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Aktualisiert: 09.10.2014, 19:54 Uhr

Nach den Ausschreitungen in Hamburg Und plötzlich brach ein Gewaltsturm los

In St. Georg gibt es ein Dutzend Moscheen auf engem Raum. Jahrelang war alles friedlich, das größte Problem waren Parkplätze. Die Gewalt auf den Straßen hat alle überrascht.

von , Hamburg
© Reuters Am Mittwochabend konnten Polizisten die kurdischen Demonstranten in Schach halten

Freitags ist es immer besonders schlimm am Steindamm im Hamburger Stadtteil St. Georg. Wenn die Muslime zum Gebet in die Moscheen gerufen werden. Schließlich gibt es hier auf engem Raum gleich ein Dutzend Moscheen, geradezu ein „Moscheen-Viertel“. „Zum Freitagsgebet ist hier immer alles zugeparkt“, sagt Martin Streb, seit drei Jahren der Vorsitzende des Bürgervereins, den es in St. Georg schon seit 1880 gibt. 120 Mitglieder zählt der Verein und kümmert sich um so ziemlich alle Belange des Viertels, sei es die Verkehrssituation, sei es das Sterben des Einzelhandels, oder sei es, wenn die islamischen Gemeinden mit ihren Problem zu ihnen kommen. So wie eine der Gemeinden aus der Böckmannstraße, die mehr Platz brauchte und eine Garage ohne Baugenehmigung zum Gebetsraum ausgebaut hat. In so einem Fall freilich kann der Verein bestenfalls vermitteln. „Muslime hatten wir auch schon in unserem Verein, auch im Vorstand. Der eine zog dann aber weg, der andere ging aus anderen Gründen.“

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Streb fände es gut, wenn mehr Muslime dabei wären. Der Verein hat deswegen vor einigen Jahren sogar seine Satzung geändert, in der ursprünglich stand: Mitglieder dürfen nur Deutsche sein. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft nicht habe, sei auch nicht so am kommunalpolitischen Leben interessiert, meint Streb. Trotzdem sei das Verhältnis im Viertel gut. Probleme gebe es immer mal, auch kleine Rangeleien. Auch erinnert man sich hier daran, dass eine der Moscheen in einem der gesichtslosen Bauten am Steindamm 2010 durch die Behörden geschlossen wurde. Die Al-Quds-Moschee war bekannt dafür geworden, dass einige der Attentäter vom 11. September 2001 hier verkehrt hatten und später sich hier die Salafisten trafen. Aber Gewalt zwischen Volks- oder Religionsgruppen - das war am Steindamm bislang unbekannt.

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Die Parkplatzsuche galt bislang als das Hauptproblem im Zusammenleben der Kulturen rund um den Steindamm. An diesem Freitag, nach mehreren Nächten mit schweren Krawallen zwischen Kurden und Salafisten, wird das wohl etwas anders sein. Die verschiedenen islamischen Gemeinden und die Polizei haben sich darauf vorbereitet. Seit Jahren gibt es ein gutes Verhältnis. Die Vertreter aller Moscheen sitzen sogar regelmäßig in der Polizeiwache 11 zusammen, um sich mit der Polizei zu besprechen. Und für das Moscheen-Viertel gibt es einen speziellen Kontaktbeamten. Der kennt alle Imame, und die kennen ihn. Umso überraschter sind beide Seiten, dass es diesen Gewaltausbruch hatte geben können. Ausgerechnet an der Al-Nour-Moschee. „Jahrzehntelang war hier alles friedlich“, sagt Streb. Seit Dienstag laufen mehr Polizeistreifen über den Steindamm. Nicht nur um Präsenz zu zeigen. Am Donnerstag noch hatten sie damit zu tun, die Folgen der Gewalt aufzunehmen - einige kaputte Fenster in türkischen Geschäften entlang der Straße. Auch die Bundespolizei ist inzwischen auf dem Steindamm mit dabei.

Kriege der Welt werden nach Hamburg importiert

Dass Polizeiuniformen hier schon immer ins Stadtbild gehörten, hat allerdings nichts mit den Religionen zu tun. Die Gegend kennt noch ganz andere Probleme als die Parksituation: Kriminalität, Drogen, Prostitution. Der Hansa-Platz gleich um die Ecke vom Steindamm, früher Treffpunkt von Trinkern und Freiern, ist vor kurzer Zeit erst auf Anregung des Bürgervereins neu gestaltet worden. Jetzt ist er wieder als ein schöner Platz erkennbar. „Die Kriminalität ist eingedämmt, aber ein paar Probleme haben wir immer noch, vor allem mit den Trinkern.“ Gerade ist deswegen, abermals auf Anregung des Bürgervereins, ein Runder Tisch Hansaplatz ins Leben gerufen worden. Ziel: einen Trinkerraum einrichten. Dass das Leben in St. Georg auf engem Raum derart vielfältig ist, sozusagen von der Moschee bis zur Prostitution, hat einen gemeinsam Grund: die Nähe zum Bahnhof. „Das ist in anderen Städten auch nicht anders“, sagt Streb.

Taoufek Hidoussi führt einen kleinen Laden gleich neben der Al-Nour-Moschee. Eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, ein Treffpunkt der Kulturen. Belegte Brötchen gibt es dort und Kaffee. Telefonieren kann man auch. Seit 1976 sei er in Deutschland, sagt Hidoussi und nestelt an seiner grünen Mütze. Am Dienstagabend habe er sehen können, wie in der Straße vor seinem Geschäft Kurden und Salafisten aufeinandertrafen und die Prügelei begann.

Kurden in Hamburg - Nachdem Proteste von Hamburger Kurden eskalierten,  lädt der Bürgerverein St. Georg zu einem Stadtteilrundgang ein. Taoufek Hidoussi (Mitte) führt einen kleinen Laden neben der al-Nour Moschee. Von dort konnte er die Ausschreitungen zwischen Kurden und Muslimen beobachten © Henning Bode Bilderstrecke 

„Mit Islam hat das überhaupt nichts zu tun“, sagt er. „Man kann die Kriege in der Welt nicht hier in Hamburg austragen.“ So sieht es auch Daniel Abdin, der Sprecher des Al-Nour-Zentrums: „Es kann nicht sein, dass wir die Kriege der Welt nach Hamburg importieren.“ Gerade die Al-Nour-Moschee gelte als besonders friedlich und liberal, meint auch Streb. Erst vor ein paar Tagen war der Bürgerverein dorthin auch zum Opferfest eingeladen. Der Gebetsraum liegt neben einer Tiefgarage, nicht gerade anheimelnd. Das Haus selbst gehört der albanischen Gemeinde.

Am Dienstagabend war hier eine Gruppe junger Salafisten in die Moschee eingedrungen. Später hatten sich noch mehr radikale Muslime auf der Straße versammelt - wie dann auch auf kurdischer Seite. Dann brach die Gewalt aus. Beide Seiten waren bewaffnet - mit Messern, Macheten, Stangen. Mit der Al-Nour-Gemeinde habe das alles überhaupt nicht zu tun, heißt es einhellig im Viertel.

Proteste gegen zwei Feinde

In Hamburg ist die Gemeinde bekannt, freilich aus einem ganz anderen Grund. Sie hat im Stadtteil Horn eine aufgegebene christliche Kirche, die Kapernaum-Kirche, gekauft und baut sie derzeit zur Moschee aus. Es war eine umstrittene Entscheidung, die in Horn zu heftigen Protesten führte. Die größte Moschee nahe dem Steindamm ist die Zentrum-Moschee, ebenfalls in der Böckmannstraße gelegen. Sie ist in einem alten Badehaus untergekommen, unten Geschäfte, unter anderem ein islamischer Buchladen. Der Gebetsraum für Männer im ersten Stock, der Raum für die Frauen im zweiten. Gleich daneben befindet sich der Linden-Basar, ideal für den Freitagseinkauf der Muslime.

Eigentlich habe die Zentrum-Gemeinde neu bauen wollen. Aber dann habe das Geld gefehlt, weil sich die Banken zurückhielten, erzählt Streb. Die Zentrum-Moschee wurde damals noch mit Milli Görus in Verbindung gebracht und im Verfassungsschutzbericht erwähnt. Seit einigen Jahren schon ist das aber vorbei. Gerade ist eine fünfte Klasse aus Harburg da, um sich mal eine Moschee anzusehen. Am Ende des Besuches dürfen sich die Kinder auch mal in Richtung Mekka zu Boden werfen, Mädchen und Jungen. Der Spaß ist groß. Sie lachen noch, als sie ihre Schuhe wieder anziehen. In der Zentrum-Moschee hatte der damalige CDU-Bürgermeister Ole von Beust vor Jahren bei einem Besuch angekündigt, dass es einen Staatsvertrag zwischen den islamischen Gemeinden und der Stadt Hamburg geben soll. Inzwischen ist der Vertrag geschlossen, allerdings mit der Unterschrift von Beusts Nachnachfolger Olaf Scholz (SPD).

Im „Moscheen-Viertel“, nun wieder direkt am Steindamm, Nummer 62, liegt unscheinbar zwischen Geschäften der Eingang zum deutsch-kurdischen Kulturverein. Dort trafen sich junge Kurden am Dienstag zur Demonstration gleich gegen zwei Feinde, die Türkei und die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Dort nahm die Demonstration ihren Anfang, die schließlich Stunden später in Chaos und Gewalt endete. Dort trafen sich - nach einer friedlichen Demonstration in Altona mit tausend Teilnehmern - auch am Mittwochabend wieder gewaltbereite Kurden, diesmal vorsichtshalber von Polizisten umringt. Wieder wurden Waffen gefunden, diesmal sogar eine Pistole und Munition. Wieder kam es zu Rangeleien. Befürchtet wird, dass das so weitergehen könnte.

Der Orient mitten in Hamburg

Der Kulturverein gilt als Arm der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Etwa 2500 Kurden leben in Hamburg. 600 von ihnen gelten als Anhänger der PKK. Noch immer sind der PKK mehrere Seiten im Verfassungsschutzbericht gewidmet. Manche Aktion von PKK-Anhängern ist den Hamburgern noch in guter Erinnerung, etwa als sie vor zwei Jahren eine der kleinen Elbfähren in ihre Gewalt brachten. Im Verfassungsschutzbericht heißt es: „Dreh- und Angelpunkt ist die Situation ihres seit 1999 in der Türkei inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan bei Demonstrationen mit organisationsbezogenem Tenor.“

Auch bei der Hamburger Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Bildnis von Öcalan geschwenkt. Am Dienstagabend war auch die junge kurdischstämmige Politikerin Censu Özdemir dabei, die für die Linkspartei in der Bürgerschaft sitzt und der Nähe zur PKK vorgeworfen wurde. Sie hatte gerade das türkisch-syrische Grenzgebiet besucht. Die Kurden träfe keine Schuld, sagte sie. Es sei ein Überfall der Salafisten gewesen. Und sie verurteilt sogleich den Polizeieinsatz. Die Polizei wiederum sagt, es sei nicht klar, wer eigentlich angefangen habe.

Bei Tageslicht geht das Leben am Steindamm weiter, den „normale Wahnsinn“, sagt Polizeihauptkommissar Uwe Rehmke. Er leitet derzeit die Polizeistation 11 direkt am Steindamm. Zur Sicherheitslage in seinem Bereich äußert er sich nicht, aus nachvollziehbaren Gründen. Aber auch er schwärmt wie alle von seinem Viertel: „Sie müssen mal an einem Freitag kommen. Dann stellen Sie sich einfach auf den Steindamm, schließen die Augen und folgen den Gerüchen. Wie im Orient ist das. Ein bisschen wie Urlaub. Und das mitten in Hamburg.“

Quelle: wahlrecht.de
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