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Naturschutz : Für Menschen verboten

Horst Moog an einem der wenigen Wege, die noch ins Zentrum der Biosphäre am Schaalsee führen Bild: Anna Mutter

Am Schaalsee in Mecklenburg kämpft eine Bürgerinitiative seit Jahren gegen die Naturschutzbehörde. Die Ökokraten wollen die Natur vor dem Menschen schützen.

          Der Röggeliner See ist so gut wie unsichtbar. Den Blick aufs Wasser versperrt ein Gürtel von Bäumen und Büschen. Im Dorf Dechow zeigt sich der See dann doch. Ein matschiger Weg führt ans Ufer. Wellen schlagen gegen einen Steg, eine kleine schattige Wiese lädt zum Liegen ein. Das Schilf tanzt, Graugänse üben eine Choreographie.

          „Auch hier haben sie uns das Angeln verboten“, schimpft Horst Moog, ein älterer Herr, der vor Jahren nach der Wende aus dem Westen hierhergezogen ist. Dazu sagt Thomas Neumann, stellvertretender Vorsteher des Zweckverbands Schaalsee-Landschaft: „Ach was! Wir dulden, dass die Kinder am Steg angeln.“

          Horst Moog will aber nicht, dass Kinder und er „geduldet“ werden. Solche amtlichen Gnadenbekundungen kann er nicht ausstehen. Und die amtlichen Naturschützer können diesen Horst Moog nicht mehr ausstehen. Der Streit sitzt tief. Horst Moog führt eine Bürgerinitiative gegen die Naturschutzdiktatur. Für sie will das Amt nur Macht und Fördergeld. In den Augen der Naturschützer aber sind die Wutbürger frustrierte Wichtigtuer, die nicht akzeptieren können, dass der Schutz von Tier und Landschaft den Menschen in seinem Auslauf eben ein bisschen einschränkt.

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          An der Grenze der „Kernzone“

          Der Schaalsee etwas südlich von Dechow trennt Mecklenburg-Vorpommern von Schleswig-Holstein. Es ist einer von vielen Seen hier. Die Landschaft ist ein Paradies für viele Vogelarten. Studien zeigen, dass Brutvögel solche Schutzgebiete brauchen, weil andere Seen touristisch übervölkert sind. Bis vor zwanzig Jahren verlief die innerdeutsche Grenze durch den Schaalsee. Auch heute sind Ost und West nicht gleich. Im Westen hat der Naturpark „Lauenburgische Seen“ Platz für Touristen, ja umwirbt sie geradezu; im Osten dagegen ist das Schaalseeland Biosphärenreservat der Unesco. Tourismus ist zwar erlaubt und soll der strukturschwachen Region auf die Beine helfen. Aber im Biosphärenreservat sind ihm Grenzen gesetzt.

          Dechow liegt an der Grenze der „Kernzone“, die sechs Prozent des Reservats ausmacht. Für Bürger ist das wie ein Korsett. Wie früher. Die Bauernschaft mit weitläufigen, reetgedeckten Höfen befand sich bis 1989 im grenznahen Sperrgebiet der DDR. Gut 200 Menschen leben hier. In der Kernzone eines Biosphärenreservates soll so wenig wirtschaftliche Nutzung stattfinden wie möglich. Jahrhundertelang war mit „Natur“ bäuerliche Landwirtschaft gemeint. Jetzt ist „Natur“ eine Welt ohne Mensch. Wie das Touristen anlocken solle, ist Jürgen Haupt ein Rätsel. In Dechow gebe es nur 600 Meter Wanderwege, sagt der Bürgermeister. Damit kämen allenfalls ein paar Ornithologen klar. Die kämen aber nur für einen Tag.

          Die Wege und Wanderwege – ein unerschöpfliches Thema. Zwölf „Ranger“ sind mit Jeeps und Fahrrädern im Reservat unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Alteingesessene Dechower bekommen dann schon mal einen Bußgeldbescheid in die Hand gedrückt, weil sie gerade auf einem der verbotenen Weg gehen. Ein Weg vielleicht, den sie seit ihrer Kindheit benutzt haben.

          In Dechow fand wegen so einer Sache ein kleiner Volksaufstand statt. Anwohner schnitten einen Weg frei, einfach so. Der führt an der Uferstelle, wo das Dorf an den See grenzt, ein kurzes Stück am Wasser entlang. Der Uferstreifen war mit Brombeerbüschen und Weiden zugewachsen. Die klandestine Aktion geschah im Winter, die Teilnehmer reden davon mit jugendlicher Begeisterung. Sie behaupten fest, es handle sich um einen alten Weg. Die Biosphärenreservatsverwaltung sieht das anders. Einige der Täter wurden ermittelt.

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