28.01.2010 · Langens türkischer Moscheeverein will ein neues Gemeindezentrum bauen. Doch die Suche nach einem Grundstück gestaltet sich schwierig in der Stadt, in der die „Sauerland-Gruppe“ rekrutierte.
Von Markus Bickel, LangenDie Urkunde hängt noch an der Wand des kleinen, im Souterrain gelegenen Versammlungsraums. „Pfarrer vs. Imame“ steht auf dem Papier, das an das Fußballfreundschaftsspiel zwischen Angehörigen des türkischen Konsulats und des Langener Moscheevereins mit der evangelischen Gemeinde Dreieich im April vergangenen Jahres erinnert. Im März will man erstmals gegen Vertreter der katholischen Gemeinde antreten, sagt Hüseyin Özcan, Vorstandsmitglied der Türkisch-Islamischen Gemeinde Langen. Vier der sieben Vorstände haben deutsche Pässe.
Seit 1996 lädt der rund 120 Mitglieder zählende Verein, welcher der Ditib, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, angehört, zum Gebet in die am Bahnhof gelegene Ulu-Camii-Moschee. Doch inzwischen sind den Betreibern die Räume zu eng geworden. Vor allem für die älteren Mitglieder der ersten Einwandergeneration, die in den sechziger und siebziger Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen, ist die Gemeinde mehr als nur ein Gebetsort. „Religion kommt an zweiter Stelle“, sagt Özcan, der 1978 die Türkei verließ und zum Studium nach Darmstadt zog. „Wenn ich mal im Rentenalter bin, will ich nicht in diesen engen Räumen sitzen“, sagt der 47 Jahre alte Familienvater.
Schon seit mehr als fünf Jahren bemüht sich der Verein, ein Areal für ein neues Zentrum zu finden. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: Immer wieder haben Grundstückbesitzer ihre Angebote zurückgezogen, auch von der Kommune kommt wenig Unterstützung - obwohl der Moscheeverein Rücksicht zu nehmen versucht: „Auf den öffentlichen Ruf des Muezzins werden wir weiterhin im Interesse der Nachbarn verzichten. Auch auf den Bau eines Minaretts“, heißt es in einem Brief an Bürgermeister Frieder Gebhardt (SPD). Im nicht weit hinter der hessisch-bayerischen Landesgrenze gelegenen Aschaffenburg stimmte der Stadtrat vorige Woche dem Neubau einer Moschee zu - mit Gebetsturm.
Das Minarettverbot in der Schweiz im November 2009 habe die Suche nicht erleichtert, sagt Özcan, obwohl die Gemeinde gut in die südhessische Kleinstadt integriert sei. Pfarrer Heiner Döll von den katholischen Gemeinden St. Jakobus und Heiliger Thomas von Aquin würde es „begrüßen, wenn die passende Örtlichkeit bald gefunden werden“ könnte. Schließlich müssten den mehr als tausend Muslimen in Langen passende Freizeitangebote unterbreitet werden. Die Gefahr, dass junge Gläubige sich radikalisierten, könnte so am ehesten gebannt werden - „besser als im Hinterhof“.
Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Uta Zapf, die den Wahlkreis Offenbach in Berlin vertritt, unterstützt die Suche nach einem Grundstück. Nicht zuletzt, weil der Vorstand ihr versichert habe, die Jugendarbeit auszubauen - der wichtigste Weg zu einer erfolgreichen Integration, wie Zapf schon bei ihrem Einsatz für den Bau einer Moschee im benachbarten Dreieich erfuhr: „Wer sich an den Rand gedrängt fühlt, ist eher ansprechbar für radikale Ideen als jemand, der sich hier zu Hause fühlt.“
Keine Hinterhofmoschee zu betreiben, sondern „Gläubigen aller Religionen offenzustehen“, darauf legen Özcan und seine Vorstandskollegen Wert: „Wir sagen unseren Kindern, dass Sprache und Beruf das A und O sind, wenn sie nicht in der Gosse landen wollen.“ Dass sich nicht alle helfen lassen, sei bedauerlich: „Die, die sich nicht erreichen lassen, sind Problemfälle.“
Diese Angst vor Problemfällen kommt in Langen nicht von ungefähr: Verfassungsschützer sprechen von „kulturellen Enklaven“ in den Gebieten entlang der Südlichen Ringstraße. Seit der Verhaftung von Adem Yilmaz, einem hier aufgewachsenen Mitglied der „Sauerland-Gruppe“ im September 2007, hängt der Stadt der Ruf an, eine Hochburg von Dschihadisten zu sein. In der Gartenlaube der türkischen Einwandererfamilie am Ortsrand trafen sich Yilmaz und seine Freunde und schmiedeten Anschlagspläne - wobei sie allerdings von den Sicherheitsbehörden abgehört wurden.
Erst im vergangenen Oktober wurde der Gefolgsmann von Yilmaz, Hüseyin Ö., wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland vom Oberlandesgericht Frankfurt zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt, Anfang der Woche wurde dort auch der Langener Kadir T. wegen Unterstützung der Islamischen Dschihad Union (IJU) zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.
„Langen gilt neben Ulm und Neu-Ulm, wo die Sauerland-Gruppe entstand, als eines der wichtigsten Zentren gewaltbereiter Islamisten in Deutschland“, wandte sich Aleksandar Dumanovic, Schatzmeister der örtlichen FDP, gegen die Bestrebungen der Muslime in Langen: „Wir dürfen nicht so naiv sein, nur weil die dilettantischen Anschlagspläne der Sauerland Gruppe rechtzeitig durchkreuzt wurden.“
„Wir nehmen die Angst vor Terror ernst“, erwidert Özcan. „Aber wir können nicht in die Köpfe der Leute schauen, die bei uns beten.“ Die jungen Gemeindemitglieder, die samstags zum Jugendtreff in die engen Räumen der Ulu-Camii-Moschee kommen, haben für den Kampf der selbsternannten Gotteskrieger von IJU oder Al Qaida kein Verständnis und sprechen ihnen schlicht ab, Muslime zu sein. „Keiner hat das Recht, so etwas zu machen“, sagt eine Studentin der Technischen Universität Darmstadt, „und schon gar nicht, sich dabei auf den Koran zu berufen.“
Rund die Hälfte der 15 Teilnehmer sind Studenten, die anderen Gymnasiasten - alles andere als repräsentativ für die von Özcan beschriebenen „Problemfälle“. In einem sind sich die vom Vorstand stolz als „Zukunft der Gemeinde“ vorgestellten jungen Leute mit den älteren Mitgliedern einig: „Die Moschee ist für uns nicht nur Gebetsraum, sondern sozialer Treffpunkt“, sagt eine Studentin, die sich vom Dachverband Ditib zur Moscheeführerin hat ausbilden lassen. Mit ihrer Kritik an der nach dem Minarettverbot in der Schweiz aufgebrachten Debatte spricht sie den Anwesenden aus dem Herzen: „Das Verbot richtet sich nicht nur gegen Minarette, sondern gegen den Islam insgesamt.“