mann, Vater, Ehemann, Patient oder Arbeitnehmer? Liegt sie in meinem Interesse? Was ist überhaupt mein Interesse? „Es gibt mehrere bundesweit tätige Vereine, die sich den Großthemen Familienleben, Umgangs- und Unterhaltsrecht widmen, es gibt den ,Väteraufbruch‘ mit vielen regionalen Untergruppen, Hilfsangebote für männliche Opfer häuslicher und sexueller Gewalt, Anwälte, die sich für Kinderrechte einsetzen, und inzwischen auch bildungspolitische Ansätze, die sich mit den strukturellen Schwierigkeiten von Jungen in der Schule beschäftigen“, sagt der Publizist Arne Hoffmann, der als Vordenker der Männerrechtsbewegung gilt und einen Blog namens „Genderama“ betreibt. Oft seien es Erfahrungen von Kindesentfremdung oder Kindesentzug nach einer Trennung, die Männer dazu bringen, sich zu engagieren.

          Jagd nach dem Ball statt nach der Beute: der Fußballverein als Refugium männlicher Rituale
          Jagd nach dem Ball statt nach der Beute: der Fußballverein als Refugium männlicher Rituale : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Doch es geht auch um gesellschaftspolitische, grundsätzliche Fragen. Zentraler Ort der männerpolitischen Bestandsaufnahme ist die Universität Düsseldorf, wo der Psychotherapeut und Neurologe Matthias Franz alle zwei Jahre einen international und interdisziplinär anspruchsvoll besetzten Männerkongress abhält. Schon die Beschreibung der Situation ist erschreckend: Männer haben eine geringere Lebenserwartung als Frauen. 75 Prozent der Suizide entfallen auf sie; bei Jungen im Teenageralter sind es sogar 86 Prozent. Männer leiden öfter an Alkoholismus und anderen Suchterkrankungen, erkranken häufiger an Adipositas, koronaren Herzerkrankungen und Depressionen.

          Weitere Themen

          Der schlimmste Tag

          SPD-Wahldebakel : Der schlimmste Tag

          Für die SPD ist es das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die Partei will sich nun nach der vierten Wahlniederlage seit 2005 rundum erneuern. Eine Konsequenz aus dem Desaster nehmen die Genossen jedoch fast erleichtert auf.

          Will denn überhaupt keiner regieren?

          Wahlabend im Fernsehen : Will denn überhaupt keiner regieren?

          Wir haben „ein politisches Beben“ erlebt, sagt einer der Kommentatoren, die den Untergang der großen Koalition und den Erfolg der AfD einzuordnen suchen. Das Erstaunen ist auf allen Kanälen groß. Aber war nicht genau das zu erwarten, was eingetreten ist?

          Dritte Abweichlerin macht Trumps Gesundheitsreform unmöglich Video-Seite öffnen

          Wahlversprechen adieu : Dritte Abweichlerin macht Trumps Gesundheitsreform unmöglich

          Die Parteiführung wollte im Senat eigentlich bis zum 30. September eine Abstimmung über ihren Entwurf durchsetzen, weil er danach wegen des Ablaufs einer Frist nicht mehr mit einer einfachen Mehrheit von 51 Stimmen beschlossen werden könnte, sondern 60 Stimmen benötigen würde.

          Topmeldungen

          Emmanuel Macron hält heute seine Grundsatzrede zu seinen Europaplänen in Paris.

          Umbau der EU : Kommt heute Macrons großer Wurf?

          Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron skizziert an diesem Dienstag, wie er sich die Zukunft der Europäischen Union vorstellt. Den Redetermin – einen Tag nach der Wahl in Deutschland – hält er für genau richtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.