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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nachfolge von Bischof Huber Margot Käßmann führt die Evangelische Kirche

 ·  Margot Käßmann ist zur neuen Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden. Käßmann folgt Bischof Huber nach - damit repräsentiert zum ersten Mal eine Frau die knapp 25 Millionen Protestanten in Deutschland.

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Die Aufmerksamkeit ist von Anfang an asymmetrisch verteilt: Schon vor der Bekanntgabe des Ergebnisses des ersten Wahlgangs stehen die Kameras einzig vor dem Tisch Margot Käßmanns. Die Mikrofone schweben über ihrem Kopf, als das Ergebnis verlesen wird: Mit 103 Stimmen wurde die Landesbischöfin aus Hannover in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt. Sofort zucken Kamerablitze durch den Saal. Das ist die nötige Zweidrittelmehrheit – gleich im ersten Wahlgang. Die Synode erhebt sich, tosender Applaus, Frau Käßmann scheint überwältigt und ringt um Fassung. Die anderen Leitenden Geistlichen, von denen mit Ausnahme des rheinischen Präses Schneider kaum einer mehr als zwanzig der 145 Stimmen im ersten Wahlgang erhält, reihen sich ein in die Gratulantenschar. Manche reichen ihr die Hand, andere umarmen die zierliche Bischöfin.

Die Synodalen und die Stimmberechtigten der Kirchenkonferenz haben es somit geschafft, die verschiedenen Interessen im komplizierten Geflecht der evangelischen Kirchen in eine einheitliche Richtung zu lenken. Auch hat die Synode die Aufgabe erfüllt, ihren Favoriten für den Ratsvorsitz gleich im ersten Wahlgang dadurch kundzutun, dass die Wahlergebnisse der anderen möglichen Aspiranten in gebotenem Abstand zurückbleiben. So blieb dem neugewählten Rat keine Wahl: Er schlug der Synode am Mittwoch Margot Käßmann als Nachfolgerin von Wolfgang Huber im Ratsvorsitz vor. Am Vormittag wurde die 51-Jährige denn auch mit großer Mehrheit gewählt.

Gewohnt souverän

Schon seit Monaten galt Margot Käßmann als Favoritin für das Amt. Zwar kokettierte sie mit ihrer Unabhängigkeit und verbarg pflichtschuldig ihre Ambitionen. Doch all das gehört zu dem eigentümlichen Demutswettbewerb, den sich die Protestanten vor Ratswahlen angewöhnt haben. Murren über Frau Käßmann kam allerdings auf, als sich ihre öffentlichen Auftritte zu sehr auf ihre Lebensgeschichte kaprizierten. Sie reagierte – in den vergangenen Wochen wurden Anfragen von Journalisten durchweg negativ beschieden.

Bevor sich die 21 Bewerber für den Rat am Sonntagabend vorstellten, drohte die Favoritenrolle trotzdem zur Bürde zu werden: Nichts sei sicher, wurde auf den Gängen verbreitet. Argumente fragwürdiger Natur wurden vorgetragen: Ein Teil der Synode werde Landesbischöfin Käßmann aufgrund ihrer Ehescheidung nicht wählen können. Zueigen wollte sich das Argument niemand machen, stets wurde auf andere verwiesen. Auch hieß es, mit 51 Jahren sei Käßmann jung genug, um es in sechs Jahren noch einmal zu versuchen. 1997 war mit diesem Einwand auch die Wahl Wolfgang Hubers um sechs Jahre hinausgezögert worden.

Verflogen war diese Stimmung nach dem „Vorsingen“ am Sonntagabend. Kein Leitender Geistlicher vermochte es, sich aus der Schar der Aspiranten herauszuheben. Sie verbrachten zum Teil Minuten damit, ein Idyll der eigenen Familie zu zeichnen, was Margot Käßmann implizit unter Druck setzte, ihre Ehescheidung zu thematisieren, was sie dann auch tat. Unter den Kandidaten für den Ratsvorsitz erhielt einzig Präses Nikolaus Schneider ein wenig mehr Beifall als die anderen. Der Auftritt des neuen Schleswiger Bischofs Ulrich aus der entstehenden Nordkirche war furios – nur sollte es ihm bei der Wahl am Dienstag nicht helfen.

Margot Käßmann absolvierte ihren Auftritt in gewohnter Souveränität, sie erhielt merklich kräftigeren Applaus. An den Bistrotischen vor dem Saal hieß es hernach, sie habe ihren Ruf untermauern können, die EKD nach Wolfgang Huber am besten nach außen vertreten zu können. So lief es seit Sonntagabend auf allen Ebenen auf Frau Käßmann zu. Konfessionelle, kirchenpolitische und landsmannschaftliche Erwägungen kamen dabei zusammen: Sie steht einer lutherischen Kirche vor, hat aber die Unierten nicht gegen sich aufgebracht. In allen drei sogenannten Arbeitsgruppen, den Parteiungen innerhalb der Synode, wurden Absprachen zugunsten Frau Käßmanns getroffen – auch in der konservativen „Lebendigen Gemeinde“. Stimmberechtigte aus den Kirchen von Baden, Bayern und Württemberg wurden von ihren Leitenden Geistlichen Fischer, Friedrich und July darüber informiert, dass sie den Ratsvorsitz nicht anstreben und ein Votum für Frau Käßmann empfehlen würden.

Bangen um die verbleibenden Plätze

Als die Landesbischöfin aus Hannover am Dienstagvormittag in den Rat gewählt ist, beginnt für die anderen 20 Kandidaten das Bangen um einen der 13 verbleibenden Plätze im Rat. Fragen des Proporzes von Nord und Süd, Ost und West, Mann und Frau, lutherisch, uniert und reformiert, konservativ und progressiv, Laie und Geistlicher vermischen sich mit Fragen der Zu- und Abneigung. Im zweiten Wahlgang schaffen Präses Schneider und eine junge Mathematikerin aus Magdeburg, die eine kluge Bewerbungsrede gehalten hat, die nötige Zweidrittelmehrheit für einen Sitz im Rat. Im dritten Wahlgang schafft es niemand über die Hürde von 97 Stimmen. Die Landesbischöfe Fischer, Anführer der Unierten, und Friedrich, Anführer der Lutherischen, erzielen im zweiten und dritten Wahlgang respektable Ergebnisse und gelangen im vierten Wahlgang in den Rat. Bischof Martin Hein hingegen wird im dritten Wahlgang abermals gepeinigt: Nur 23 Synodale geben ihm ihre Stimmen. Als er kurz darauf seinen Rücktritt von der Kandidatur bekannt gibt, erhält er tröstenden Applaus.

Gedemütigt wird hingegen die SPD-Bundestagsabgeordnete Susanne Kastner. Im ersten Wahlgang geben ihr drei Synodale ihre Stimme, im zweiten fünf, im dritten sechs, im vierten vier. Das Ergebnis ist auch für den Ratswahlausschuss peinlich, weil er nicht wie erwartet die in der EKD bewährte SPD-Politikerin Kerstin Griese nominiert hat, sondern die bisher unbekannte Frau Kastner. Weil eine Gruppe von Synodalen mit einem solchen Ergebnis für Frau Kastner gerechnet hatte, kontaktierten sie noch am Montagabend Markus Meckel, der nun Ersatzkandidat für Frau Kastner ist. Der Pfarrer und ehemalige DDR-Bürgerrechtler hatte am 27. September ebenso wie Kerstin Griese sein Bundestagsmandat verloren. Als er am Dienstagmorgen in Ulm ankam, wusste er ebenso wenig wie die anderen Kandidaten für den Rat, ob die Synode den Daumen über ihm heben würde – geschweige denn, im wievielten Wahlgang.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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