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Nach Berliner Prozess Debatte über Ohrlochstechen bei Kindern

Der Ärzteverband stuft das Ohrlochstechen bei Kindern ebenso wie die Beschneidung als „Körperverletzung“ ein. Die Sprecherin eines Piercing-Verbands sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Kinder sollten erst ab 14 Jahren Ohrlöcher bekommen.

© dpa Körperverletzung?

Nach der Debatte über die Beschneidung von Säuglingen und Kindern mehrt sich nun Kritik am Ohrlochstechen. „Ohrlochstechen ist aus unserer Sicht eine Körperverletzung und ebenso ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Kindes wie die Beschneidung“, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.). Es sei „teilweise abenteuerlich“, was Kindern schon im Säuglingsalter zugemutet werde. Das Loch im Ohrläppchen sei eine irreversible Schädigung, da es nicht mehr zuwachse. „Natürlich ist die Beschneidung ein noch wesentlich weitergehender Eingriff, aber auch das Ohrlochstechen ist ein schmerzhafter Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes“, sagte Hartmann weiter.

Ein Zivilprozess vor dem Amtsgericht Berlin-Lichtenberg, in dem es um ein missglücktes Ohrlochstechen bei einem drei Jahre alten Mädchen ging, war am Freitag mit einem Vergleich geschlossen worden. Der Richter sagte jedoch bei der Urteilsverkündung, er erwäge, die Strafgerichte einzuschalten. Möglicherweise handele es sich um rechtswidrige Körperverletzung. Der Richter bezog sich ausdrücklich auf ein Urteil des Kölner Landgerichts, das Beschneidung als strafbare Körperverletzung eingestuft hatte.

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„Es gibt überhaupt keinen Grund, einer Dreijährigen Ohrlöcher zu stechen. Unter 14 Jahren sollte überhaupt nicht gepierct werden“, sagte Martina Lehnhoff, die Vorsitzende der European Association for Professional Piercing, der F.A.S. „Es ist überfällig, dass Piercing gesetzlich geregelt wird.“ Ihr Berufsverband arbeite daran, dass der Beruf des Piercers verrechtlicht werde, damit nicht jeder ein Piercing-Studio eröffnen könne. „Wir wollen, dass es den Beruf der Fachkraft für perkutanen Körperschmuck gibt“, sagte Lehnhoff.

Auch der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers riet vom Ohrlochstechen bei Kindern ab, selbst wenn ein Kind dies wünsche. Es handle sich um „eine unnötige Geschichte, die man sein lassen sollte“, sagte Hilgers der F.A.S. Er äußerte zugleich die Überzeugung: „Im Fall von Beschneidung und Ohrlochstechen ist das Strafrecht ungeeignet zur Regelung des Verhältnisses zwischen Kindern und Eltern.“ Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren seien bereits „einigermaßen urteilsfähig“, so dass mit ihnen über die Komplikationen und Folgen des Ohrlochstechens diskutiert werden könne. Ab 14 Jahren sei der Eingriff in Ordnung.

„Ohrlöcher wachsen wieder zu“

Die SPD-Abgeordnete Marlene Rupprecht, Mitglied der Kinderkommission des Bundestages, sagte der F.A.S.: „Man sollte die Frage klären, wie weit Eingriffe an nicht einwilligungsfähigen Personen, seien es kleine Kinder oder etwa demente alte Menschen, vorgenommen werden dürfen.“ Sie wolle das Ohrlochstechen aber von einem so massiven Eingriff wie der Beschneidung trennen. „Ohrlöcher wachsen schließlich wieder zu“, so Rupprecht.

Der Berliner Fachanwalt für Strafrecht, Sönke Hilbrans, sagte, bei sorgfältiger Auswahl des Piercers dürfte Eltern kein Vorwurf gemacht werden. Das Ohrlochstechen wäre bei Einwilligung der Eltern nur rechtswidrig, wenn es gegen die guten Sitten oder sonst grob gegen das Kindeswohl verstieße. Das sei nicht der Fall.

Quelle: F.A.S.

 
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