11.11.2008 · Kajo Wasserhövel strebt ins Parlament. Von Berlin aus plant er für Franz Müntefering die Bundestagswahl – hier bemüht er sich auch um ein Mandat. Und macht etwas, das er 18 Jahre lang nicht gewohnt war: Werbung für sich selbst.
Von Majid Sattar, BerlinIm fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses, in der Vorstandsetage der SPD, hängen an einer Bürowand mehrere Wahlkampfbilder. Eines davon zeigt die deutsche Flagge, worauf in schwarzen Lettern prangt: Friedensmacht. Es ist nicht etwa ein Plakat aus dem glorreichen Bundestagswahlkampf des Jahres 2002. Es stammt aus dem Jahr 2004. Das verlief für die Sozialdemokraten weniger glorreich, damals ließ sich in der Europawahl mit dem Irakkrieg nicht mehr recht punkten. Dass Kajo Wasserhövel sich dieses Plakat in sein Büro gehängt hat, sagt einiges über den neuen, alten Bundesgeschäftsführer der SPD aus. Bedenke, dass Du sterblich bist, soll das heißen. Kajo steht für Karl-Josef. Der Mann ist bodenständig – und weiß auch, dass sich mit dieser Eigenschaft kokettieren lässt.
Auf der anderen Seite des Büros des 46 Jahre alten Mannes, der seit fast 18 Jahren an der Seite Franz Münteferings wirkt, hängen grelle Computersimulationen an der Wand, die futuristische Hallengestaltungen berühmter Parteitage zeigen – aus den Tagen Gerhard Schröders, unter dem die alte Tante SPD eine mediengefällige Partei wurde. Für Wasserhövel sind das nunmehr die guten, alten Zeiten. Die Gegenwart sieht anders aus. Parallel zu seiner Tätigkeit als Wahlkampfmanager für die Bundestagswahl 2009 bemüht er sich selbst um ein Bundestagsmandat. Dafür muss er sich den Mühen der Ebene aussetzen.
„Das ist für mich jetzt der richtige Schritt“
Berlin-Köpenick, Alte Schule Adlershof. In dem halbrenovierten Bürgersaal verweist im Eingangsbereich ein handbeschriebenes Plakat auf eine Parteiveranstaltung. In einem bestuhlten, klassenzimmergroßen Raum ist hinten am Kopfende eine rot-weiße SPD-Fahne an der Wand angenagelt. Hier an der Dörpfelderstraße in Treptow-Köpenick kann man inzwischen Thai-Currys essen und Mojitos trinken, ansonsten aber ist die Zeit stehengeblieben. Die älteren Herren, die sich an diesem Abend in der Alten Schule versammeln, würden eine prima Statistengruppe für DDR-Filme wie „Sonnenallee“ abgeben. Hier nimmt Kajo Wasserhövel an diesem Abend am Podium Platz und macht etwas, das er 18 Jahre lang nicht gewohnt war: Er macht Werbung für sich selbst. Wasserhövel, der Referent, Redenschreiber, Büroleiter, Staatssekretär und Bundesgeschäftsführer seines Herrn Franz Müntefering wagt den Sprung in die politische Selbstständigkeit.
Wasserhövel suchte das Gespräch mit Gerhard Schröder, mit Peter Struck und natürlich auch mit Müntefering. „Das ist für mich jetzt der richtige Schritt“, sagt er. Der Bocholter schaute sich zuerst in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen um. Doch im Münsterland wurde er nicht fündig. Einer, der von oben kommt, womöglich geschickt wird, das mögen die Genossen nicht gern. Von Sozialdemokraten in Treptow-Köpenick sei er dann angesprochen worden, hier könne man jemanden gebrauchen. Seit 1990 war der Wahlkreis in sozialdemokratischer Hand, stets gewonnen von Siegfried Scheffler – bis 2005, als Gregor Gysi aus „dem toten Winkel“ kam, wie Wasserhövel sagt. Neben ihm bewerben sich zwei weitere Sozialdemokraten: das Kreisvorstandsmitglied Ralf Thies und der Bezirksfraktionsvorsitzende Oliver Igel. Wasserhövels Vorteil: Nur er könnte Gysi schlagen. Aber denkt die Basis schon an den zweiten Schritt?
Den Job bei Müntefering hatte er sofort
Schon einmal stand er kurz davor, aus dem politischen Hintergrund zu treten, als Müntefering ihn nach der Bundestagswahl 2005 zum Generalsekretär machen wollte. Die Parteilinke um Andrea Nahles wollte das nicht, und auch die Netzwerker um Hubertus Heil waren dagegen. In den Wochen des parteiinternen Machtkampfes, an dessen Ende Müntefering den SPD-Vorsitz niederlegte, schwieg Wasserhövel. Später sprach er sich mit Andrea Nahles, die seinerzeit ebenfalls den Posten haben wollte, aus. Heute ist Müntefering wieder Parteivorsitzender – und der faktisch entmachtete Heil musste im Herbst mitansehen, wie die alte Garde wieder in die Parteizentrale einzog. Wasserhövel wird nicht ohne Genugtuung verfolgt haben, dass in der Zeit des Interregnums im Willy-Brandt-Haus – unter den Vorsitzenden Matthias Platzeck und Kurt Beck – in allen Parteiflügeln Entsetzen darüber herrschte, dass die Partei organisatorisch am Boden lag.
Der Vater zweier Söhne kann sich noch gut an seine erste Begegnung mit Müntefering erinnern. Das war 1991. Der damalige Juso hatte gerade in Münster sein geisteswissenschaftliches Studium beendet und bewarb sich auf den Posten eines Bildungsreferenten des SPD-Bezirks Westliches Westfalen, dessen stellvertretender Vorsitzender der Sauerländer seinerzeit war. Wie er in dieser oder jener Situation reagieren würde, fragte der Ältere. „Ich würde dafür sorgen, dass eine solche Situation gar nicht eintreten würde“, sagte der Jüngere. Punkt. Aus. Er hatte den Job.
Kann ein Ohrflüsterer auch Kleintierzüchtertreffen?
Natürlich werden ihm dieser Tage Fragen gestellt: Kann jemand, der immer nur Zuträger, Ohrflüsterer, Ratgeber, Administrator war, auch Marktplatz, Stammtisch und Kleintierzüchtertreffen? Wasserhövel hat sich für derlei Situationen seine Worte zurecht gelegt: „Wer für die kleinen Dinge zu groß ist, ist für die großen Dinge zu klein.“ Natürlich ist auch das ein Zitat Münteferings. Dass Wasserhövel hier in der Alten Schule nicht den Zampano spielen darf, kommt seinem Naturell entgegen. Man stelle sich vor, Matthias Machnig – wie Wasserhövel Müntefering-Schüler mit Stamokap-Sozialisation – müsste sich hier vorstellen.
Wasserhövel redet einfach von seinem Großwerden, seinen beiden Söhnen, dem ehrenamtlichen Engagement für Amnesty International und für die Jusos. Müntefering verschweigt er nicht, schließlich war er auch dessen Staatssekretär im Arbeitsministerium: Ich weiß wovon ich rede, wenn es um Hart IV geht, will er den Anwesenden sagen. Gefällig kommt er nicht daher: Er verteidigt die Agenda 2010, er verteidigt den Afghanistan-Einsatz – auch gegen Widerspruch einiger Genossen. Ein Abgeordneter müsse auch im Wind stehen, sagt er. Er redet klar und in kurzen Sätzen. Natürlich könnte er seine Mitbewerber an die Wand reden. Er tut es nicht – und das nicht aus Nächstenliebe. Er sei zu unpolitisch, sagten 2005 diejenigen, die ihn als Generalsekretär verhinderten. Heute kann Wasserhövel darüber lächeln.
Jetzt geht es erstmal gegen Gysi
Er hatte wohl eine Ahnung, dass sich da was zusammenbraute, damals am 7. September, als sich die SPD am Schwielowsee zu ihrer Klausurtagung traf. Wasserhövel hatte gerade in Amerika zu tun, stand morgens früh auf und wollte sich in seinem Hotelzimmer auf seinem Laptop per Livestream die Pressekonferenz Kurt Becks anschauen. Als diese sich verschob, dachte er sich seinen Teil. Kurz nachdem Frank-Walter Steinmeier telefonisch Müntefering den SPD-Vorsitz anbot, rief dieser Wasserhövel an. Es musste nicht viel gesprochen werden. Der Abstecher nach New York musste abgebrochen werden. Und Olaf Scholz, sein Minister, war wohl nicht überrascht über Wasserhövels kurzfristigen Umzug ins Willy-Brandt-Haus.
Mit dem Auto sind es von der Wilhelmstraße knapp 30 Minuten bis nach Treptow-Köpenick. Die Strecke legt er dieser Tage oft zurück. Am 5. Dezember entscheidet die Wahlkreiskonferenz. Dann könnte es in die Hauptrunde gehen, gegen Gysi, der 2005 sieben Prozentpunkte vor dem SPD-Kandidaten lag. „Das ist nicht viel“, sagt Wasserhövel – nun wieder ganz Spindoctor: „Wir brauchen nur einen Swing von 3,5 Prozentpunkten.“