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Nach F.A.S.-Filmtest Schröder kritisiert Arbeit der FSK

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder zweifelt nach dem Filmtest der Sonntagszeitung an der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmindustrie (FSK): „Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass da, wo FSK 12 draufsteht, auch FSK 12 drin ist.“

© FAZ.NET F.A.S.-Film-Test 2010: Diese Filme gefährden Ihre Kinder

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder zweifelt an der Verlässlichkeit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmindustrie (FSK). Mit Blick auf die Ergebnisse einer von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vorgenommenen Untersuchung von Filmen, welche die FSK ab dem Alter von zwölf Jahren freigegeben hatte, sagte die CDU-Politikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Filme, in denen die Helden sich durch antisoziales, destruktives oder gewalttätiges Verhalten auszeichnen, können für die Entwicklung von Zwölfjährigen sehr gefährlich sein. Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass da, wo FSK 12 draufsteht, auch FSK 12 drinnen ist. Was die F.A.S. aufgezählt hat, lässt mich daran zweifeln."

Die Redaktion der Zeitung hatte hundert zufällig ausgewählte, von der FSK ab dem Alter von zwölf Jahren freigegebene Filme angesehen und dabei in fast jedem zweiten Film Inhalte gefunden, die aus ihrer Sicht für zwölf Jahre alte Kinder, oft auch für ältere Kinder und Jugendliche, schädlich seien: Szenen expliziter Gewalt gegen Menschen, sicht- und hörbarer Geschlechtsverkehr sowie obszöne Sprache. So wird etwa in "Das Leben des David Gale", einem der Filme, der Zuschauer Zeuge, wie eine nackte Frau, deren Hände mit Handschellen hinter ihrem Rücken gefesselt sind und die eine Plastiktüte über dem Kopf hat, auf einem Küchenfußboden vergeblich gegen ihren Erstickungstod ankämpft. FSK-Geschäftsführerin Christiane von Wahlert rechtfertigte die Altersfreigabe "ab 12 Jahren" damit, "dass insbesondere Kinder im Alter von zwölf, dreizehn Jahren sehr stark mit dem Opfer mitleiden und der Todeskampf ihnen sehr nahegehen wird, aber keine Beeinträchtigung darstellt".

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Aufgrund des Berichts der F.A.S. will die Bundesfamilienministerin nun schnellstmöglich das Gespräch mit der FSK suchen, um ihre Begründung für diese Freigaben zu hören. Dabei gehe Frau Schröder mit einer klaren Prämisse in das Gespräch: "Priorität hat der Kinderschutz, nicht der Kommerz."

Auch Julika Sandt, medienpolitische Sprecherin der FDP im Bayerischen Landtag, rügte die Arbeit der FSK. "Hier werden pflichtbewusste Eltern massiv getäuscht. Wenn es ein solches Siegel gibt, muss man sich auch auf die Altersempfehlungen verlassen können." Es sei offensichtlich so, dass die untersuchten Filme von der FSK nicht richtig gekennzeichnet worden seien. "Diese Filme sind nichts für zwölf Jahre alte Kinder." Der medienpolitische Sprecher der Grünen im Baden-württembergischen Landtag, Jürgen Walter, kritisierte die FSK wie auch die Stelle für die Prüfung und Altersfreigabe von Computer- und Videospielen in Deutschland (USK): "Man denke nur daran, dass ein Computerspiel wie ,Counter-Strike' ursprünglich ab zwölf Jahren freigegeben war. Beide Organisationen kommen ihrer gesellschaftlichen Aufgabe seit langem nicht in der erforderlichen Weise nach." Daher müssten dringend eindeutigere Regeln definiert werden.

Die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) sieht die Akzeptanz der FSK in Gefahr. "Sollte es tatsächlich so sein, dass zu lax geprüft wird, tut sich die FSK selbst keinen Gefallen. Denn die Akzeptanz und auch das Image einer Selbstkontrolle steht und fällt damit, dass man verlässliche Einschätzungen erhält und unsere Kinder auch wirksam geschützt werden", sagte Frau Haderthauer dieser Zeitung.

Die Berichterstatterin der FDP-Bundestagsfraktion für Filmpolitik, Claudia Winterstein, forderte die FSK auf, dringend ihre eigenen Kriterien zu überprüfen. "In einzelnen Fällen müssen die Bewertungen hinterfragt werden. Ich halte es für gefährlich, zwölfjährige Kinder mit übertriebenen Gewalt- und Sexdarstellungen zu konfrontieren. Kinder in diesem Alter sind häufig noch nicht in der Lage, das Gesehene realistisch einzuordnen und zu verarbeiten." Allerdings sei die FSK aus Sicht von Frau Winterstein "ein gutes und bewährtes Mittel zur Einschätzung von Filmen".

Für Erika Steinbach, Mitglied des CDU-Bundesvorstands und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags, ist das Ergebnis der F.A.S.-Untersuchung Ausdruck des zunehmenden Werteverlusts innerhalb der deutschen Gesellschaft. "Leider muss man feststellen, dass nicht nur in diesen Filmen, sondern in unserer Gesellschaft insgesamt natürliches Schamgefühl, aber auch Gewaltlosigkeit im Miteinander der Menschen und in der Fürsorge für Kinder immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden sind. Sexuelle Intimität gibt es schon lange nicht mehr. Das ist ein bedenklicher Werte- und Würdeverlust in unserer Gesellschaft."

Ekkehard Mutschler hingegen nahm die FSK, die ihren Sitz in Wiesbaden hat, in Schutz. Der Jugendmedienschutzbeauftragte des Deutschen Kinderschutzbundes hob hervor, dass die FSK-Kennzeichnungen "keine pädagogischen Empfehlungen" seien, "sondern lediglich sicherstellen sollen, dass das körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern und Jugendlichen einer bestimmten Altersgruppe nicht beeinträchtigt wird". Mutschler wies die Verantwortung vielmehr den Eltern zu: "Wir gehen davon aus, dass sich die Erziehungsberechtigten vorher informieren, bevor sie ein Kind einen Film besuchen lassen."

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.10.2010, 07:04 Uhr