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Nach Ellwangen : Die Fragen nach dem Sturm

Vor vier Tagen kam es bei der Abschiebung eines 23-jährigen Togolesen zu Ausschreitungen in der LEA. Bild: dpa

Vor wenigen Tagen stürmte die Polizei ein Flüchtlingsheim in Ellwangen. Nun ist Zeit für die Aufarbeitung: Wie konnte die Lage so eskalieren?

          Es ist Mittagszeit in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Ellwangen, drei Tage nach der Polizeiaktion in der Flüchtlingsunterkunft, bei der 500 Polizisten die Räume von 150 schwarzafrikanischen Asylbewerbern durchsuchten, nachdem diese sich gegen die Rückführung eines Togolesen gewehrt hatten. Ein Asylbewerber mit Rastalocken sitzt mit einem Laptop auf einer Wiese, weil an dieser Stelle der Wlan-Empfang besonders gut ist, ein Mitbewohner liest WhatsApp-Nachrichten im Smartphone. Vögel zwitschern, Kleinkinder spielen auf der Straße. Auf den ersten Blick ist die Atmosphäre entspannt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In der Leichtbauhalle bereitet ein pakistanischer Koch das Mittagessen vor: Hühnchen mit Currysauce, Brokkoli und Reis. „You live here, you should keep it clean“, steht auf einem Schild. An den Tischen sitzen fast ausschließlich Asylbewerber aus Nigeria, Gambia oder Eritrea. Ein paar Ehepaare, vor allem aber alleinreisende Männer. Damit die Stimmung in der LEA dauerhaft entspannt ist, muss das Essen stimmen, darüber gibt es oft Streit. Wenn Butter im Reis ist oder afrikanische Flüchtlinge indisch gewürzte Gerichte bekommen, gibt es oft Ärger. Die etwas gedrückte Stimmung an diesem Sonntagmittag hat aber mit dem Essen nichts zu tun, es hat andere Gründe – die Nachwirkungen des massiven Polizeieinsatzes von Donnerstag, mit dem die Polizei Stärke demonstrierte, nachdem sie sich am Montagmorgen zurückziehen musste. „Dahinten steht ein Multiplikator, mit dem wir häufig über die Lage in den Unterkünften reden. Der hat jetzt gerade keinen Gesprächsbedarf mehr. Das Vertrauen ist bei uns und bei denen zerstört“, sagt Berthold Weiß, der Leiter der LEA.

          Die LEA-Mitarbeiter haben natürlich seit Donnerstag viel herumgefragt, wie es zu dem Aufstand, der Solidarisierungsaktion der Asylbewerber kommen konnte. „Die haben uns dann gesagt, es sei rechtswidrig gewesen, den Togolesen mit Handschließen abzuführen. Dann habe ich natürlich gesagt, dass es vor allem in jedem Fall rechtswidrig ist, die Arbeit der Polizei zu behindern“, sagt Weiß. Die Flüchtlinge selbst sehen es unterschiedlich. „Wir sind Nigerianer, wir sind gute Leute, wir machen in diesem Camp keinen Ärger, vielleicht waren das die Gambier“, sagt Sas, der ein Sakko trägt und mit seiner Frau das Reisgericht isst. „Es war am Montag so um 2.40 Uhr, da wurde es plötzlich laut, ich habe geschlafen. Einige haben gesagt, das mit den Handschellen war zu viel“, sagt der 23 Jahre alte Samson, der ebenfalls aus Nigeria stammt. Ein dritter Nigerianer, der 20 Jahre alte Agbo, hat gerade seinen Plastikteller abgeräumt. Er sieht es anders als die anderen Asylbewerber: „Du musst ja immer in das Land zurückgehen, in das du zuerst eingereist bist, das schreibt die Dublin-Regel vor. Das weiß man doch. Die Polizei zu attackieren, das war keine gute Aktion“, sagt Agbo. Er ist allerdings mit dem Flugzeug über Polen nach Deutschland gekommen, anders als viele andere hier in der Ellwanger LEA hat er deshalb keine Angst vor den Zuständen in italienischen Asylunterkünften.

          Die Anerkennungsquote bei Schwarzafrikanern liegt bei fünf Prozent

          Die LEA-Leitung will den Vorfall in den nächsten Wochen mit den Asylbewerbern gründlich aufarbeiten. Die türkischen Asylbewerber, die neuerdings vermehrt kommen und eine Anerkennungsquote von 50 Prozent haben, bleiben nur wenige Wochen. Bei den Schwarzafrikanern, deren Anerkennungsquote unter fünf Prozent liegt, erstreckt sich der LEA-Aufenthalt meistens über fünf bis sechs Monate, für diese Klientel lohnt es sich, das Thema mit dem Sozialarbeiter zu besprechen. Weiß will noch mehr darüber erfahren, wie es zu der spontanen Solidarisierung und letztlich der Verhinderung der Rückführung kam. „Wir wollen natürlich wieder ein gutes Miteinander erreichen“, sagt Weiß, „deshalb will ich im Laufe dieser Woche mal eine Bewohnerversammlung machen.“ 475 Menschen leben derzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung, darunter 71 Frauen, 335 Männer und 69 Kinder. Sie warten auf den Abschluss ihres Asylverfahrens oder haben den Ablehnungsbescheid schon erhalten.

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