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Muslimischer Antisemitismus : Nichts gegen Juden, aber ...

Hass auf Juden: Verbrennung eines Lakens mit Davidstern am Sonntag im Berliner Stadtteil Neukölln Bild: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa

Einwanderer aus muslimischen Ländern fallen in ganz Deutschland bei Protesten mit Antisemitismus auf. Doch wie weit sind solche Überzeugungen wirklich verbreitet?

          Wer nur den Ton des Internetvideos hört, könnte sich irgendwo im Westjordanland wähnen, zwischen brennenden Autoreifen und Nebelschwaden aus Reizgas. Eine Männerstimme ist zu hören, brüllend und zornig. „Die Intifada ist das Recht des palästinensischen Volkes, sich gegen seine Besatzer zu wehren“, ruft ein Mann. „Jerusalem gehört nicht nur einem Volk. Jerusalem gehört allen Muslimen der Umma dieser Welt. Niemand anderem.“ Wild schwenkt die Handykamera hin und her. Menschentrauben sind zu sehen, Vollbartträger, die Palästinenserfahnen schwenken. Wieder wird gebrüllt. Der amerikanische Präsident Donald Trump habe mit seiner Entscheidung, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, „nicht nur Palästinensern“, sondern „den ganzen Muslimen den Krieg erklärt. Es gibt keinen Frieden mehr. Keinen Frieden. Der Friedensvertrag ist aufgelöst.“ Die „muslimische Armee“ der Türkei solle sich nach Jerusalem begeben.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Das Video vom vergangenen Freitag zeigt aber mitnichten den Nahen Osten. Ein verschwommener Weihnachtsbaum und ein deutscher Bereitschaftspolizist tauchen im Bild auf. Das türkisfarbene Dach des Berliner Hotels Adlon auch. Und schließlich: das Brandenburger Tor. Abseits des Videos brüllen die Demonstranten auf Arabisch: „Tod Israel! Tod Israel!“ Und: „Chaibar, Chaibar, ya yahud, dschaisch Mohammed saya‘ud!“ – „Chaibar, Chaibar, o ihr Juden! Mohammeds Heer kommt bald wieder!“ Es ist ein Verweis auf den Feldzug des Propheten im Jahr 628 gegen die von Juden besiedelte Oase Chaibar. Von Kritik an Israels Regierung ist die Rede, aber immer wieder auch von einem religiösen Konflikt: Muslime gegen Juden. „Allah ist groß!“, wird gerufen. Dazwischen: Stirnbänder der islamistischen Hamas, Fahnen der islamistischen Hizbullah, ein brennendes Stofflaken mit einem aufgemalten Davidstern. Antisemitische Gewaltrhetorik mitten in Berlin, zweihundert Meter entfernt vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

          In ganz Deutschland fanden seither ähnliche Kundgebungen statt, sie wurden von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) und dem International Institute for Education and Research on Antisemitism (Iibsa) dokumentiert. In Düsseldorf wurde die israelische Fahne bespuckt, zertrampelt und es wurde zur Intifada aufgerufen. In Koblenz wurde die Chaibar-Parole verwendet. In Mainz wurden Landkarten ohne Israel gezeigt. Insgesamt 21 Versammlungen zählten Rias und Iibsa bis Dienstag, unter anderem in Bremen, Hamburg, Dortmund, Stuttgart, München und Trier. „Bei zwölf liegen Belege für gewaltverherrlichende und antisemitische Bildsprache vor“, heißt es in dem Bericht. Vertreter der Bundesregierung verurteilten die Hassparolen, genauso wie sie es getan hatten, als bei Pegida islamfeindliche Haltungen gezeigt wurde. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die „Ausschreitungen“ als „nicht nur inakzeptabel, sie sind unerträglich“. Die einseitige Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch Trump „rechtfertigt in keinster Weise Hass auf Israel und die Herabwürdigung unserer jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen“.

          Neigen muslimische Einwanderer in stärkerem Maße zu Antisemitismus?

          Mit dieser Verdammung waren gleichwohl nicht alle Fragen beantwortet. Einerseits war der Wirbel von vergleichsweise wenigen Demonstranten ausgelöst worden. Zusammengezählt betrug die Teilnehmerzahl wenige tausend Menschen. Wiederum ein Bruchteil von diesen hatte eindeutig antisemitische Sprüche gerufen. Andererseits schien der Schrecken auch nicht von der Zahl, sondern von der Vehemenz der Wenigen verursacht worden zu sein. Welche Lehre sollte also folgen? Neigen muslimische Einwanderer in stärkerem Maße zu Antisemitismus als Deutsche ohne Migrationshintergrund? Droht eine Salonfähigkeit solcher Thesen, wenn sich der Anteil von Muslimen durch die Aufnahme von Flüchtlingen weiter erhöht?

          Das American Jewish Committee Berlin (AJC) veröffentlichte am Mittwoch eine Studie des Antisemitismusforschers Günther Jikeli, die sich mit der Einstellung von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak beschäftigt. In 16 Gruppeninterviews sprachen die Forscher mit 68 Flüchtlingen. Repräsentativ waren die Erkenntnisse damit nicht. Wohl aber konnten die Argumentationsmuster untersucht werden. „Die Position, die Welt würde von Juden oder Israel kontrolliert, wird oft als normal beziehungsweise legitim empfunden“, schreibt Jikeli. Gleiches galt für eine Infragestellung des Existenzrechts Israels. Einige Flüchtlinge äußerten wilde Theorien. So habe der „Islamische Staat“ nichts mit dem Islam zu tun, sondern sei von Amerika geschaffen worden. Auch der Anschlag am 11. September 2001 sei erfunden worden, um einen Krieg gegen den Islam zu rechtfertigen. Ein anderer Flüchtling war der Überzeugung, nur in Syrien und im Irak gebe es Intellektuelle. Dort habe man „gewaltigere Gehirne und Seelen“ als in Deutschland. Das waren eindeutige Aussagen.

          Eine Erkenntnis der AJC-Studie lautete jedoch, dass sich der Antisemitismus, wenn er auftrat, nur selten in so dumpfen Tönen offenbarte. Vielmehr betonten selbst jene, die an eine jüdische Weltverschwörung glaubten, oftmals ihren Respekt vor dem Judentum und verurteilten Gewalt. Viele hoben auch hervor, dass sie zwischen Juden und Israel unterschieden, einen Juden wegen seiner Religionszugehörigkeit also nicht für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich machten. Eine gewisse Ambivalenz schien den Forschern zu begegnen. Die Flüchtlinge schienen unentschieden und flatterhaft in ihren Aussagen. Manche betonten ihre Unsicherheit bei einem Thema, über das sie nicht viel nachgedacht hätten. „Wirklich, wir reden nicht über Juden, das ist bei uns überhaupt kein Thema“, sagte eine junge Syrerin.

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          Antisemitismus in den Heimatländern vieler Flüchtlinge

          Viele Flüchtlinge verhielten sich widersprüchlich. Sie betonten etwa Toleranz und Frieden, widersprachen aber nicht, wenn ein anderer der Gruppe über seinen Judenhass sprach. Ähnliches war von Teilnehmern der aktuellen Proteste zu hören. Die Palästinensische Gemeinschaft in Deutschland (PGD) etwa teilte am Montag mit: „Wir akzeptieren auch keinen Antisemitismus und anderweitigen Rassismus(...) wir vermitteln diese Prinzipien in unseren Veranstaltungen genauso selbstverständlich wie das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit“, so der PGD-Vorsitzende Suhail Abu Shammala. Die Organisationen Rias und Iibsa sehen aber „Indizien“, dass Veranstaltungen mit antisemitischen Sprechchöre und Hamas-Abzeichen von der PGD koordiniert wurden. Die PGD reagierte am Dienstag und Mittwoch nicht auf die Frage, ob diese Aussage zutrifft.

          Dass in den Heimatländern vieler Flüchtlinge antisemitisch gedacht wird, gilt als unstrittig. Repräsentative Umfrage hatten in der Vergangenheit ein eindeutiges Bild ergeben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge etwa befragte 779 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Eritrea und Afghanistan. Wohlklingende Zahlen waren darunter: 97 Prozent der Flüchtlinge lehnten religiös motivierte Gewalt ab. Jedoch stimmten auch 52 Prozent der Syrer und 54 Prozent der Iraker der Aussage zu: „Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss.“ Auch Deutsche sind von solchen Überzeugungen keineswegs frei. Allerdings ist die Zustimmung zu der Aussage hierzulande seit Jahren mit 15 bis 25 Prozent weit geringer. Ähnlich groß ist dieser Unterschied zwischen Muslimen und der Gesamtbevölkerung in Belgien, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, heißt es im Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus der Bundesregierung.

          Als besonders gesellschaftsfähig gilt der Antisemitismus im Irak und in Syrien. Mitte 2013 führte die Anti-Defamation League eine Umfrage im Irak durch. 92 Prozent der Iraker stimmten darin sechs von elf antisemitischen Aussagen zu. 75 Prozent machten Juden „für die meisten Kriege in der Welt“ verantwortlich. In syrischen Schulen findet laut dem AJC-Bericht ein kruder Geschichtsunterricht statt. „Hitler wird hier als starker Führer porträtiert, der sich gegen die Juden zur Wehr setzte, die sich angeblich während der Weltwirtschaftskrise 1929 in Deutschland bereicherten“, heißt es vom AJC. „Diesen indoktrinierten Hass und Antisemitismus“ legten Flüchtlinge „selbstverständlich nicht an der Grenze ab“, sagt der Sprecher des Jüdischen Forums, Levi Salomon. Gleichwohl dürfe man das Problem des Antisemitismus nicht allein auf Flüchtlinge „abwälzen“.

          Sorgen beim Zentralrat der Muslime

          Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ist in Sorge angesichts der Bilder vom Brandenburger Tor. „Wer für das Recht und die Gerechtigkeit unter den Völkern demonstriert und gleichsam zu Gewalt gegen Juden oder sonst wen aufruft, der ist klar zu verurteilen, der hat sein Recht auf Demonstration verwirkt, weil er eine Straftat begeht“, sagt der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek. „Wir haben dieses Problem längst erkannt“, deshalb organisiere der Zentralrat Patenschaften mit Flüchtlingen. Besuche des früheren Konzentrationslagers Buchenwald werden organisiert und Treffen mit jüdischen Zeitzeugen. Gerade weil Syrer und Iraker aus einer Diktatur geflohen seien, sei die Bereitschaft groß, die Propaganda des Regimes zu hinterfragen, sagt Mazyek. Ein anderes Projekt fördert Begegnungen junger Juden und Muslime. „Der Nahostkonflikt muss getrennt werden von dem Dialog und dem friedlichen Zusammenleben von Juden und Muslimen. Die Hardliner auf beiden Seiten machen das gerade nicht, sie importieren und instrumentalisieren den Nahostkonflikt und sähen so Unfrieden zwischen den Religionen.“ Aber: Wer waren diese Hardliner?

          Auffallend war aus Sicht von Rias und Iibsa die hohe Zahl an türkischen Fahnen bei den Kundgebungen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte zuletzt mit drastischen Worten über Israel gesprochen, am Mittwoch sagte er, Israel sei ein Land, „das sich von Blut ernährt“. Zugleich hatte der Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland am vergangenen Donnerstag erklärt: „Der östliche wie der westliche Teil Jerusalems“ seien „arabisches muslimisches Land“ und im „Besitz aller Muslime weltweit“. Die Imame und Gelehrten in Deutschland wurden aufgerufen, bei den Freitagsgebeten in den Moscheen über Jerusalem zu sprechen. Am nächsten Abend brannte der Davidstern am Brandenburger Tor.

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