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München im Ausnahmezustand : Eine leergefegte Stadt

Täter auf der Flucht: Polizisten sichern den Stachus in München ab. Bild: dpa

Es ist ein friedlicher Hochsommertag in München – bis die Schießereien am Abend und die Suche nach den Tätern die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

          Wie ernst die Lage am Freitagabend ist, merkt man spätestens, als die Polizei auf Twitter ins Du verfällt. Zunächst riet sie noch: „Achtung! Bleiben Sie in Ihren Wohnungen. Verlassen Sie die Straße!“ Kurz darauf wird sie persönlich und umso dringender: „Wir wissen derzeit nicht, wo sich die Täter aufhalten. Passt auf Euch auf und meidet nach wie vor die Öffentlichkeit!“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da sind die Straßen und Bürgersteige im Zentrum schon leergefegt, wie man es sonst nur kennt, wenn die Fußballnationalmannschaft spielt. Über die Hauptverkehrsadern der Stadt wie die Prinzregentenstraße oder die Oettingenstraße im Zentrum, auf denen sich sonst am Freitagabend Auto an Auto reiht, legt sich eine unnatürliche Stille, die nur von kreisenden Hubschraubern, vorbeirasenden Polizeiwagen und Krankenwagen unterbrochen wird.

          Im Minutentakt wiederholt die Polizei ihre Warnungen, auch auf Englisch, Französisch, Türkisch und Arabisch. Auf Facebook mahnt sie die Bevölkerung, in nahen Gebäuden Schutz zu suchen. Jede weitere Meldung führt die Bedrohung weiter vor Augen: Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel eingeschränkt! Hauptbahnhof gesperrt! Kein Zug geht raus, keiner kommt rein! Bis zu drei verschiedene Personen mit Schusswaffen! Fahndung auf Hochdruck!

          Dann ruft die Stadt München den „Sonderfall“ wegen einer „Amoklage“ aus. Über das Smartphone-Warnsystem „Katwarn“ werden die Bürger aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Auch hier die Warnung, Plätze und Straßen zu meiden und Fernsehen und Radio einzuschalten. Doch das erhöht das Sicherheitsgefühl nicht, im Gegenteil. Mal ist dort von Schießereien „überall in der Innenstadt“ die Rede, erst am Marienplatz, dann am Odeonsplatz, dann von einem Täter, der „Scheiß Ausländer“ gerufen haben soll, als er auf die Menschen schoss.

          Schnell sind auch Augenzeugen zur Stelle, die „Leichen und Verletzte“ gesehen haben wollen. Und eine Sprecherin der Polizei, die darum bemüht ist, nichts Unbestätigtes in Umlauf zu bringen und sich deshalb nur wiederholen kann, als der Reporter sie immer wieder nach dem Motiv der möglichen Täter oder nach der Zahl der Toten fragt: „Ich weiß wirklich nichts Genaues, ich kann das nicht bestätigen.“ Dann sieht man wieder in den live übertragenen Bildern, wie ein Polizist mit Schnellfeuerwaffe vor dem Olympia-Einkaufszentrum drei schwarz gekleidete Männer anbrüllt: „Hände hoch!“ Die Männer nehmen die Hände hoch, gehen im Gänsemarsch hintereinander her, kommen langsam auf den Polizisten in schusssicherer Weste zu. Endlich sieht man die umgehängten Kameras – es sind Fotografen. Der Polizist nimmt die Waffe runter und winkt die Männer hektisch zum Weitergehen.

          Das Unsicherheitsgefühl wächst mit den Meldungen der Polizei. Schließlich wird eine Telefonnummer bekanntgegeben, über die man Genaueres über „vermisste Angehörige oder Freunde“ erfahren kann. Freunde fragen über die sozialen Medien, ob alles gut sei, die Kinder berichten, ihre Freunde hätten über Whatsapp geschrieben, dass deren Eltern, Chirurgen, dringend ins Krankenhaus gerufen wurden. Dann fragen sie: Können die Männer auch in die Wohnungen kommen? Ist die Haustür richtig verschlossen? Soll man nicht besser wegrennen?

          Nichts deutete noch am Nachmittag an diesem hochsommerlichen Freitag in der bayerischen Landeshauptstadt darauf hin, dass das öffentliche Leben so abrupt zum Erliegen kommen könnte, dass sich Angst und Schrecken verbreiten würden in einer Metropole, die sich gerade im Sommer so schön und gelassen zeigt. In der Straßenbahn am Englischen Garten wunderten sich die Touristen über die tropfnassen Jugendlichen in Bikinis und Badehose neben ihnen, die nach dem Bad im Eisbach in der Tram zur Liegewiese zurückkehrten. In den Geschäften in der Kaufingerstraße wühlten die Passanten an den „Sale“-Ständern nach Schnäppchen, auf dem Marienplatz saßen die Touristen bei Obazda und Weißbier – oder in den Biergärten um den Odeonsplatz, wo das „Festival 500 Jahre Bayerisches Reinheitsgebot“ den historischen Hintergrund zum bayerischen Bier lieferte.

          Als gegen 18.30 Uhr die ersten Warnungen der Polizei laufen, werden solche Bilder ersetzt von Spezialeinsatzkräften in Kampfmontur, die um Häuserecken rennen, von Mannschaftswagen auf den Straßen, von Sirenen und Durchsagen. Gegen 22 Uhr ist es dunkel. Am Himmel kreisen immer noch die Hubschrauber, und ein „Experte“ weist im Fernsehen darauf hin, dass die Tätersuche in der Dunkelheit nicht einfacher wird.

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