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F.A.Z. exklusiv : Die Tat und ihre Puzzlestücke

Der Tatort: Kerzen vor dem Drogeriemarkt in Kandel Bild: dpa

Die CDU fordert nach dem Tod eines Mädchens in Kandel ein schärferes Vorgehen und Konsequenzen. Die Grünen wollen bessere Prävention. Es geht auch um die Frage: Neigen minderjährige Flüchtlinge eher zu Gewalttaten?

          Kandel ist kein Ort, an dem schwere Verbrechen zum Alltag gehören. Der Verbandsgemeindebürgermeister Volker Poß (SPD) erinnert sich an einen Überfall auf die Sparkasse. Einige Zeit ist das schon her und der Täter wurde gleich gefasst. Trotzdem war dieser eine Überfall schon etwas Besonderes in dem kleinen Ort mit knapp 10.000 Einwohnern im Landkreis Germersheim. Kreisweit kam es laut der örtlichen Kriminalstatistik im Jahr 2016 zu zwei Straftaten aus dem Bereich Tötungsdelikte. Bei beiden handelte es sich aber um Versuche – und die Aufklärungsquote betrug 100 Prozent. Dass ein 15 Jahre altes Mädchen von ihrem früheren Freund in einem Drogeriemarkt mit einem Brotmesser erstochen wird, das hätten die Menschen in Kandel noch nicht erlebt, sagte Poß nach der Tat FAZ.NET.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Vor allem die Vorgeschichte der Tat führte zu Bestürzung. Das Opfer und der mutmaßliche Täter kannten sich. Noch bis Anfang Dezember waren sie ein Paar gewesen. Sie, Mia V., und er, Abdul Mobin D., besuchten für eine Weile gemeinsam die Integrierte Gesamtschule Kandel. Abdul D. war im April 2016 als sogenannter unbegleiteter minderjähriger Ausländer (Behördliche Abkürzung: Uma) nach Deutschland eingereist und hatte nach seiner Registrierung in Frankfurt zunächst in einer Jugendhilfeeinrichtung in Germersheim gelebt und dann in einer Jugendwohngruppe in Neustadt an der Weinstraße.

          Als die Beziehung Anfang Dezember nach mehreren Monaten endete, soll Abdul D. begonnen haben, Mia V. zu bedrohen, über soziale Netzwerke im Internet, am Telefon und auch persönlich. In der Schule war Abdul D. dadurch aufgefallen, dass er einen Mitschüler wegen einer Beleidigung mit der Faust geschlagen haben soll. Seitdem galt er als polizeibekannt. Mitte Dezember baten die Eltern die Behörden um Hilfe. Sie sorgten sich um die Sicherheit ihrer Tochter und zeigten Abdul D. am 15. Dezember bei der Polizei an, wegen Nötigung, Beleidigung und Bedrohung.

          Am 17. Dezember wurde Abdul D. von Polizeibeamten im Rahmen einer sogenannten Gefährderansprache aufgesucht. Laut Polizei soll er da „eine gewisse Einsicht und ein gewisses Verständnis“ gezeigt haben. Am 22. Dezember erschien Abdul D. nicht zu einer Vorladung wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Am 27. Dezember dann händigten Polizeibeamte ihm abermals eine Vorladung aus. Wenige Stunden später traf Abdul D. seine frühere Freundin in Kandel – zufällig, wie die Polizei bisher annimmt. Der Jugendliche trug allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits ein Brotmesser mit einer zwanzig Zentimeter langen Klinge bei sich. Er folgte Mia V. in einen Drogeriemarkt und stach dort mehrfach auf sie ein. Das Mädchen starb wenig später im Krankenhaus.

          Der Fall enthält viele Zutaten für eine bundesweite Debatte. Politiker aller Couleur meldeten sich zu Wort. Der Flüchtlingsstatus des mutmaßlichen Täters etwa veranlasste den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland dieser Zeitung zu sagen: „Der Fall zeigt wieder einmal, dass die Behörden nichts unter Kontrolle haben. Die katastrophale Kombination aus offenen Grenzen und Behördenversagen ist tödlich für unsere Gesellschaft.“ Dem standen mahnende Worte gegenüber – etwa von Bürgermeister Poß. Der rief zu Zurückhaltung und Sachlichkeit auf. Es gehe auch um die Frage, ob es zu Versäumnissen gekommen sei. „Ich denke, da sich vorschnell ein Urteil erlauben zu wollen, ist total fehl am Platze. Da sollten all die Dinge in den nächsten Tagen und Wochen abgewartet werden“, sagte Poß. Das Integrationsministerium in Rheinland-Pfalz teilte am Freitag mit, man berate mit anderen Ministerien über den Stand der Ermittlungen. Danach will die Landesregierung entscheiden, „welche Konsequenzen unter Umständen aus diesen Erkenntnissen zu ziehen sind“.

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