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Nationaler Bildungsbericht Merkel ruft „Bildungsrepublik“ aus

Das Bildungssystem müsse „jedem die Chance auf Einstieg und Aufstieg ermöglichen“, sagt Kanzlerin Merkel. „Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle“, fügte sie hinzu. Der zweite nationale Bildungsbericht nennt indes alarmierende Zahlen. Zehntausende Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss.

© AP Vergrößern „Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden”

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Ausbau des Bildungssektors als zentrale politische Aufgabe für die nächsten Jahre bezeichnet. „Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden“, forderte die CDU-Vorsitzende am Donnerstag in Berlin. Nur eine ausreichende Bildung schaffe die Voraussetzung für Chancengleichheit für Kinder unterschiedlicher sozialer oder geografischer Herkunft und lege den Grundstein für bessere Arbeitsplätze und soziale Aufstiegsmöglichkeiten.

„Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle“, sagte die Kanzlerin unmittelbar vor Vorlage des zweiten nationalen Bildungsberichts durch die Kultusminister der Länder am Nachmittag. In ihrem Bericht kommen die Länder zu dem Ergebnis, dass die Bildungsausgaben in Deutschland deutlich langsamer wachsen als die Wirtschaftskraft.

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Während Mitte der 90er Jahre noch 6,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Bildung geflossen seien, habe der Staat 2006 nur noch 6,2 Prozent dafür ausgegeben. Im internationalen Vergleich liege Deutschland damit unter dem OECD-Schnitt. (Siehe auch: www.bildungsbericht.de)

Nicht genügend Erzieher und Lehrer

Vor allem bei den allgemeinbildenden Schulen seien die Ausgaben zurückgegangen. Dadurch sei es auch immer schwieriger, schwache Jugendliche durch Berufsausbildung zu integrieren, weil Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss nur noch mit Mühe den Sprung in den Beruf schafften. Wegen dieser Entwicklung schlug der Handwerksverband ZDH Alarm. Die Qualifikation der Schulabgänger sei erschreckend gering.

Jeder vierte Jugendliche eines Jahrgangs sei nicht ausbildungsfähig, acht bis neun Prozent verließen die Schule ohne Abschluss. ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer forderte daher einen Bildungsgipfel unter Beteiligung der Kanzlerin, der Länder und der Unternehmensverbände: „Nur so bekommen wir diese dramatische Lage in den Griff.“

Auch Migrantenkinder werden dem Bericht zufolge nicht ausreichend gefördert, obgleich das Problem seit Jahren bekannt sei. Dies sei insbesondere deshalb bedenklich, da der Anteil der Migranten in Schulklassen jährlich steige. In einigen Regionen Westdeutschlands und Berlins sitzen laut „Handelsblatt“ schon über 50 Prozent Migrantenkinder in den Schulklassen.

Ein „ernsthaftes Problem“ stelle zudem der ungedeckte Bedarf an Erziehern und Lehrern dar. Erste Erfolge gebe es zwar in den Fächern Mathematik, Technik und Naturwissenschaften, es könnten jedoch nicht genügend qualifizierte Lehrer rekrutiert werden.

Bund und Länder haben zum zweiten Mal einen gemeinsamen Bildungsbericht vorgelegt. FAZ.NET dokumentiert einige Ergebnisse aus dem über 330 Seiten starken Buch mit dem Titel „Bildung in Deutschland 2008“, das ein Wissenschaftler-Team zusammengestellt hat:

MEHR FRÜHKINDLICHE BILDUNG:

Die Zahl der Dreijährigen, die bereits einen Kinderhort mit frühkindlichen Bildungsangeboten besuchen, ist zwischen 2004 und 2007 um zehn Prozentpunkte gestiegen - auf 90 Prozent im Osten und knapp 80 Prozent im Westen. Fast alle Vier- bis Fünfjährigen besuchen Kindergärten.

WENIGER HAUPTSCHÜLER:

Der Trend geht weiter - wenn auch langsamer als in früheren Jahren: Es gibt weniger Hauptschüler - dafür mehr Realschüler und Gymnasiasten. Im Schuljahr 2006/2007 gingen bundesweit 18,9 Prozent der Fünftklässler in eine Hauptschule - 2,6 Prozentpunkte weniger als im Schuljahr 2004/2005. Der Anteil der Fünftklässler im Gymnasium stieg im gleichen Zeitraum um 2,3 Prozentpunkte auf 39,9 Prozent.

OHNE SCHULABSCHLUSS:

2006 verließen 76 000 junge Menschen ohne Hauptschulabschluss die Schule - das waren 7,9 Prozent des Altersjahrganges. Zehn Jahre zuvor waren es 8,7 Prozent. Vielfach kann der Abschluss nachgeholt werden. Doch im Alter von 18 bis unter 25 Jahren haben immer noch 2,4 Prozent keinen Abschluss und befinden sich auch nicht mehr im Bildungssystem. Dieser Wert hat sich seit 2000 sogar leicht erhöht. PROBLEM HAUPTSCHULE: Nur 43 Prozent der Hauptschüler finden in den ersten sechs Monaten nach Schulende eine weitere qualifizierende Ausbildung. Die anderen drehen „Warteschleifen“ oder machen Zusatzkurse. Auch 30 Monate nach Schulende sind immer noch 40 Prozent der Hauptschüler nicht in eine Berufsausbildung vermittelt.

ZU WENIG STUDENTEN:

Nach wie vor verzichten laut Bericht zu viele junge Menschen auf ein Studium. Die Studienanfängerquote am Altersjahrgang lag 2007 mit knapp 37 Prozent immer noch unter dem Höchststand von 39 Prozent (2003). Sie ist damit weiterhin deutlich unter der politischen Zielmarke von 40 Prozent.

ZU WENIG WEITERBILDUNG:

Die Beteiligung an Weiterbildung stagniert. Laut Bericht sind auch die Angebote der Unternehmen zwischen 1999 und 2005 „merklich gesunken“. Es gebe eine Diskrepanz zwischen öffentlicher Rhetorik über lebenslanges Lernen und der tatsächlichen Beteiligung. Vor allem Ältere und schlecht Qualifizierte müssten für mehr Weiterbildung gewonnen werden.PERSONAL:

1,5 Millionen Erzieher, Lehrer und Hochschulmitarbeiter betreuen und unterrichten derzeit 17 Millionen Menschen. Doch der qualifizierte Berufsnachwuchs für Kinderhorte und Schulen, aber auch für die Wissenschaft wird immer knapper. Allein für den Ausbau der Betreuungsangebote für unter Dreijährige werden laut Bericht bis zu 80 000 zusätzliche Fachkräfte benötigt. An den Schulen ist jeder zweite Lehrer älter als 50. In den nächsten 15 Jahren geht etwa die Hälfte der heutigen Lehrkräfte in Pension. Heute schon fehlen Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften.

FINANZIERUNG:

Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist rückläufig. Zwar haben Staat und Wirtschaft 2006 mit 142,9 Milliarden Euro fast 15 Milliarden Euro mehr für die Bildung ausgegeben als noch 1995. Bezogen auf das BIP sank jedoch der Anteil im gleichen Zeitraum von 6,9 Prozent (1995) auf 6,2 Prozent (2006). Damit liegt Deutschland unter dem Schnitt der anderen Industriestaaten.

Stichwort: Nationaler Bildungsbericht

Der Nationale Bildungsbericht ist eine umfassende empirische Bestandsaufnahme, die das deutsche Bildungswesen als Gesamtsystem beschreibt. Im Abstand von zwei Jahren soll er Informationen über die verschiedenen Bildungsbereiche sowie zu übergreifenden Aspekten des Bildungswesens liefern. Grundlage bilden die amtlichen Statistiken sowie repräsentative Survey- und Paneldaten.

Eine Besonderheit des Bildungsberichts ist, dass er sich im wesentlichen auf eine Auswahl regelmäßig aktualisierbarer Indikatoren stützt. Der Bericht soll aber keine Wertungen und Empfehlungen liefern, sondern lediglich Befunde präsentieren, aus denen dann Schlussfolgerungen gezogen werden können. Ins Leben gerufen wurde der Bericht als Konsequenz der ersten Pisa-Studie 2001.

Nachdem Deutschland ein schlechtes Zeugnis für seine Bildungspolitik erhalten hatte, wollten die Verantwortlichen auf politischer Ebene mit Hilfe von Sachverständigen in regelmäßigen Abständen einen Überblick über das gesamte Bildungssystem in Deutschland bekommen und dabei kontinuierlich Stärken und Schwächen aufzeigen lassen, um Verbesserungen zu ermöglichen.

Ende 2003 erschien der von der Kultusministerkonferenz (KMK) in Auftrag gegebene erste nationale Bildungsbericht, der sich nur mit den allgemein bildenden Schulen befasste. Im Frühjahr 2004 einigten sich dann KMK und Bundesbildungsministerium auf einen gemeinsamen Bildungsbericht für Deutschland, der alle zwei Jahre erscheinen sollte.

Dieser Bericht sollte das gesamte Bildungssystem von Kindergärten über Schulen bis hin zu beruflicher Bildung, Hochschule und Weiterbildung auf den Prüfstand stellen und dabei jeweils ein Schwerpunktthema ins Auge fassen. Im Juni 2006 wurde der im Auftrag von KMK und Bundesbildungsministerium erarbeitete 1. Nationale Bildungsbericht unter dem Titel „Bildung in Deutschland“ mit dem Schwerpunktthema „Bildung und Migration“ vorgestellt. Beim 2. Nationalen Bildungsbericht, der am 12. Juni 2008 veröffentlicht wird, liegt der Schwerpunkt auf den Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Die Federführung bei der Erstellung des Nationalen Bildungsberichts liegt beim Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Weitere beteiligte Institutionen sind das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Hochschul-Informations-System (HIS), das Soziologische Forschungsinstitut der Universität Göttingen (SOFI) und die Statistischen Ämter in Deutschland.

Quelle: FAZ.NET mit dpa /AP

 
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Veröffentlicht: 12.06.2008, 17:06 Uhr