16.04.2011 · Die Phase, da die Studienreform grundsätzlich in Frage gestellt wurde, ist vorbei. Nun weicht sie den Versuchen, innerhalb des neuen Systems Verbesserung herbeizuführen.
Von Heike SchmollDie Phase der Defizitanalyse der Bologna-Reform scheint allmählich überwunden zu sein. Die Hochschulen suchen nach konstruktiven Auswegen innerhalb des Bachelor-Master-Systems und bemühen sich dabei, die europäische Universitätsidee als Leitprinzip in Erinnerung zu bringen - der politischen Korrektheit wegen meist unter Berufung auf angloamerikanische Vorbilder. Nachdem die amerikanischen Universitäten Humboldts Universitätsmodell zu ihrem Vorbild erhoben hatten, reimportieren sie nun viele deutsche Universitäten mit englischer Nomenklatur. Allerdings bleiben sie nicht beim Reimport stehen, sondern berücksichtigen zunehmend die völlig unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen ihrer Studenten und deren Vorbildung. Das hat das dritte Hochschulforum im deutsch-italienischen Begegnungszentrum Villa Vigoni gezeigt, das vom Generalsekretär der Villa, Vogt-Spira, von der Guardini-Stiftung und dem Deutschen Hochschulverband initiiert und in der vergangenen Woche veranstaltet wurde.
Einig waren sich alle Wissenschaftler aus Italien und Deutschland, dass es zur Forschungsorientierung an Universitäten keine glaubwürdige Alternative gibt, dass sich aber inzwischen zahlreiche Verengungen im Sinne von volkswirtschaftlicher Nützlichkeit, Antragstauglichkeit und Ranking-Gläubigkeit ergeben haben.
8000 Neueinschreibungen allein an der LMU München
Allein an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität gab es zuletzt 8000 Neueinschreibungen - es ist völlig ungeklärt, wie damit umzugehen ist, zumal der Ausbau der Fachhochschulen verpasst wurde. Es könne auch nicht darum gehen, die Differenzierung des Hochschulsystems durch neue Typen einzulösen. Auch eine Trennung von Forschungs- und Lehruniversitäten hält der Karlsruher Physiker am KIT Hilbert von Löhneysen, der die wissenschaftliche Kommission des Wissenschaftsrats leitet, für kein probates Mittel.
Zu den beunruhigenden Beobachtungen gehörte, dass die Universitäten im Rahmen der Europäischen Union kaum mehr auftauchten, so der Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität, Huber. Vor einer zunehmenden staatlichen Steuerung der Universitäten durch Zielvereinbarungen mit jedem einzelnen Professor warnte der Verwaltungswissenschaftler Eckhard Schröter (Zeppelin University in Friedrichshafen). Die Rhetorik des Marktes, so die Überzeugung Schröters, wird einer stärkeren Bürokratisierung zusätzlich Vorschub leisten. Die sogenannte Hochschulautonomie erweise sich so in den meisten Fällen als Figuration des Scheins.
Auffällig war, dass in der Villa Vigoni viele Modelle für die Ausbildung und Förderung der Besten unter den Studenten und Hochschullehrern an bestimmten Universitäten erwogen wurden, weniger aber für die Masse. Das ist in Zeiten der Exzellenzrhetorik nicht erstaunlich, wird aber Folgen für die ungelösten Probleme der Massenuniversität haben. Es könnten nun einmal nicht alle exzellent sein; wenn die gesamte Küste erleuchtet wäre, würde dadurch die Navigation nicht erleichtert, sagte der Kölner Rechtswissenschaftler Christian von Coelln im Blick auf die Leuchtturm-Symbolik.
Eine echte Synthese des Wissens gelingt nicht
Nicht für alle, aber auch nicht für die „Elite“ will die Universität Freiburg ein interdisziplinäres Studienmodell mit einem „Bachelor of Liberal Arts & Sciences“ einführen und erinnert dabei an die antike und europäische Bildungsphilosophie der Artes Liberales, um sodann die American Association of Colleges & Universities mit einer Definition der „Liberal Education“ als vertiefte Bildung mit hohen Anforderungen zu zitieren. Der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer sieht in dem neuen Modell (Teil des aktuellen Exzellenzantrags seiner Universität) eine Möglichkeit, Theorie und Methodenkompetenz voranzubringen, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsethik einzubeziehen und gleichzeitig einen interdisziplinären Zugang zu suchen. Eine Universalgelehrtheit sei im 21. Jahrhundert so wenig möglich wie die Berufung auf einen Bildungskanon, über den ohnehin kein Konsens zu erzielen sei, gab der Freiburger Althistoriker Hans Joachim Gehrke zu bedenken.
Empirische Studien zeigen in der Tat, dass den Studenten keine echte Synthese ihres Wissens gelingt, es vielmehr bei isolierten Wissensfragmenten bleibt und der Anspruch der Wissenschaftlichkeit letzten Endes unerfüllt bleibt, weil sich persönliche Erkenntnisse nicht angemessen weiterentwickeln lassen. Daraus ziehen die Freiburger insofern Konsequenzen, als sie zum interdisziplinären Lernen, Denken und Arbeiten befähigen wollen, ohne die Voraussetzung jeder Interdisziplinarität, eine gesicherte Fachlichkeit, aufzugeben. Erfolgreiche Liberal Education sei in den Vereinigten Staaten und in den Niederlanden integriert, anwendungs- oder problemorientiert, binde Studierende von Anfang an in die Forschung ein, fordere intensive Betreuung, aber keine teuren Apparaturen, und produziere proportional mehr Doktoranden in Stanford oder Harvard als die Universitäten selbst. Konkret geht es um ein vierjähriges Bachelor-Modell, das im ersten Jahr englischsprachig angeboten werden soll, um mehr ausländische Studenten zu gewinnen. Danach soll es insgesamt auf Deutsch weitergehen. Neben einer fachlichen Breite in Technik-, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften soll es eine disziplinäre Vertiefung in einem Hauptfach mit weitgehender Entsprechung zu bestehenden Studiengängen geben.
Aber die Studenten müssen sich nicht von vornherein für ihr Hauptfach entscheiden, sondern können sich in der Orientierungsphase des ersten Jahres entscheiden. Mit einem sogenannten Individual Track und interdisziplinären Masterstudiengängen soll die Anschlussfähigkeit in Freiburg, vor allem aber an niederländischen University Colleges und im angelsächsischen Raum gewährleistet sein. Die Hochschullehrer seien auf das erste Jahr Lehre in Englisch bestens vorbereitet, allein vier Mitglieder der historischen Fakultät hätten an angelsächsischen Universitäten gelehrt, außerdem biete die Universität schon seit geraumer Zeit Sprachkurse für ihre Professoren an, so versichern die Freiburger. Sie sind entschlossen, den neuen Studiengang zum Wintersemester 2012/2013 einzuführen, denn an ihrer Freiburg School for Advanced Studies (FRIAS) findet sich nur eines der interdisziplinären Forschungszentren.
Konsens über die wesentlichen Ziele
In Prag, so berichtete der Philosoph und frühere tschechische Bildungsminister Jan Sokol, habe man versucht, die „ärmliche Fassung“ eines ähnlichen Gedankens als „Artes Liberales“-BA zu konzipieren, was sich angesichts der geringen Zuweisungen von 1100 Euro je Student allerdings schwierig gestaltet. Begabten Studenten gelinge es, sich in drei bis vier Jahren zu profilieren, manche studierten aber viel zu lange weiter, obwohl sie nach fünf Jahren dafür bezahlen müssten.
Von einer bleibenden Skepsis gegenüber dem Bachelor-Abschluss berichtete der Basler Historiker Achatz von Müller. 94 Prozent trauten dem Bachelor nicht und nahezu 90 Prozent schlössen noch den MA-Abschluss an, es gebe auch Fächer mit einer fast hundertprozentigen Quote. In der Tat ist der Bachelor in der Schweiz kein berufsqualifizierender Abschluss, woran etwa die Zusammenarbeit der Schweiz selbst mit der nahen Freiburger Universität regelmäßig scheitert.
Steigen wird in Kontinentaleuropa indessen die Zahl der britischen Studenten. Angesichts der horrenden Studiengebühren könnten die dortigen Studenten schon bald in englischsprachige Studiengänge in den Niederlanden und in anderen Ländern fliehen, prognostizierte der Germanist Rüdiger Görner von der London University, der keinen Zweifel daran ließ, dass sich das extensive Betreuungssystem in Großbritannien bewährt, allerdings mit einer zunehmenden Knechtschaft der Dozenten und Professoren einhergeht: Wird die E-Mail eines Studenten nicht binnen einer gewissen Frist beantwortet, hat das Folgen. Es ist durchaus zu befürchten, dass beim Wegfall sämtlicher staatlicher Fördermittel für die Geisteswissenschaften in zwei Jahren die Abhängigkeiten in Großbritannien steigen oder sich nur noch an volkswirtschaftlicher Relevanz bemessen. Für problematisch hält Görner, dass die Förderung für die Masterstudiengänge völlig ausfällt, der Master aber die Voraussetzung für den PhD ist. Dies zähle zu den zahlreichen Paradoxien des britischen Hochschulsystems, das nicht zufällig im Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für „Business, Innovation and Skills“ liegt.
Bemerkenswert ist, dass sich unter allen Hochschulvertretern unterschiedlicher Länder ein Konsens darüber abzeichnete, dass Erkenntnisinteresse, Bildung, Kritikfähigkeit und Kreativität die wesentlichen Ziele der post-bolognesischen Universität sein müssten. Es bleibt nun abzuwarten, ob es den Hochschulen gelingt, innerhalb der vorhandenen Zwänge möglichst viel davon zu verwirklichen.
Bürokratisierung der Universitäten
Johann Braun (Dillo)
- 16.04.2011, 12:28 Uhr
Deutung der Gegenwart
Michael Neunmüller (Dr.MichaelNeunmueller)
- 16.04.2011, 16:45 Uhr
Von Unwissenheit und Sprachlosigkeit
Frank richter (richman2)
- 17.04.2011, 21:10 Uhr
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
Jüngste Beiträge