Von Osten nähert sich ein Transporter dem neuen Doppelturm der Europäischen Zentralbank. Der ist noch lange nicht fertig gebaut, aber er ragt schon jetzt in den Frankfurter Himmel. Ein Zeichen der Macht. Es ist früher Morgen, eigentlich noch Nacht. Der Transporter holpert über das Kopfsteinpflaster. Er fährt an alten Autos am Wegesrand vorbei. Ziegelsteine liegen hinter den Reifen der Autos. Die Autos sind vollgestopft mit Klamotten und Hausrat, auf den Sitzen schlafen Männer - Tagelöhner. Früher waren es vor allem Polen, nun sind es Bulgaren, die hoffen, dass der Tag Arbeit irgendwo in der Stadt für sie bringt.
Abseits des Kopfsteinpflasters liegen Straßen, die noch nirgendwo hinführen, noch keinen Zweck erfüllen. Unrat türmt sich an den Baustellenzufahrten. Durchgelegene Matratzen, durchgebrannte Fernseher, geleerte Flaschen, abgelegte Jacken und Schuhe. Kaninchen hoppeln durch das Gebüsch, ducken sich unter den Bauzäunen hindurch. Vögel singen den Tag herbei. Am Himmel rauschen Flugzeuge, ein Güterzug dröhnt über die Mainbrücke.
Arbeiter mit müden Gesichtern
Der Transporter passiert die mit Graffiti beschmierten Brückenpfeiler, die Frau im Schlafsack, die unter dem gemauerten Bogen liegt. Halb sechs. Vor dem EZB-Turm öffnet ein Sicherheitsmann das Tor und die Tür, hinter der ein Drehkreuz wartet.
Der Transporter stoppt vor dem Container der Wachmänner. Arbeiter mit müden Gesichtern steigen aus. Sie halten ihre Karten an einen Scanner, schlurfen durch das Drehkreuz, kurz hängen polnische Wortfetzen, Diesel und Zigarettenrauch in der Luft. Der nächste Transporter, die nächsten Arbeiter. So geht es weiter. Zur halben, zur vollen Stunde, vereinzelt dazwischen.
Ein Bus erreicht die Baustelle, noch einer. Wieder polnische Worte, Deodorant und Rauch, wieder verschwinden die Männer auf dem Gelände.
Es ist von Videokameras überwacht, von einem hohen Metallzaun umgeben. Rollen von Natodraht krönen den Zaun - seit Europas Linksradikale zur „Stilllegung“ der „wohl einflussreichsten Baustelle Europas“ aufriefen. Gefängnisatmosphäre. Nur geht es nicht darum, dass niemand entflieht. Niemand soll auf die Baustelle, der nicht die Befugnis dazu hat.
Vögel, gar Flugzeuge werden übertönt
Auf der Baustelle stapeln sich Container. Unzählige. Eine Burg. Licht dringt aus den Fenstern der Container: Die Arbeiter stehen vor ihren Spinden. Hier und da posiert eine Nackte auf einem Poster. Bauarbeiterleben.
Die Baustelle wacht auf, übertönt Vögel und Flugzeuge. Lastwagen rollen über das Kopfsteinpflaster, bringen neues Material für den Turmbau. Die Aufzüge rattern in die Höhe. Ein Meter pro Sekunde. Die Kräne, die sich wie Raupen an den Turm klammern, ihn überragen, schwenken ihre Arme. Oben in mehr als hundert Meter Höhe - 185 und 165 Meter werden die beiden miteinander verbundenen Türme einmal hoch sein, nicht einmal vierzig fehlen noch - bringen die Arbeiter die Europäische Zentralbank dem Himmel näher. Ein Stockwerk pro Woche.
Schon im 22. Stockwerk überblickt man die Stadt, die Finanzmetropole. Ganz oben muss man das Gefühl haben, mindestens halb Europa zu sehen. Ein gigantisches Bauwerk, voraussichtlich 500 Millionen Euro teuer - auf Basis der Preise von 2005, betont die Notenbank. Ein neues Wahrzeichen, das Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Sie stehen unten am Zaun, legen den Kopf in den Nacken. Dieser Turm ist verbunden mit Veränderungen, Erwartungen, Hoffnungen.
Mehr als 500 Mann arbeiten auf der Baustelle. Jene Polen, die mit den Transportern und den beiden Bussen gekommen sind, und andere. Die anderen kommen aus Bulgarien, aus der Türkei, aus ganz Europa. Die Polen sind etwa 100 Mann. „Je nach Bedarf und den Umständen des Bauablaufes schwankt die Kolonnenstärke.“ Die Kolonne ist „im Gewerk Massivbau (Rohbau) Hochhaus für Schal- und Betonierarbeiten“ tätig.
Hochhäuser, Hotels, Krankenhäuser, Tunnel, Bahnhöfe
Draußen vor dem Zaun stehen die Transporter, die beiden Busse, die die Polen gebracht haben. Keine Aufschrift verrät die Firma. Doch die Kennzeichen haben immer dieselbe Buchstabenkombination. Branchenkennern ist sie bekannt: eine Firma aus Polen, seit gut zwanzig Jahren im Baugewerbe - als Subunternehmer vor allem auf Baustellen in Deutschland. Ihr Name: Polbau. Mehr als 600 Bauten haben ihre Arbeiter errichtet. Bedeutende Objekte, wenn auch nicht alle eine „globale Ikone“ wie der Doppelturm der EZB. Hochhäuser, Hotels, Krankenhäuser, Tunnel, Bahnhöfe - auch beim neuen Atomkraftwerk in Finnland stellt Polbau Arbeiter. Qualifizierte Arbeitskräfte, vorbildliche Arbeitsorganisation, effektive Logistik, ein eigenes Büro-, Unterkunft-, und Werkstattnetz, so beschreibt die Firma sich.
Ende der neunziger Jahre tauchte Polbau in den Schlagzeilen verschiedener Medien auf. Es ging um den Bau einer ICE-Trasse und die dort tätigen Subunternehmen. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) verglich den „Handel mit Arbeitskräften aus dem osteuropäischen Raum“ mit dem „Frauenhandel bei der Prostitution“. Und Polbau, so IG Bau, zahle nicht den Mindestlohn, ziehe von diesem noch Kosten für die Unterkunft ab, „Wohnbaracken“, in denen eine Strafliste hänge, „mit der für ganz normalen Verschleiß dick abkassiert wird“.
Ein Journalist schrieb damals über die osteuropäischen Arbeiter, die unter „schlimmsten Bedingungen“ auf einer ICE-Trasse arbeiteten. Polbau, schrieb er, „bemühte sich schnell um Schadensbegrenzung. Acht der zehn Arbeiter, die in die IG Bau eingetreten waren, bekamen von der Firmenleitung nur Vertragsverlängerungen bis Ende August. Und als das ZDF-Magazin ,Kennzeichen D‘ die Arbeiter befragen wollte, legten die Bauleiter den Feierabend ganz plötzlich schon auf 14 Uhr: Die Revoluzzer hatten eine Stunde Zeit, ihre Habe zusammenzupacken, dann fuhr der Bus ab nach Polen.“
Das war 1999 - drei Jahre bevor die EZB das Gelände im Frankfurter Osten erwarb, um dort ihren Doppelturm zu errichten.
Lohnabzug für angeblich kaputtes Werkzeug
2005 geriet Polbau wieder in die Schlagzeilen. Die IG Bau bezeichnete den Polbau-Geschäftsführer als „Menschenhändler“. Für einen Monatslohn von 1400 Euro müssten die Arbeiter 200 Stunden schuften. Ein Bauarbeiter erzählte einer Zeitung: „Wer den Mund aufmacht und die Wahrheit sagt, der kann noch einmal bei Aldi einkaufen - und dann zurück nach Polen fahren. Das haben sie uns gesagt.“ Und: „Im Durchschnitt mussten wir 250 Stunden im Monat arbeiten, manchmal auch 270 oder mehr.“
Es gab noch mehr solcher Berichte. Über eine Frankfurter Baustelle beispielsweise, wo Polbau „rund 200 Bauarbeiter unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststundenlohn von 7 Euro beim Bau der neuen Hallen“ beschäftigt haben soll. „Bis zu 14 Stunden Arbeit am Tag seien üblich, oft genug würde vom Lohn Geld für angeblich ,kaputtes Werkzeug‘ abgezogen. Eine rechtliche Verfolgung der Missstände sei allerdings nicht nur wegen der Sprachprobleme schwierig...:, Die Arbeiter werden unter Druck gesetzt. Wer was sagt, fliegt!‘“
Auch die Unterkunft der Arbeiter, ein Bürogebäude in einem Gewerbegebiet, sorgte für Aufregung. „Dürfen Gastarbeiter in Baracken wohnen?“ Das fragte eine Zeitung 2006.
Dann wurde es ruhig um Polbau. Keine Vorwürfe mehr, keine kritischen Berichte. Polbau mache gute Arbeit, heißt es überall. Ein Subunternehmen auf der EZB-Baustelle. Eines von vielen.
Frage an die EZB: „Sind der EZB die in der Vergangenheit geäußerten Vorwürfe gegen besagte Firmen bekannt?“
Jeden Tag ein Stück größer, jeden Tag imposanter
Antwort: „Präventivmaßnahmen zur Verhütung von Schwarzarbeit und Lohndumping wurden durch die EZB grundsätzlich soweit möglich bei der Ausschreibung und Vergabe von Bauleistungen berücksichtigt und werden eingefordert. Jede Firma muss sämtliche notwendigen Unterlagen einreichen, die erforderlich sind, um eine ordnungsgemäße Beschäftigung aller Mitarbeiter bei den eingesetzten Unternehmen sicherzustellen. Die Bauleitung prüft diese Unterlagen.“
Eine Antwort auf die konkrete Frage ist das nicht wirklich.
Polbau äußert sich folgendermaßen zu den Vorwürfen: „Es ist üblich, dass jede Großbaustelle in Deutschland im Laufe der Bauarbeiten von den Behörden der Zollverwaltung betreffend die Einhaltung der zwingend vorgeschriebenen Arbeitsbedingungen kontrolliert wird. Zu diesen Prüfungen sind die Behörden der Zollverwaltung gemäß dem Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz und dem Arbeitnehmerentsendegesetz befugt. Da unser Unternehmen überwiegend auf größeren Baustellen tätig ist, wurden auch wir in der Vergangenheit überprüft. Gegen unser Unternehmen ergingen in der Vergangenheit keine Bußgeldbescheide. Andernfalls würden wir bei der Auftragsvergabe seitens der deutschen Auftraggeberfirmen nicht berücksichtigt.“
Abends verlassen die polnischen Arbeiter an diesem Tag den Turm, die Baustelle. Sie gehen durchs Drehkreuz, steigen in die Transporter, in die Busse und fahren davon. Hinter ihnen steht der Turm, wieder ein Stück größer geworden, ein Stück imposanter. Die Transporter und Busse holpern über das Kopfsteinpflaster, werden langsam kleiner.
In einer anderen Stadt, in einem Gewerbegebiet, entladen die Transporter, die Busse ihre Ladung. Bauarbeiter, meist in Zweier- oder Dreiergrüppchen trotten zum nahegelegenen Lidl. Ihre Einkaufswagen beladen sie mit Wasser, Keksen, Bier, manchmal auch mit süßen Sommer-Longdrinks in bunten Flaschen oder etwas Schärferem. Vor der Pfandrückgabe stauen sich die Arbeiter. Dann laufen sie, beladen mit Plastiktüten, zurück zum „Hotel“, wie sie es nennen.
Privatspähre ist ein Fremdwort
Hotel ist ein großes Wort. Das Bürogebäude ist mit minimalem Aufwand zum Wohnheim umgebaut worden. Schreibtische raus, Etagenbetten rein, Nummern an die Türen, fertig. Vier, fünf, manchmal sechs Männer teilen sich ein Zimmer. Die Waschräume verströmen Campingplatz-Charme, mehrere Becken hängen ohne Sichtschutz nebeneinander. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort.
Die spärliche Freizeit nach dem harten Tag auf der Baustelle folgt eingespielten Regeln. Wer aus dem Supermarkt zurück ist, stellt sich an der Essensausgabe an. Vorne angelangt, bekommt er einen Teller, etwas Nudeln mit einem Stück Fleisch. Man spielt noch ein bisschen Karten, raucht und trinkt. Nicht lange, die Nacht ist kurz.
Die Männer von der EZB-Baustelle sind zugeknöpft. Keine Zeit, kein Interesse, sagen die meisten, die man nach ihrer Arbeit fragt. Erst langsam fangen manche an zu reden. Ein Wort fällt häufig in den Gesprächen. „Hart“, sehr hart, sei das Leben als Wanderarbeiter. Viele haben Familie in Polen, einer tingelt schon seit 30 Jahren von Baustelle zu Baustelle.
Für ihre Unterkunft, sagen mehrere Arbeiter, würden sie der Firma Polbau 120 Euro im Monat zahlen. Polbau selbst sagt: „Unter anderem folgende Leistungen werden von unserem Unternehmen den in Deutschland eingesetzten Arbeitnehmern zur Verfügung gestellt, und zwar für die Arbeitnehmer kostenfrei: Arbeitskleidung, Werkzeuge, tägliche Beförderung von der Wohnung zur Baustelle und zurück; Wohnunterkunft.“
Janek, der eigentlich anders heißt, erzählt, dass er 1000 Euro im Monat verdiene. Netto. Alle zwei Monate fahre er nach Hause, fast zehn Stunden, um für fünf, sechs Tage seine Familie zu sehen. Nicht jede Beziehung hält das aus. Viele Familien leiden unter der Arbeitsmigration, gehen kaputt. Die Zahl der Scheidungen ist auch im katholischen Polen stark gestiegen.
„Das ist die Wahrheit. Das ist nicht fair.“
Trotzdem lohne es sich finanziell, sagt Janek. In Warschau liegt der durchschnittliche Lohn auf einer Baustelle bei 10 bis 15 Zloty, also 2,50 bis 4 Euro pro Stunde. In Westdeutschland beträgt der Mindestlohn im Baugewerbe 13,40 Euro für Facharbeiter und 11,05 Euro für Hilfsarbeiter, in Ostdeutschland müssen einheitlich 10 Euro pro Stunde gezahlt werden. In Polen würde Janek etwa 2000 Zloty auf dem Bau verdienen, also 500 Euro. In Deutschland bekommt er das Doppelte, manchmal das Dreifache.
Doch je länger er redet, desto mehr gerät er in Rage. „Wir dürfen nur acht Stunden arbeiten, aber wir arbeiten zwölf.“ Polbau aber bezahle ihm nur für acht Stunden den gesetzlichen Mindestlohn. Das sei nicht etwa eine Ausnahme. Jeden Tag gehe das so. „Jeden Tag das Gleiche. Wer sich beschwert, wird rausgeschmissen.“ Jetzt schreit er fast: „Das ist die Wahrheit. Das ist nicht fair!“ Janek hat dafür ein Wort: „polnische Gaunerei“.
Was sagt die EZB? Frage: „Kontrollieren Sie die Einhaltung der Mindestlohnzahlungen an die auf der EZB-Baustelle beschäftigten Männer? Können Sie Lohndumping im Zusammenhang mit dem Neubau der EZB ausschließen?“
Antwort: „Die Kontrolle zur Einhaltung von Mindestlohnzahlungen liegt in erster Linie bei dem Unternehmen, der den Subunternehmer unter Vertrag genommen hat. Die EZB fordert außerdem von allen Unternehmen, die sie direkt unter Vertrag hat, nochmals eine zusätzliche Bestätigung, dass die Verpflichtungen eingehalten werden. Diese Bestätigungen sind erfolgt.“
„Gesetzliche Vorgaben werden eingehalten“
Das Unternehmen, das Polbau als Subunternehmer unter Vertrag hat, ist Züblin. Eine Sprecherin teilt mit, dass „Sicherungsmechanismen standardisiert vertraglich vorgesehen“ seien. „So werden insbesondere Bestätigungen über den Erhalt des Mindestlohns von jedem gewerblichen Arbeitnehmer des Nachunternehmers sowie Nachweise über die Zahlung der Beiträge zu den Sozialversicherungssystemen regelmäßig eingeholt. Weiterhin gibt es ein konzerneigenes Evaluationsystem, das die Zuverlässigkeit der Nachunternehmer für jedes Bauvorhaben nachvollziehbar macht. Bei schlüssigen Verdachtsfällen werden unverzüglich die nötigen Konsequenzen gezogen.“
Polbau selbst nimmt wie folgt Stellung: „In dem Werkvertrag mit unserem Auftraggeber Züblin verpflichteten wir uns, jederzeit die Mindestlohnbedingungen einzuhalten. Wir legen dort in regelmäßigen Abständen ergänzend schriftliche Bestätigungen vor, wonach auch aktuell die Mindestlohnbedingungen eingehalten werden. Nach entsprechender Anforderung legen wir bei Züblin auch Verdienstabrechnungen vor.“
Dass die polnischen Arbeiter zwölf und mehr Stunden auf der Baustelle verbringen, kann die EZB „nicht bestätigen“. „Die Firma Polbau ist gegenüber Züblin vertraglich verpflichtet, alle gesetzlichen Vorschriften einzuhalten, mithin auch solche zur Arbeitszeit.“ Bei Züblin heißt es: „Wir können nicht bestätigen, dass Arbeiter der Firma Polbau regelmäßig 11 und mehr Stunden auf der Baustelle EZB sind.“
Polbau teilt mit: „Wenn Termindruck besteht oder bauablaufbedingte Gründe dies erfordern, kann es zu einer bis in den frühen Abend reichenden Baustellenbesetzung kommen, z.B. von 7.00 Uhr morgens bis 20.00 Uhr abends. Dies bedeutet aber nicht, dass die Arbeiter derart lange Arbeitzeiten haben. In solchen Fällen werden die Arbeitskolonnen wie folgt zeitlich versetzt tätig: Eine Kolonne fängt morgens früh an und macht am Nachmittag früher Feierabend; eine andere Kolonne fängt vormittags später an, arbeitet dafür aber nachmittags länger.“ Und weiter: „Wir achten darauf, dass die gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich der Arbeitszeit und der Öffnungszeiten der Baustelle eingehalten werden.“
„Wer sich beschwert, wird entlassen“
Die Darstellung von Janek deckt sich also nicht mit den Darstellungen der EZB, von Züblin und von Polbau.
Mihai Balan vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen sagt, er habe noch nie einen Wanderarbeiter getroffen, der in vollem Umfang seine Rechte bekommen habe. „Entweder man bescheißt bei den Stunden oder bei der Unterkunft, den Verhältnissen, unter denen sie hausen.“ Andere Subunternehmen zahlten kein Urlaubsgeld, obwohl es den Bauarbeitern zusteht. „So subventionieren sie ihre Dumpinglöhne.“ Balan spricht von einem „System der Ausbeutung“, mit dem Bauherren die Preise drücken. Indem sie für die Bauleistungen Unternehmen beauftragen, die wiederum Subunternehmen engagieren, drückten sie sich vor der Verantwortung. „Mit diesem Instrument der nachgeordneten Vergabe entledigt man sich der Verantwortung für Mindeststandards. Das kann man von vornherein verhindern, indem man gut zahlt.“ Beweisen lassen sich solche Vorwürfe kaum.
Damit polnische Subunternehmer erfolgreich auf dem deutschen Markt agieren können, müssen sie günstiger sein als ihre Konkurrenz. Seit der Mindestlohn eingeführt wurde, habe sich die Situation für die Arbeiter zwar deutlich gebessert, sagt Balans Kollegin Agata Zuraw vom Wanderarbeiterverein, der sich vor allem um die Arbeiter im Baugewerbe kümmert. Aber immer noch würden einige um ihren Lohn betrogen, sagt Frau Zuraw. Zum Beispiel dadurch, dass sie länger arbeiten müssten, als vertraglich vereinbart sei. Diese Art von Lohnbetrug sei seltener geworden, entziehe sich aber der Kontrolle. „Wer sich beschwert, wird entlassen“, sagt Frau Zuraw.
Ines Wagner vom Forschungsprojekt „Transnational Work and the Evolution of Sovereignty“ der Universität Groningen war in den vergangenen Monaten mehrfach bei dem Wohnheim, um mit Arbeitern zu sprechen. Sie hat auch versucht, über die EZB Zugang zu Arbeitern zu bekommen. „Das war aus organisatorischen Gründen aber nicht möglich“, sagt sie.
Kein Betriebsrat
Vor dem Wohnheim gelang es ihr schließlich, Kontakt mit Arbeitern aufzunehmen. „Die Anonymität war für die Arbeiter sehr wichtig“, sagt Wagner. Sie habe „keine handfesten Beweise dafür, dass Arbeiter ausgenutzt werden“. Ein Problem sei allerdings, dass die Arbeiter keinen Betriebsrat hätten, kein Sprachrohr, nur den Chef als Ansprechpartner. „Sie haben keine Informationen über ihre Rechte in Deutschland bekommen.“
Die EZB-Baustelle unterscheide sich nicht wesentlich von anderen Baustellen, sagt Wagner „Diesen Einsatz von Subunternehmern, den Einsatz von osteuropäischen Arbeitskräften sieht man auf jeder Großbaustelle.“
In der Nacht, wenn in dem Bürogebäude im Gewerbegebiet, in den Zimmern mit den Etagenbetten, die Lichter ausgegangen sind, leuchtet der Doppelturm der Europäischen Zentralbank. Im September soll es das Richtfest geben, 2014 wollen die Banker einziehen. Irgendwo werden sich dann Lieferwagen einem anderen Bau nähern, werden die Arbeiter aus Polen ein neues Stück Europa bauen. Vielleicht wieder ein künftiges Wahrzeichen.
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