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München Die Normalität ist der historische Augenblick

 ·  Petr Nečas hat als erster tschechischer Ministerpräsident im Bayerischen Landtag gesprochen. Auf dem Dialog zwischen München und Prag hatte nach 1990 das Unrecht gelastet, das den vertriebenen Sudetendeutschen zugefügt worden war.

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© dpa Vergrößern Petr Nečas beschwor immer wieder die „Normalität“ zwischen Bayern und der Tschechischen Republik

Den Besuch des tschechischen Ministerpräsidenten Petr Nečas in Bayern, der am Donnerstag zu Ende ging, haben zwei Worte geprägt. Immer wieder war von dem „historischen Augenblick“ die Rede, den die Reise Nečas von der Moldau an die Isar darstelle; seit 1990 war kein Prager Regierungschef zu einem offiziellen Besuch nach München gekommen. Und immer wieder wurde eine „Normalität“ beschworen, die längst den Austausch zwischen beiden Ländern bestimme. Anschaulicher hätte kaum werden können, das sich in den bayerisch-tschechischen Beziehungen der historische Augenblick in Normalität erschöpft.

Bayerischer-tschechischer Alltagsdialog

Im Plenarsaal des Bayerischen Landtags, in dem am Donnerstag Nečas als erster tschechischer Ministerpräsident sprach, saßen auf der Zuhörertribüne Schüler eines bayerischen Beruflichen Schulzentrums, das mit dem Nachbarland zusammenarbeitet und den Lehrlingsaustausch pflegt. Sie mögen überrascht gewesen sein, dass vieles, was ihnen alltägliche Selbstverständlichkeit ist, als historische Errungenschaft gefeiert wurde. Nečas gab ihnen - und den anderen Zuhörern - eine Einsicht mit auf den Weg, der zeigte, dass das dialektische Denken an Isar und Moldau gleichermaßen zu Hause ist: Entscheidend seien nicht politische Proklamationen, sondern die Erfahrungen „im bayerischen-tschechischen Alltagsdialog“ - sprich die Normalität ist der historische Augenblick.

Auf dem politischen Dialog zwischen München und Prag hatte nach 1990 das Unrecht gelastet, das den aus Böhmen und Mähren vertriebenen Sudetendeutschen zugefügt worden ist. Die CSU, in Bayern regierend, das viele der Flüchtlinge aufgenommen hat, beharrte darauf, dass die Tschechische Republik abrücke von den Vertreibungsdekreten des Nachkriegspräsidenten Beneš. Prag blieb aber hart, auch in der Zeit, in der es um die Aufnahme des Landes in der Europäische Union ging. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer lenkte schließlich ein und fuhr 2010 an die Moldau, die diplomatische Formulierung im Gepäck, es gebe in einigen Fragen unterschiedliche Auffassungen, aber es müsse ein neues Kapitel aufgeschlagen werden.

Nur wenige Fehler der Geschichte können geheilt werden

Den Rubikon der Beneš-Dekrete überschritt am Donnerstag auch Nečas nicht - er hielt sich an die vertraute Feststellung, dass bei der Vertreibung und zwangsweisen Aussiedlung der Sudetendeutschen unschuldigen Menschen Leid und Unrecht zugefügt worden sei. Es sei aber klar, „dass wir nicht in die Zeit vor achtzig Jahren zurückkehren können“. Nur sehr wenige Fehler der Geschichte könnten wieder geheilt werden; die Eigentumsverhältnisse der Vorkriegszeit könnten nicht wiederhergestellt werden. Nečas würzte das gewohnte Prager Schwarzbrot für die Sudetendeutschen mit lobenden Worten für ihren Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaft und Kultur in der langen Geschichte der böhmischen Länder. Die Schüler konnten auf der Zuhörertribüne lernen, dass der Blick in die Geschichte nicht nur belastend, sondern auch entlastend sein kann - wenn er nur weit genug gefasst ist. Nečas skizzierte die wechselvolle bayerisch-böhmische Geschichte- von der Christianisierung über den Dreißigjährigen Krieg bis zum Zivilisationsbruch des deutschen Nationalsozialismus mit der Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates.

Wer wollte, konnte am Donnerstag darin den historischen Rang seiner Rede und seines Besuches sehen: Dass es im bayerisch-tschechischen Verhältnissen nur Normalität bedarf, um von einem historischen Augenblick zu sprechen. Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Bernd Posselt und der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft Franz Pany bescheinigten Nečas sogleich nicht weniger als „staatsmännische Tapferkeit“ und dankten Seehofer, dass er „trittsicher“ einen „Verständigungs- und Versöhnungskurs“ eingeschlagen habe, der jetzt Früchte trage.

Mehr Normalität hätte nicht sein können an diesem bayerisch-tschechischen Tag. Dazu gehörte auch, dass es der tschechische Ministerpräsident bei einem kurzen Hinweis belassen konnte, dass Bayern für sein Land der drittgrößte Handelspartner sei, bedeutender als die Vereinigten Staaten oder Frankreich. Solche Vergleiche genügen, um in München in der Beliebtheitsskala ganz nach oben zu rücken. Seehofer konnte verschmerzen, dass Nečas die „positive Bedeutung“ der Kernenergie rühmte, an deren „maximalen Sicherheit“ sein Land „absolut interessiert“ sei. Dass Seehofer unter maximaler Sicherheit abschalten, Nečas einschalten versteht, störte nicht weiter. Nur die Grünen legten pflichtgemäß die Stirn in Falten, bevor sie Nečas applaudierten - auch soweit herrschte Normalität.

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