24.08.2006 · In Pakistan galt der hellhäutige Murat Kurnaz seinen Glaubensbrüdern als Spitzel. Für ein Kopfgeld wurde er an amerikanische Soldaten ausgeliefert. Nach mehr als vier Jahren im Lager Guantánamo ist Kurnaz nun nach Deutschland zurückgekehrt.
Vielleicht ist ihm sein roter Bart zum Verhängnis geworden. Ihn hatte sich Murat Kurnaz wachsen lassen, weil, wie er seiner Mutter sagte, schon „unsere Propheten“ Bärte getragen hätten. In Pakistan aber galt der hellhäutige Kurnaz seinen Glaubensbrüdern als Spitzel. Der damals 19 Jahre alte Mann wurde denunziert und für ein Kopfgeld an amerikanische Soldaten ausgeliefert.
Seit Januar 2002 hielt ihn die amerikanische Regierung im Militärstützpunkt in Guantánamo Bay auf Kuba als „feindlichen Kämpfer“ gefangen. Kurnaz hatte sich in der Nacht zum 3. Oktober 2001 mit seinem Freund Selcuk B. auf den Weg nach Pakistan gemacht, um dort eine Koranschule zu besuchen. Bereits in den Monaten davor soll sich der in Bremen geborene Türke verändert haben: So rasierte er sich nicht mehr und ging in eine Moschee, in der Islamisten missionarisch tätig waren, und die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Nur Kurnaz flog planmäßig nach Pakistan, Selcuk B. wurde am Flughafen zurückgehalten, weil gegen ihn eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe anhängig war.
Der Verdacht bestätigte sich nicht
Die Eltern von Selcuk B. gaben damals zu Protokoll, ihr Sohn wolle gegen die Amerikaner in Afghanistan kämpfen. Die daraufhin eingeleiteten deutschen Ermittlungen führten zu keinem Ergebnis, der Verdacht, B. und Kurnaz seien an der Bildung einer kriminellen Vereinigung beteiligt gewesen, erhärtete sich nicht.
Auf Kurnaz' Freund B. basierten maßgeblich die Anschuldigungen der Amerikaner: B. sei ein Selbstmordattentäter gewesen, der sein Attentat auch ausgeführt habe. B. indes lebt unbehelligt in Bremen. Gegen den 24 Jahre alten Kurnaz, der mit einer Türkin verheiratet ist und nach seinem Hauptschulabschluß eine Lehre als Schiffsbautechniker angefangen hatte, konnten nie stichhaltige Beweise für terroristische Aktivitäten oder eine Al-Qaida-Mitgliedschaft gefunden werden. Im Frühjahr 2005 urteilte die Washingtoner Bundesrichterin Joyce Green, sämtliche entlastende Ermittlungsergebnisse seien im Fall Kurnaz vom Militärtribunal einfach ignoriert worden.
Nach mehrjähriger Inhaftierung ist Murat Kurnaz nun wieder in Freiheit. Er wurde am Donnerstag nach Deutschland ausgeflogen und in Ramstein deutschen Behörden übergeben, wie sein Anwalt Bernhard Docke mitteilte. Nach Beobachtung von Augenzeugen traf er am frühen Freitag morgen in Begleitung seiner Familie und des Anwalts in Bremen ein.