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Münteferings Rückkehr : „Das schönste Amt neben Papst"

Schnelle Rückkehr: Franz Müntefering Bild: dpa

Nach langer Parteikarriere und kurzer Pause betritt Franz Müntefering wieder die politische Bühne. Mit der Rückkehr des 68-jährigen in das Amt des Parteivorsitzenden verbinden sich in der SPD große Hoffnungen. Denn kaum einer versteht es wie er, die Genossen zu einen.

          Am 13. November 2007 trat Franz Müntefering von den Ämtern des Arbeitsministers und Vizekanzlers zurück, um seine an Krebs erkrankte Frau Ankepetra zu pflegen, die am 31. Juli dieses Jahres starb. Zehn Monate nach seinem Rückzug kehrt er nun zurück - und übernimmt von Kurt Beck den SPD-Parteivorsitz. Auch dies eine Rückkehr, denn Müntefering war schon einmal, von März 2004 bis Oktober 2005, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei. Damals gab Gerhard Schröder den Vorsitz an Müntefering ab. Münteferings sozialdemokratischer Stallgeruch, so Gerhard Schröders Kalkül, sollte den entstandenen Graben zwischen der Parteibasis und Schröders Reformpolitik überbrücken.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Vom SPD-Vorsitz trat Müntefering während der Verhandlungen über die Bildung einer großen Koalition nach der Bundestagswahl 2005 zurück. Der Parteivorstand hatte Andrea Nahles und nicht Münteferings Wunschkandidaten Kajo Wasserhövel zum Generalsekretär gewählt. Die Führung der SPD übernahm damals Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck - für gerade einmal fünf Monate. Dieser Rücktritt Münteferings war kein Rückzug aus der Politik: Nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen wurde er Arbeits- und Sozialminister und Vizekanzler.

          Der ganze lange Weg durch die Partei

          Mit der Rückkehr des 68 Jahre alten Politikers in das Amt des Parteivorsitzenden verbinden sich in der SPD große Hoffnungen. Ihm traut man zu, in der von links bedrängten Partei die auseinanderstrebenden Kräfte zusammenzuführen, denn Müntefering entstammt sozialdemokratischer Muttererde: Im sauerländischen Neheim-Hüsten als Sohn eines katholischen Landwirts geboren, lernte Müntefering nach einem Volksschulabschluss den Beruf des Industriekaufmanns.

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          Müntefering spielt Fußball - und liest Sartre; er arbeitet im Metallgewerbe - und engagiert sich in Gewerkschaft und Partei. Er ging den ganz langen Weg durch die Partei: Jungsozialist, Mitglied im Unterbezirksvorstand, später Vorsitzender im Unterbezirk Hochsauerland. Politik wird sein Beruf; 1975 bis 1992 hat er ein Bundestagsmandat. Er wird „wohnungsbaupolitischer Sprecher“ der SPD und prangert die „unsoziale Wohnungspolitik“ Kohls an. Müntefering wird in den Parteivorstand gewählt.

          Ein Amt wie auf den Leib geschneidert

          Auch in Nordrhein-Westfalen nimmt Müntefering weiter Sprosse um Sprosse auf der Parteileiter: 1992 wählt ihn der Bezirk Westliches Westfalen zum Vorsitzenden - mit 97,3 Prozent der Stimmen; kurze Zeit später beruft Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau ihn als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Im Oktober 1995 kehrt er in die Bundespolitik zurück: Auf Vorschlag des damaligen SPD-Vorsitzenden Scharping wird Müntefering als Nachfolger Günter Verheugens Bundesgeschäftsführer. Die Berufung Münteferings war eine der letzten Handlungen Scharpings im Parteivorsitz, bevor dieser von Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag im November 1995 aus dem Amt gefegt wurde. Müntefering koordinierte 1998 für seine Partei äußerst erfolgreich den Bundestagswahlkampf. Der Lohn: das Ministerium für Verkehr und Wohnungsbau.

          Als die SPD wenig später bei der Europawahl und der Landtagswahl im Saarland abstürzt, wird 1999 das Amt des Generalsekretärs geschaffen, um innerparteilich für Geschlossenheit zu sorgen. Es ist Müntefering auf den Leib geschneidert. Wegen der ihm zugeschriebenen Fähigkeit, wie kein anderer die Partei einen zu können, wird Müntefering nach der Bundestagswahl 2002 Fraktionsvorsitzender. Als die Risse in der Partei während der Agenda-Politik größer werden, gibt Gerhard Schröder sein Amt als Parteivorsitzender an ihn ab. Müntefering sagt damals über den Vorsitz, er sei das „schönste Amt neben dem Papst“. Einen Vorzug hat der SPD-Vorsitz: Man kann ihn mehrmals im Leben innehaben.

          SPD-Vorsitzende seit 1946

          Seit Kriegsende hatte die SPD zwölf Vorsitzende. Am längsten führte Willy Brandt die Partei - 23 Jahre lang.

          1946-1952: Kurt Schumacher (verstorben)

          1952-1963: Erich Ollenhauer (verstorben)

          1964-1987: Willy Brandt

          1987-1991: Hans-Jochen Vogel

          1991-1993: Björn Engholm (Rücktritt)

          1993-1993: Johannes Rau (kommissarisch)

          1993-1995: Rudolf Scharping

          1995-1999: Oskar Lafontaine (Rücktritt)

          1999-2004: Gerhard Schröder (zunächst kommissarisch)

          2004-2005: Franz Müntefering (Verzicht auf neue Kandidatur)

          2005-2006: Matthias Platzeck (Rücktritt)

          seit August 2006: Kurt Beck

          Quelle: F.A.Z.

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