http://www.faz.net/-gpf-9dqom
Bildbeschreibung einblenden

Randale in Chemnitz : Die Wut des rechten Mobs

Polizisten in Chemnitz nach dem Abbruch des Stadtfestes Bild: EPA

Nach dem Tod eines jungen Deutschen gehen in Chemnitz Hunderte auf die Straße, darunter offenbar viele gewaltbereite Rechte. Die Staatsanwaltschaft hat in dem Fall inzwischen Haftbefehle beantragt – wegen gemeinschaftlichen Totschlags.

          Als die Polizei noch ermittelt, stehen die Schuldigen im Netz schon fest. „Wir fordern ALLE Chemnitz Fans und Sympathisanten auf sich mit uns heute den 26.08.2018 um 16:30 vorm Nischel zu treffen“, postet die Gruppe „Heimat und Tradition Chemnitz Erzgebirge“ am Sonntagmittag auf ihrer Facebook-Seite. „Lasst uns zusammen zeigen wer in der Stadt das sagen (sic!) hat. Ehre Treue Leidenschaft für Verein und HEIMATSTADT.“

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Da sind die Hintergründe des Streits, bei dem nach dem Chemnitzer Stadtfest in der Nacht zum Sonntag ein 35 Jahre alter Mann tödlich und zwei 33 und 38 Jahre alte Männer schwer verletzt wurden, noch völlig unklar – bis jetzt sind sie das. Fest steht bislang nur: Es hat eine Auseinandersetzung „zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten“ gegeben, wie die sächsische Polizei am Sonntag mitteilt, und es wurde am Ort des Geschehens ein Messer gefunden. Dass der Mann an Stichverletzungen gestorben ist, wie im Netz spekuliert wird, will die Polizei zunächst nicht bestätigen. Alle drei Verletzten sind nach Polizeiangaben Deutsche.

          „Ich kann uns alle nur bitten, besonnen zu bleiben“

          Erst nach und nach werden weitere Details zu dem Vorfall bekannt – auch wenn im Netz schnell von Männern mit „südländischem Aussehen“ die Rede ist, die die Tat verübt haben sollen. Am Montagmittag veröffentlicht die Staatsanwaltschaft Chemnitz eine Pressemitteilung: Gegen zwei Männer, einen 23 Jahre alten Syrer und einen 22 Jahre alten Iraker, würden wegen gemeinschaftlichen Totschlags Haftbefehle beantragt. Sie seien aufgrund der Ermittlungen „dringend tatverdächtig“, heißt es. Die Ermittlungen zu Motiv und Tathergang dauerten aber noch an. Das Amtsgericht erlässt die Haftbefehle wenig später; die beiden Männer kommen in Untersuchungshaft.

          Doch zu diesem Zeitpunkt kursieren im Netz schon viele Spekulationen rund um den Vorfall. So viele, dass Sachsens Innenminister Wöller im ARD-„Mittagsmagazin“ nicht nur von einer „schrecklichen Tat“ spricht, die alle erschüttere, sondern auch mahnt: „Wir haben Spekulationen, Mutmaßungen, Falschmeldungen und regelrechte Lügen im Netz. Ich kann uns alle nur bitten, besonnen zu bleiben, ruhig zu bleiben, die Tatsachen abzuarbeiten und dann entsprechende Konsequenzen zu ziehen.“

          Das Gerücht, dass vor dem Streit eine Frau belästigt worden sei und die Situation eskalierte, als mehrere Männer ihr zur Hilfe eilen wollten, hat am Wochenende im Netz die Runde gemacht. Schnell versucht die Polizei zu klären: Es gebe „nach jetzigem Ermittlungsstand keinerlei Anhaltspunkte“, dass der Auseinandersetzung eine Belästigung vorausgegangen sei, schreibt sie am Sonntagnachmittag auf Twitter. „Bitte beteiligt Euch nicht an Spekulationen.“ Spekuliert wird in den sozialen Netzwerken aber weiter – auch über ein zweites deutsches Todesopfer. Doch das dementiert die Staatsanwaltschaft auf FAZ.NET-Anfrage bislang.

          Das Nachrichtenportal „Tag 24“ berichtet am Montag, der Mann, der im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, sei ein 35 Jahre alter Deutsch-Kubaner, ausgebildeter Tischler und junger Familienvater. Das Nachrichtenportal verweist auch auf eine Facebook-Nachricht, die der Ausbildungsbetrieb des mutmaßlichen Opfers am Sonntag veröffentlicht hat: „Mit Bestürzung und Fassungslosigkeit haben wir vom gewaltsamen Tod unseres ehemaligen Tischlerlehrlings erfahren“, heißt es darin. Zu den beiden anderen Verletzten berichtet „Tag 24“, einer sei bereits aus dem Krankenhaus entlassen worden, der Zustand des anderen sei stabil. Die „Bild“-Zeitung berichtet, die deutschen Opfer seien zum Teil russischer Abstammung. Die Staatsanwaltschaft bestätigt FAZ.NET die Berichte am Montag nicht – Details zu den Opfern möchte sich zum derzeitigen Stand der Ermittlungen nicht nennen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fahrverbote in Deutschland : Der Diesel im Griff der Elite

          Wieder wurden bei einer Entscheidung zum Diesel-Fahrverbot die Leute auf dem Land vergessen, die sich das Leben in der Stadt oft nicht leisten können. Für sie ist der Diesel eine soziale Frage. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.