Home
http://www.faz.net/-gpg-6v4b4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Neonazi-Verbrechen Der fünfte Mord

Als Yunus Turgut 2004 in Rostock erschossen wird, ist schnell klar, dass sein Fall zu den „Döner-Morden“ gehört. Über verschiedene Motive wurde spekuliert. Rechtsextremismus spielte keine Rolle. Die Geschichte einer Ermittlung.

© F.A.Z. Interaktiv: Die Tatorte der Rechtsextremen

Der 25. Februar 2004 war Aschermittwoch. An diesem Tag schloss der 25 Jahre alte Yunus Turgut gegen 10 Uhr den Dönerstand „Mr. Kebap“ in Rostock-Toitenwinkel auf. Turgut war nur zu Besuch aus Hamburg da, seit zehn Tagen. Der Inhaber von „Mr. Kebap“ war ein Bekannter und hatte ihn an diesem Tag gebeten, schon mal zum Stand vorzugehen, weil er noch etwas anderes zu tun habe.

Frank Pergande Folgen:  

Turgut war allein, als zwischen 10.10 und 10.20 Uhr die Mörder kamen. Sie gaben drei Schüsse auf ihr Opfer ab. Zwei trafen den Kopf, einer den Hals. Turgut war sofort tot. Als der Besitzer des Dönerstandes nur wenige Minuten später kam, lag Turgut blutüberströmt da. Die „Döner-Mörder“ hatten abermals zugeschlagen. Turgut war ihr fünftes Opfer.

Zwischen dem vierten und fünften Opfer hatten sie eine etwas längere Pause gelassen. Das Landeskriminalamt (LKA) von Mecklenburg-Vorpommern richtete eine Sonderkommission (Soko) „Kormoran“ ein, um den Fall aufzuklären. Zu diesem Zeitpunkt gab es längst die Soko „Bosporus“ in Nürnberg, wo der erste Mord an einem Döner-Stand verübt worden war. Dass der Rostocker Mord in die Serie gehörte, war sogleich klar. Es war dieselbe Waffe benutzt worden, eine Pistole Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter.

„Womöglich verwechselt“

Die Waffe hatte einen Schalldämpfer. Die Rostocker Ermittler glaubten zunächst, eine heiße Spur verfolgen zu können. Ein damals vielleicht zwölf Jahre altes Mädchen soll weinend vom Tatort fortgelaufen sein, meinten Zeugen. Das Mädchen wurde allerdings nie gefunden. Auch Verdächtige hatte niemand gesehen. Eine andere Spur erhofften sich die Ermittler über das Opfer selbst. Turgut lebte illegal in Deutschland und war zuvor in Hamburg gewesen, wo es ebenfalls einen „Döner-Mord“ gegeben hatte.

Landesparteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern © dapd Vergrößern Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU)

Allerdings war Turgut bei früheren Deutschland-Aufenthalten auch in weiteren Orten Mecklenburg-Vorpommerns, in Demmin, in Bergen auf Rügen und in Schwerin. Aber er war auch in Wahlstedt in Schleswig-Holstein und im Alten Land an der Grenze zwischen Hamburg und Niedersachsen als Helfer in der Obsternte. Schließlich hieß es, Turgut sei vermutlich zufällig Mordopfer geworden und sei womöglich verwechselt worden.

„Kormoran“ wurde wie „Bosporus“ aufgelöst

Die Ermittler waren sich später auch sicher, dass es einen Zusammenhang geben musste zwischen dem Rostocker Mord und zwei Banküberfällen auf eine Sparkasse in Stralsund 2006 und 2007. Beim zweiten Überfall auf dieselbe Filiale schoss einer der Täter in die Decke. Noch im Februar 2007 wurden tausend Rostocker Haushalte angeschrieben, ob es nicht doch noch Hinweise auf den Mord gibt. Ermittelt wurde in zwei Richtungen.

Die Morde der Rechtsextremen Interaktiv: Die Tatorte der Rechtsextremen © F.A.Z. Interaktiv 

Die eine These lautete, hier sei eine Bande aus dem Mafia-Milieu am Werk, womöglich sogar Berufskiller. Die andere: Ein verrückter Einzeltäter treibt sein Unwesen. Von einem möglichen Motiv Rechtsextremismus war damals keine Rede. Die Polizei hatte eine Belohnung von 300.000 Euro ausgesetzt für die Ergreifung des Täters oder der Täter der „Döner-Morde“. Es nützte aber alles nicht. „Kormoran“ blieb genau wie „Bosporus“ ohne Erfolg und wurde schließlich aufgelöst.

Die Staatsanwaltschaft in Rostock stellte das Verfahren gegen Unbekannt ein - im September dieses Jahres. Sogar vom „perfekten Mord“ war die Rede. Das LKA in Mecklenburg-Vorpommern erklärte inzwischen, im Licht der Erkenntnisse über den „Nationalsozialistischen Untergrund“ den Rostocker Fall noch einmal zu prüfen. Ergebnisse gebe es noch nicht, hieß es. Man arbeite eng mit der Bundesanwaltschaft zusammen. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) fühlt sich durch die neuen Ermittlungsergebnisse auch im Rostocker Mordfall bestätigt. Er tritt schon seit Jahren für ein neues NPD-Verbotsverfahren ein.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Windenergie in Mecklenburg-Vorpommern Firmen müssen Anrainer an Windparks beteiligen

Mecklenburg-Vorpommern ist das erste Land mit einem Bürgerbeteiligungsgesetz für Windernergie-Anlagen. Verantwortlich ist einer, der vielleicht mal Ministerpräsident wird. Mehr

16.09.2014, 18:15 Uhr | Wirtschaft
Sperre gegen Beckenbauer aufgehoben

Mitte Juni hatte der Weltfußballverband dem ehemaligen Weltmeister eine 90-Tage-Sperre aufgebrummt. Grund: er hatte nicht mit den Ermittlern der Fifa-Korruptionsaffäre kooperiert. Mittlerweile hat Beckenbauer offenbar alle Fragen der Ermittler beantwortet. Mehr

27.06.2014, 18:12 Uhr | Sport
NS-Verbrechen Zu spätes Recht für die Opfer des Terrors

Lange spielte die deutsche Justiz den Tätern der NS-Vernichtungslager in die Hände. Seit wenigen Jahren wird wieder ermittelt. Bisher aber nicht sehr erfolgreich. Mehr

16.09.2014, 07:13 Uhr | Politik
Umweltrisiko oder wirtschaftliche Chance?

Die Firma Central European Petroleum testet gerade in Mecklenburg-Vorpommern die Möglichkeit, eine bereits vorhandene Ölförderstelle durch Fracking weiter auszubeuten. Greenpeace bezeichnet das Vorhaben als unverantwortlich. Aufgeschreckt auch durch kritische Berichte aus den USA haben Anwohner Angst vor den Folgen. Mehr

14.05.2014, 18:30 Uhr | Wirtschaft
Schleswig-Holstein Sechzigjährige gesteht, Hack mit Nähnadeln gespickt zu haben

Fast ein Jahr lang tauchten in Läden immer wieder Nähnadeln in abgepacktem Hackfleisch auf. Mit Hilfe einer Überwachungskamera fassten die Ermittler eine sechzigjährige Tatverdächtige. Die Frau befindet sich in der Psychiatrie. Mehr

15.09.2014, 13:46 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.11.2011, 14:59 Uhr